Boykott gegen Kevin Spacey Pro und Kontra: Filmrolle ersetzen oder nicht?

Sechs Wochen vor dem US-Kinostart des Films „Alles Geld der Welt“ soll Hauptdarsteller Kevin Spacey mittels Nachdreh mit einem anderen Schauspieler ersetzt werden. Ihm werden sexuelle Übergriffe vorgeworfen. Eine Debatte über das Für und Wider dieser Filmveränderung.

Kevin Spacey soll in Ridley Scotts Spielfilm „Alles Geld der Welt“ („All the Money in the World“) durch Christopher Plummer ersetzt werden. Foto: AP
Kevin Spacey soll in Ridley Scotts Spielfilm „Alles Geld der Welt“ („All the Money in the World“) durch Christopher Plummer ersetzt werden. Foto: AP

Stuttgart/Hollywood - Wie US-Medien berichten, will Regisseur Ridley Scott (79) Kevin Spaceys Rolle des Ölmilliardärs Jean Paul Getty in dem Entführungsdrama mit dem Schauspieler Christopher Plummer (87) nachdrehen. Die Crew und das Studio Sony Pictures stehen angeblich einstimmig hinter Scotts Entscheidung. Die Dreharbeiten würden sofort beginnen, um den Starttermin am 22. Dezember einhalten zu können. In Deutschland soll der Film im Februar kommendes Jahr in die Kinos kommen. Die Redakteure Simone Höhn und Thomas Klingenmaier debattieren in einem Pro & Kontra das Für und Wider dieser Entscheidung.

Pro Kevin-Spacey-Boykott (Simone Höhn):

Wer diese Entscheidung verstehen will, muss die amerikanische Seele verstehen. Das, was wir in Europa Doppelmoral nennen, gehört in den USA zum ganz alltäglichen way of life. Gerade die Filmbranche gibt sich gerne freigeistig und weltoffen, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen aber als kleingeistig und rückwärtsgewandt. Ob es nun um die ungleiche Bezahlung von männlichen und weiblichen Schauspielern geht oder um die Besetzung von homosexuellen Rollen. Ausgerechnet in der als liberal geltenden Traumfabrik werden für solche Filme eigentlich immer heterosexuelle Schauspieler gecastet.

Sei es die Rolle des schwulen kalifornischen Bürgerrechtlers Harvey „Milk“, die an Sean Penn ging, die der schwulen Cowboys in „Brokeback Mountain“, die von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal gespielt wurden oder schon viel früher die Rollen der Schwulen, die von Tom Hanks in „Philadelphia“ und Robin Williams in „The Birdcage“ übernommen wurden. Das Filmpublikum ist in weiten Teilen der USA noch immer so konservativ, dass man den prominenten Einsatz homosexueller Darsteller (als da wären Rupert Everett, Alan Cumming oder Cynthia Nixon) aus Angst um die Einspielergebnisse eher meidet.

Und im Fall Spacey zeigt sich einmal mehr der in der amerikanischen Mentalität tief verwurzelte Konservatismus. Sexuell übergriffig und auch noch homosexuell – da muss schnell der moralische Vorhang drüber geworfen werden. Klarer Fall aus amerikanischer Sicht: Kevin Spacey gehört heraus geschnitten.

Empathisch und solidarisch mit den Schwächeren

Zum amerikanischen Selbstverständnis von Anstand und Moral gehört auch die Vorstellung von Schuld und Sühne, von Vergeltung und Strafe. Auge um Auge, Zahn um Zahn – in einem Land, in dem die Todesstrafe existiert, gilt dies als selbstverständliche Maxime. Daher ist es nur logisch, dass die Filmcrew rund um Regisseur Ridley Scott einstimmig für einen Ersatz für Kevin Spaceys Rolle plädiert. Erstens muss Strafe sein, zweitens gilt die höchste Pietäts-Stufe vor den Opfern (einmal ganz abgesehen von wirtschaftlichen Erwägungen). Neben moralisch kann der Amerikaner nämlich eines auch besonders gut: empathisch und solidarisch mit den Schwächeren. Dazu gehört die Rache als fest etablierte Maßnahme zur Widerherstellung der gesellschaftlichen Ordnung. Und so wie George W. Bush damals den „War on Terror“ ausrief, rufen jetzt eben Kulturschaffende den „War on Sexists“ aus. Und mal ehrlich: wem würden im Kinosessel beim Anblick von Spaceys Visage nicht irgendwelche Bilder vor dem inneren Auge erscheinen, die nichts mit den Bildern auf der Leinwand zu tun haben?! Will man das haben? Nicht wirklich.

Ruhig mal ein bisschen sensibel sein

Die Entscheidung, Kevin Spacey durch Christopher Plummer zu ersetzen, ist mit den Augen der Amerikaner gesehen, absolut richtig und verständlich. Man darf ruhig erst mal ein bisschen sensibel sein und in einer derart aufgeheizten Stimmungslage Haltung zeigen. Auch wenn es mit europäischen Augen gesehen eine widersinnige, doppelmoralische Haltung ist. Schließlich kann einem im Streaming-Zeitalter jederzeit auf allen möglichen Kanälen ein Kevin-Spacey-Streifen entgegen flimmern.

 

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Wenn, dann bitte richtig: Wenn man sich schon entscheidet, aktuelle Projekte mit sexuell übergriffig gewordenenen Personen zu beenden oder anderweitig zu besetzen, dann muss man auch konsequent sein und alle bisherigen Filme/Serien an denen diese Personen mitgewirkt haben aus dem Verkehr, sprich aus dem Verleih/Verkauf, nehmen. Weiterhin müssen dann natürlich auch alle Auszeichnungen aberkannt und an den/die Zweitplatzierten gehen, genau wie es bei Dopingsündern im Sport geschieht. Und natürlich muss im Wiederholungsfall auch ein lebenslanges Berufsverbot ausgesprochen werden. Alles andere ist doch wieder nur Aktionismus und Augenwischerei. Ebenso sind bei Musikern alle bisherigen Produktionen aus dem Verkehr zu ziehen, natürlich gilt dies auch für Schriftsteller und deren Werke. Wobei natürlich zu beachten ist, das dies nicht nur für Sexualstraftäter gilt, sondern selbstverständlich auch für Antisemiten und Personen, die gegen andere derzeitige Wertvorstellungen verstossen. Mir fällt dabei zum Beispiel Martin Luther ( Antisemit ) ein oder auch die Gebrüder Grimm ( schwere rassistische Vorurteile in deren Werken ). Ob man als Sahnehäubchen die so aussortierten Werke dann noch schön öffentlichkeiteswirksam verbrennt sei dahin gestellt, wäre aber wahrscheinlich auf Grund der unguten Assoziationen mit der NS-Zeit eher kontraproduktiv. Aber Verstromung durch zuführen in Müllverbrennungsanlagen wäre vielleicht eine Idee, wobei man natürlich wieder beachten müsste das diesen toxischen Strom vielleicht niemand kaufen möchte. Müsste man diesen dann ggf. speziell kennzeichnen, sozusagen als Gegenteil zum Ökostrom?

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