Die kleine Bäckerei an der Ecke ist in Stuttgart immer seltener anzutreffen. Foto: AP
Stuttgart - Unser Kolumnist Timo Brunke beklagt, dass die kleine Bäckerei an der Ecke, wie es sie früher gab, am Verschwinden ist.
Da kommt sie schon, da vorn, das heißt: Nicht s i e kommt, sondern ich zu ihr, Die kleine Bäckerei am Eck, Ein Alt-Stuttgarter Souvenir. Ich geb nicht preis das Wo und Wer, Ich sag nur: sie ist im Verschwinden Begriffen, und sie kommt nicht mehr. Wen das ergreift, der wird sie finden.
An ihr ist wirklich gar nichts bunt. Auf Deko-Ware sank der Staub. Das Bäko-"Bäckerblume"-Mehl Dort im Regal, so out wie traut. Doch hinter der Theke leuchtet Brot – Nicht allzu viele, aber Sonnen Sind diese Laibe, und von Hand Geformte Backstub-Augenwonnen!
Dort wirkte er im Morgengraun, Wo die Stellagen sich verkeil'n. Er selber? "Hat sich hingelegt", Erfahre ich in ein, zwei Zeil’n. "Sein Apfelkuchen ist dran schuld" Kommt eine Kundin zu mir her, "Ond ao die Zwiebelbrötle, Sie! – I trag nix Quergestreiftes mehr."
Salamiweckle schaun mich an, Salatblattfrei, "konkrete Nahrung", Die süßen Stückle, keines gleicht Dem andern. Eine Offenbarung: Selbst was dem Meister mal misslang, Es weht dich an ein Uraroma, Ein Duftgeschmack, ein Krustenklang, Ich beiß hinein – und fall ins Koma:
Dies Laugenweckle, dieser Biss, Reißt mich in einem Gaumenblick Zurück in die Vergangenheit, Hinein in dieses Kindheitsstück: Ich steh, vor dreißig Jahren, stumm In einer Schlange, Brötchen holen, Im Bäckerladen drin. Da kommt In einer Mehlstaubaureole Der Bäcker Oelkrug aus der Backstub Ein heißes Blech in jeder Hand, Entleert’s in einen heißen Drahtkorb – Hat er zur Kundschaft sich gewandt?
Mit keinem Gruß, doch alles schaut, Wie er die guten Sachen bringt, Er, der für unser täglich Brot Sich nächtens aus den Kissen zwingt. Dann kehrte er sich um und ging Schwarz-weiß behost an uns vorüber Und legte seinen Schurz im Gehen Und den Beruf für immer nieder.
Noch duftet er und lässt sich finden: Der Bäck am Eck ist am Verschwinden.
Wir, die Bürger sind selber Schuld, suchen Sie mal in der Innenstadt einen Metzger, einen Stuttgarter. Vergessen Sies! Versuchen Sie mal an eine einzelne Schraube zu kommen, "unmöglich". Warum solls dem Bäcker besser gehen. Es ist ja anderswo soooooo billig. Eigentlich Schade, was meinen Sie?
JUN
29
18:02 Uhr, geschrieben von f.wildermuth
wir sind doch alle selber schuld!
geiz ist geil, schnäppchen jagen ist zum volkssporrt geworden, leistung wird fast nicht mehr honoriert. warum soll sich denn einer um 3 uhr morgen in die backstube stellen, wenn wir alle zum discounter rennen und und beschweren wenn die brezel beim bäcker am eck über 50 cent kostet?! es hat mit den tante emma-läden angefangen und wird bei den bäckern nicht enden. meine schuhe kann ich auch online kaufen, ebenso kleidung, und andere waren und dienstleistungen. das internet tut sein übriges dazu.
wenn unsere gesellschaft also nicht dazu bereit ist, für dienstleistungen auch gerne mal ein paar cent mehr auszugeben, wird es so weitergehen. macht euch alle darauf gefasst!
aber in hundert jahren erinnert sich sowieso keiner daran, ausser stadtchroniken und geschichtsbücher! ;-)
JUN
29
13:59 Uhr, geschrieben von Laugeweckle
Zeitverschiebung
Tja, Herr Brunke, so kann's gehen, wenn man nach
Jahren das erste Mal wieder aus dem Haus kommt und
dann auch noch selbst das Brot kaufen muss.
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