Brandmale durch Schrotkugeln

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Schorndorf Die Katze Yessie ist von einem Unbekannten angeschossen und schwer verletzt worden. Nur eine mehrstündige Operation rettete der schmusigen Notfallpatientin das Leben. Von Oliver Hillinger

Schorndorf Die Katze Yessie ist von einem Unbekannten angeschossen und schwer verletzt worden. Nur eine mehrstündige Operation rettete der schmusigen Notfallpatientin das Leben. Von Oliver Hillinger

Wenn Katzen sieben Leben haben, dann hat Yessie jetzt nur noch sechs. Die graublau gefärbte Kartäuserkatze mit dem wuscheligen Fell ist dem Tod knapp von der Schippe gesprungen. Yessie kann zwar wieder Streicheleinheiten genießen, die Augen genussvoll zukneifen und leise schnurren - aber danach schleppt sich die zweijährige Katze von einem Handtuch auf ein Kissen und zieht ihren rechten Hinterlauf mühsam hinter sich her. Dort ist ihr das Fell rasiert worden, und in der grauen Haut befinden sich kleine, kreisförmige Narben - die Einschusslöcher von Schrotkugeln.

Yessie ist Opfer eines Vorfalls geworden, der sich in der vorletzten Novemberwoche nahe des Schorndorfer Teilortes Weiler abgespielt haben muss. Südlich der Siedlung beginnen Wiesen und Felder, die zum Wald hin ansteigen. Eine Straße führt zu einem Parkplatz, um den sich die Hütten einer Kleintierzuchtanlage, ein Schützenhaus und einige Kleingärten gruppieren. Einer der Besitzer dieser Gärten war für längere Zeit eine Art Pflegevater für Yessie. Er fütterte sie regelmäßig, berichtet die Vorsitzende des Schorndorfer Tierschutzvereine, Heidi Kaspar. Auch in der Tierstation war die Katze bereits früher zu Gast gewesen: Yessie hat seit damals eine Tätowierung am Ohr und war sterilisiert worden.

Schon einige Tage war Yessie von ihrem Fütterer vermisst worden, dann fand er das Tier schwer verletzt zusammengekauert am Boden liegend. Yessie hatte, wie sich rasch erwies, einen gebrochenen Hinterlauf und Brandmale der Schussverletzungen. Acht Schrotkugeln sollte ihr die Tierärztin später in einer mehrstündigen Operation heraus operieren, die meisten in der Gegend um den Hinterlauf. Der Schuss, so vermutet Heidi Kaspar, sei von hinten auf das Kätzchen abgegeben worden. Ob und wie der Bruch ihres Hinterlaufs damit zusammenhänge, sei nicht geklärt. Die schonendste Version des Vorfalls ist, dass jemand das Kätzchen angefahren hat und es danach von seinen Schmerzen erlösen wolle. Sie lehne diesen Gedanken ab, sagt Heidi Kaspar. An Yessie zeige sich, dass eine Katze sich von einem Unfall sehr wohl erholen könne.

Die Operation geschah unter Vollnarkose und Intubierung. Viel geschlafen habe Yessie danach, ganz wie ein menschlicher Patient. Mittlerweile hat sich die Welzheimerin Melanie Müller ihrer vorerst angenommen, wo ein Gästezimmer für sie bereitsteht - ohne Schränke und Tische, von denen sie herunterstürzen könnte. Mit dem alten Kater, mit dem sie das Zimmer teilt, versteht sie sich gut. "Sie ist eine sehr soziale Katze", sagt Heidi Kaspar.

Es bleibt die Frage, ob der, der die Katze angeschossen hat, zur Rechenschaft gezogen werden kann. Die Polizei hat inzwischen ermittelt. Schließlich sei das Schießen auf eine Katze unter Umständen ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz, welches verbietet, Tieren Schmerzen oder Leiden zuzufügen. Etliche Leute habe man befragt, sagt die Polizei: Den zuständigen Jagdpächter, den Vorsitzenden und einige Mitglieder des örtlichen Schützenvereins, auch die Waffenbesitzer vor Ort. Doch der Schrot sei handelsüblich. Und auf die Zeugenaufrufe habe bisher niemand reagiert.

Schüsse auf Tiere kommen zwar nicht häufig vor, aber es gebe eine hohe Dunkelziffer, sagt Heidi Kaspar. Eine Besonderheit sei, dass das Jagdgesetz den Jägern hinsichtlich Katzen eine Art Freibrief dafür ausstelle: Wenn eine Katze durch einen Jagdbezirk streune, dürfe sie getötet werden, wenn diese sich 500 Meter von einer Siedlung entfernt aufhalte. Katzen, so erklärt man im zuständigen Ministerium für ländlichen Raum, seien schließlich "Predatoren", also Räuber, die Mäuse, Kaninchen, Hasen und Vögel wilderten. Der Gesetzgeber habe entschieden, "wildlebende Tiere vor streunenden Katzen zu schützen".

Günther Heisenberger, der Waiblinger Kreisjägermeister, erklärt auf Anfrage, dass er den Abschuss von Katzen ablehne. Er empfehle das auch seinen Jagdgenossen und kenne niemanden, der so etwas tue. Er sei indes dagegen, das Jagdrecht in dieser Hinsicht zu verschärfen. "Die bestehenden Gesetze reichen aus, wenn man sich vernünftig verhält", sagt Heisenberger.

Yessie ist auf dem Weg der Besserung, abgeschlossen ist die Behandlung indes nicht. Einige Schrotkugeln stecken noch in ihrem Körper, zudem muss die Platte entfernt werden, die noch ihren Hinterlauf schient. Heidi Kaspar ist optimistisch, dass Yessie bei einfühlsamen Besitzern eine neue Heimat findet. Was bleibt, sind die Behandlungskosten: mehr als 2000 Euro.

Spenden Wer dem Verein helfen möchte, kann Geld auf das "Spendenkonto Yessie" überweisen: Kontonummer 15 08 15 88 bei der KSK Waiblingen, Bankleitzahl 602 500 10.