Buch über Amoklauf
Chronist rügt Journalisten
Kathrin Wesely,
20.02.2011 10:03 Uhr
Erst kam der Amokläufer, dann kamen die Medien. Foto: Stoppel
""Sie drängeln sich so nah wie möglich an den Tatort ran, die Futterstelle für Journalisten.""
Auszug aus Kalkas Buch
Der Autor Jochen Kalka wohnt mit seiner Frau und zwei Töchtern in Winnenden. Die Kinder besuchen das Schulzentrum, zu dem auch die Albertville-Realschule gehört. Er ist Chefredakteur der Fachzeitschrift "Werben und Verkaufen" und hat ein Jahr lang die Einwohner Winnendens dabei begleitet, "in die Normalität zurückzukehren", schreibt sein Buchverlag. Im Grunde stimmt das nicht ganz. Denn zum einen ist Kalka nicht nur ein unbeteiligter Beobachter, zum anderen ist er mehr der Chronist der Ereignisse. Mindestens genauso wie die Menschen interessieren den Autor die Reflexion des Amoklaufs und seiner Folgen in Medien und Politik.
Keine differenzierte Sicht
Nach dem starken Auftakt, der im Telegrammstil die Tragweite der psychischen Dramen auffächert, hebt Kalka zur großen Medienschelte an. "Sie drängeln sich so nah wie möglich an den Tatort ran, die Futterstelle für Journalisten." Die scharfe Kritik ist richtig und wichtig. In Winnenden haben sich Journalisten degoutant aufgeführt. Aber in Kalkas Buch wird sie zum durchgängigen Lamento, das eine differenzierte Sicht nicht zulässt. Während Kalka von sich behauptet, dass er seine Rolle als Journalist kritisch reflektiere, spricht er diese Fähigkeit den Kollegen ab, die aktuell über das Massaker berichten mussten – eine Situation, in die der Chefredakteur von "Werben und Verkaufen" nicht geraten würde.
Weggeblendet wird beim pauschalen Abwatschen auch, dass die Berichterstattung Druck auf die politische Klasse auszuüben vermag, wenn es etwa um die Verschärfung des Waffenrechts geht, wofür der Autor selbst vehement eintritt. In der teils unfairen Kritik schwingt vielleicht etwas mit von dem Zorn über die eigene Ohnmacht in Anbetracht einer solch monströsen Tat.
Sein Vorschlag, darüber in den Medien erst gar nicht zu berichten, muss als weltfremd ad acta gelegt werden. Zudem drängt sich die Frage auf, weshalb der Autor selbst in die Tasten griff. Dabei liegt Jochen Kalka vermutlich gar nicht falsch, wenn er insbesondere die Heroisierung des Täters in einigen Medien anprangert: "Auch ein Massenmord oder ein Amoklauf wäre für den Täter nicht mehr so interessant, wenn nicht oder nur minimal darüber berichtet werden würde. Denn die Täter sind meist Schwächlinge, die wenigstens einmal in ihrem Leben in den Medien groß rauskommen wollen."
Wie ein roter Faden zieht sich durch diesen ausgebreiteten und elaborierten Zettelkasten aus Presseberichten, Notizen und offiziellen Verlautbarungen das persönliche Erleben und die Begegnungen mit Leuten in der Stadt. Das berührt und verleiht dem meinungsstarken Buch Authentizität.
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