InterviewBotschafter Philippe Etienne „Der Wille zur Einheit ist stark“

Rund zwei Wochen sind seit den Anschlägen auf die Redaktion von „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt vergangen. Philippe Etienne, Botschafter Frankreichs, spricht im Interview über Lehren aus den Attentaten und Antisemitismus.

Die Trennung von Religion und Staat werde ein Grundstein der französischen Gesellschaft bleiben, betont Frankreichs Botschafter Etienne. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth
Die Trennung von Religion und Staat werde ein Grundstein der französischen Gesellschaft bleiben, betont Frankreichs Botschafter Etienne. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Stuttgart - Rund zwei Wochen sind seit den islamistischen Anschlägen auf die Redaktion der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ und einen jüdischen Supermarkt vergangen. Philippe Etienne, Botschafter Frankreichs in Berlin, spricht im Interview über Lehren aus den Attentaten, Laizismus und Antisemitismus.

Herr Botschafter, wie stark haben die Terrorattacken Frankreich verändert?
Die Reaktion der französischen Bevölkerung nach diesen abscheulichen Attentaten war bemerkenswert. Mehr als vier Millionen Menschen sind auf die Straße gegangen. Eine solche Reaktion hat es bei Anschlägen vorher nicht gegeben. Uns hat aber auch beeindruckt, wie stark die Solidarität weltweit war – nicht zuletzt in Deutschland – und dass so viele Staats- und Regierungschefs an der Seite unseres Präsidenten in Paris mit marschiert sind. Es hat sich gezeigt, dass es eine große Einigkeit und Entschiedenheit gibt, die Gewalt zu bekämpfen.
Wie nachhaltig wird dieses Gefühl des Zusammenhalts in Frankreich sein, das in den letzten Jahren durch wachsende gesellschaftliche Spannungen geprägt war?
Ja, es gibt diese Spannungen – gerade auch als Folge der Globalisierung. Aber der Wille zur Einheit ist stark. Diese Anschläge waren ein Angriff auf die gesamte Gesellschaft. Und sie hat mit dem klaren Bekenntnis geantwortet: Wir sind ein Volk! Diese Einigkeit wird anhalten.
Offensichtlich waren die Attentäter vorher polizeibekannt. Was sind die Lehren für die Sicherheitsbehörden in Frankreich und Europa, die nun gezogen werden müssen?
Wir müssen gemeinsam dafür sorgen, dass die Menschen, die eine terroristische Gefahr darstellen, besser überwacht werden. Wir müssen die islamistische Ansteckungsgefahr bei jungen Leuten, die bereits in Gefängnissen einsitzen, mindern. Wir müssen die Reisewege zwischen Europa und Nahost besser kontrollieren. Wir Europäer können in der Außen- und Sicherheitspolitik noch besser kooperieren. Aber darüber hinaus müssen wir uns natürlich fragen, warum sich junge Menschen so radikalisieren und wie man so etwas verhindern kann. Dazu gehört Gesellschaftspolitik, die Bildungs- und Stadtpolitik, der Dialog mit den Religionen.
Die Attentäter waren französische Islamisten. Nun ist Frankreich geprägt durch eine sehr strikte Trennung von Staat und Kirche. Müssen Sie über dieses Verhältnis neu nachdenken?
Die Trennung von Staat und Religion ist ein Grundstein der französischen Gesellschaft, und er wird so bleiben. Aber jetzt gibt es eine Debatte, ob dieses laizistische Prinzip im Lichte der aktuellen Entwicklungen neu interpretiert werden muss. Das betrifft zum Beispiel die Schulpolitik. Unsere Bildungsministerin hat gerade vorgeschlagen, im Unterricht stärker über die bürgerlichen und republikanischen Werte zu sprechen.
Viele jüdische Franzosen haben sich beklagt, dass ihren Toten weit weniger Anteilnahme entgegengebracht wurde als den anderen Anschlagsopfern. Wie stark ist der Antisemitismus in Frankreich zurzeit?
Wir verstehen die Gefühle der jüdischen Gemeinschaft, weil es schon vor zwei Jahren einen schweren Anschlag mit jüdischen Opfern gegeben hat. Es gibt unbestreitbar antisemitische Strömungen. Aber die Anteilnahme auch für diese Opfer war jetzt in der gesamten Gesellschaft groß. Es hieß eben nicht nur: Wir sind Charlie! Wir sind Polizisten! Sondern es hieß auch: Wir sind Juden!
Gleichwohl: es gibt eine wachsende Zahl von Juden, die Frankreich verlassen.
Premierminister Valls hat gesagt: Frankreich ohne unsere jüdischen Bürger wäre nicht Frankreich. So empfinden wir. Aber natürlich ist das immer eine individuelle Entscheidung, ob jemand gehen will oder nicht. Wir haben in Frankreich die größte jüdische Gemeinschaft in Europa. Und ich bin dankbar, dass deren Verantwortliche darauf hingewiesen haben, wie wichtig es für sie ist, dass es weiter diese Gemeinschaft in Frankreich gibt.