Brustkrebsprjekt "Amazonen" Das neue Leben nach dem alten

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Das Fotoprojekt „Amazonen“ zeigt Frauen, die ihrem Schicksal die Stirn bieten und zugleich Energie und Verletzlichkeit ausstrahlen.
   

 Foto: Esther Haase
Foto: Esther Haase

Stuttgart - Fast hat man das Gefühl, sie würden einen mit ihrem Schwung gleich umwerfen: Die Frauen, die sich hier für das Brustkrebsprojekt "Amazonen" vor den Kameras der Fotografinnen Esther Haase und Jackie Hardt in einem Studio in Berlin-Friedrichshain in Pose werfen, strahlen eine solche Lebensfreude aus, dass man sich beim zweiten Hingucken sogar traut, ihre Versehrungen anzuschauen.

Manche von ihnen haben seit ihrer Operation künstlich rekonstruierte Brüste, manche nur noch eine Brust und manche gar keine mehr. Zu zeigen, dass sie alle trotzdem und gerade deswegen auch schön, kämpferisch, weiblich sind, war ein Anliegen von Uta Melle, der zarten Elfe (vorne rechts auf dem Foto).

Sie erkrankte ebenso wie ihre inzwischen verstorbene Mutter mit 40 an der heimtückischen Krankheit, und es war für sie ein wichtiger Teil des eigenen Heilungsprozesses, zu ihrem Körper zu stehen, ihn gar auszustellen, um auch anderen die Scheu vor dem angstbesetzten Thema zu nehmen. In einem ersten Projekt ließ sich die Mutter zweier kleiner Töchter selbst vor und nach ihrer Operation, bei der man wegen der erblichen Vorbelastung die Brüste komplett entfernte, ablichten.

50.000 Neuerkrankrungen pro Jahr

Es entstanden Bilder von herzzerreißender Fragilität und Grazie. Für "Amazonen" nun, als Ausstellung in Hamburg zu sehen, begab sich die Werbekauffrau gemeinsam mit 18 Schicksalsgenossinnen, die sie nach langwierigen Recherchen gefunden hatte, vor die Objektive der Fotografinnen. Seit Sonntag ist auch ein Bildband zur Ausstellung erhältlich.

"Dein altes Leben ist vorbei. Aber es kommt ein neues." Dieser Satz von Uta Melle könnte als Motto über dieser mutigen Produktion stehen. Auf den Fotos sind wahrhaft wilde Weiber zu sehen, Frauen in den mittleren Jahren, teilweise ohne Haare, alle mit Narben. Frauen, die das, was ihnen widerfährt, fast angriffslustig zeigen. Sie sind keine kleine Minderheit, das wissen sie. 50.000 Frauen erkranken jährlich in Deutschland an Brustkrebs, die zahlreichen Überlebenden der Krankheit sind gezeichnet an einem Organ, das wohl wie kein anderes für Weiblichkeit steht.

Dort verletzt zu werden ist auch ein Angriff auf die Seele und das Selbstbewusstsein. Dass es deshalb nicht damit getan sein kann, ob des allgemeinen Wunsches nach Verdrängung und glatter Oberfläche die körperliche Unversehrtheit wiederherzustellen, dass es vielmehr darum geht, dort hinzuschauen, wo es wehtut, um die Betroffenen nicht in der Isolation zu belassen, ist die Botschaft dieser Bilder.

Ein Manifest weiblicher Energie

Warm, menschlich, solidarisch wie sie es noch nie erlebt habe, sei es während der Arbeit an den zwei Tagen in Friedrichshain zugegangen, sagt Esther Haase, die sonst für internationale Modefirmen arbeitet, über den Job, den sie hier abgeliefert hat. Wie genau die Atmosphäre dabei aussah, hat die Autorin Sophie Albers überliefert. Die Frauen stampften mit den Füßen auf, schrien und posierten wie die Amazonen, jene kriegerischen Damen der Antike, die sich eine Brust amputieren ließen, um besser mit Pfeil und Bogen schießen zu können, schreibt sie im Vorwort zu dem erschütternden, ermutigenden Bildband.

"Sie wollen, dass wir verstehen, warum dieses Tabu durchbrochen werden musste, warum sie strahlend ihrem Exhibitionismus frönen", merkt die frühere "Elle"- und "Bunte"-Chefredakteurin Beate Wedekind an, die zugibt, angesichts der Aufnahmen zuerst abgeschreckt gewesen zu sein, bevor sie sich der Einsicht öffnen konnte: "Das bin doch auch ich!" Eine Teilnehmerin brachte ihre Gefühle, als sie sich nach Zögern den Bademantel vom Leib riss, so auf den Punkt: "Ich bewundere alle Frauen, die hier sind, und ich bewundere mich selbst." Welch ein umwerfendes Manifest weiblicher Energie und Verletzlichkeit!