Brauner Terror Jenaer Nazi-Netzwerk ist noch aktiv

Von Harald Lachmann, Klaus Wallbaum und  

Der Verfassungsschutz hat rechte Aktivitäten unterschätzt. In Baden-Württemberg kennt man den „Nationalsozialistischen Untergrund“ gar nicht.

 

Szene aus dem Bekennervideo des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), das von den Ermittlern in der Zwickauer Wohnung gefunden wurde. Foto: Der Spiegel 3 Bilder
Szene aus dem Bekennervideo des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU), das von den Ermittlern in der Zwickauer Wohnung gefunden wurde.Foto: Der Spiegel

Magdeburg - Der äußerlich unauffällige Brief war an die "PDS-Geschäftsstelle" in Magdeburg gerichtet gewesen. Zugestellt worden sei das Schreiben, das die Bekenner-DVD der Rechtsterroristen Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe enthielt, ganz normal "per Post und ohne Anschreiben", sagt Gudrun Tiedge, eine sachsen-anhaltische Landtagsabgeordnete jener Partei, die sich seit 2007 Die Linke nennt. Tiedge interpretierte den Brief zuerst als "unterschwellige Drohung".

Denn allein im Sommer 2011 sei bundesweit im Schnitt alle zwei Tage ein Angriff auf ein Büro der Linken verübt worden. Im Magdeburger Innenministerium fragt man sich hingegen auch, ob das verjährte Parteikürzel auch als zeitliches Indiz zu verstehen sei. War die DVD etwa schon versandbereit gewesen, als es in der Tat noch eine PDS gab.

Und wer steckte den Brief in den Briefkasten? Die Rätsel um das mörderische Trio, das nun mindestens ein Quartett ist, reißen nicht ab. Hauptsächlich führen die Spuren derzeit in das sächsische Zwickau. Hier hatten Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe wohl seit 2001 gelebt. Und hier führt die Fährte auch in das rechtsextreme Milieu der Stadt.

Paul Panther - Hauptfigur der DVD über Döner-Morder

In Zwickau lebt der frühere Landtagsabgeordnete und heutige Stadtrat Peter Andreas Klose. Erst kürzlich trat er aus der NPD aus. Bei Facebook kommuniziere er als "Paul Panther", fand die sächsische Landtagsabgeordnete der Linken, Kerstin Köditz, heraus. "Paulchen Panther" ist auch die Hauptfigur der DVD, die die Polizei in der Zwickauer Wohnung fand. In der DVD rühmt sich das Trio der Döner-Morde.

Nach den Recherchen von Antifagruppen in Sachsen und Thüringen soll die rechtsextreme Organisation Thüringer Heimatschutz, die bis zu seiner Enttarnung 2001 von dem Verfassungsschutzzuträger und NPD-Funktionär Tino Brandt geführt wurde, auch noch nicht völlig untergegangen sein. Wer die entsprechende Internetseite anklickt, landet beim Aktionsbüro Thüringen beziehungsweise beim Freien Netz Thüringen. "Dessen Teil wiederum ist das Freie Netz Jena", so Köditz.

Nach den Recherchen der Linkspolitikerin ist der "informelle Führer und einer der wichtigsten Kader der Gesamtstruktur Freies Netz genau jener Ralf W., der damals einer der wichtigsten Funktionäre des Heimatschutzes und faktisch der ,Vorgesetzte' des späteren Nationalsozialistischen Untergrundes war". W. gehörte nach "Spiegel"-Informationen bis Anfang 1998 mit Mundlos, Böhnhardt, Zschäpe und dem bei Hannover verhafteten 37-jährigen Holger G. zum harten Sechserkern der militanten Jenaer Neonaziszene. Die Bundesanwaltschaft ermittelt gegen ihn.