Buch über die Leichtathletin Samia Yusuf Omar Odyssee in den Tod

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Samia Yusuf Omar hat bei den Olympischen Spielen 2008 Somalia vertreten. Als die Lage zu Hause außer Kontrolle gerät, will die Leichtathletin vor dem Terror nach Europa fliehen. Sie kommt nie an. Ein Comic erzählt nun ihre bewegende Geschichte.

Die Leichtathletin Samia Yusuf Omar kommt auf der Flucht ums Leben. Foto: Verlag
Die Leichtathletin Samia Yusuf Omar kommt auf der Flucht ums Leben.Foto: Verlag

Stuttgart - Eines der letzten Bilder zeigt eine Hand, die nach einem Seil greift. Es ist die Hand von Samia Yusuf Omar. Sie kriegt das Seil nicht zu fassen. Es ist April 2012, als die Leichtathletin aus Somalia im Mittelmeer ertrinkt. Sie wird nur 21 Jahre alt.

So endet die auf Tatsachen beruhende ungewöhnliche Graphic Novel von Reinhard Kleist. In dem jetzt erschienenen Comic „Der Traum von Olympia“ (Carlsen-Verlag, 152 Seiten, 17,90 Euro) erzählt der preisgekrönte Zeichner berührend und angemessen die hierzulande weitgehend unbekannte Geschichte vom Leben und Sterben dieser jungen Frau, die gegen alle Widerstände ihren Sport ausüben wollte. Es ist, siehe oben, eine Geschichte ohne Happy-End. Sie endet mit dem Tod von Samia Yusuf Omar, die vor Terror und Armut in ihrer Heimat Somalia fliehen wollte, um sich in Europa ihren großen Traum von der zweiten Olympia-Teilnahme zu erfüllen.

Es ist eine besondere Geschichte, und wiederum auch nicht, weil sich Dramen wie diese so oder so ähnlich tagtäglich abspielen. Allein im Jahr 2014 sind schätzungsweise 3000 Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken. Vielleicht sind es auch mehr, so ganz genau weiß das niemand. Samia Yusuf Omar gibt dieser Statistik ein Gesicht. Sie steht für all die Namenlosen, die auf der Flucht in der Hoffnung auf ein besseres Leben elendig gestorben sind.

Omar benötigt 32 Sekunden für die halbe Stadionrunde

Samia Yusuf Omar machte 2008 Schlagzeilen, als sie bei den Olympischen Spielen in Peking über 200 Meter startete. Samia, eine abgemagerte Frau in einem weiten T-Shirt, wurde damals abgeschlagen Letzte in ihrem Vorlauf. Rund 32 Sekunden benötigte sie für die halbe Stadionrunde. Die Zuschauer feierten sie dennoch, und ihre Geschichte ging um die Welt. Die Öffentlichkeit liebt Exoten wie sie, kurz zumindest, ehe sich das Publikum der nächsten Story zuwendet. Olympischer Alltag.

Die Welt drehte sich weiter, und Samia musste nach Olympia zurück in ihre Welt. „Ich liebe Somalia“, sagte sie: „Aber dort gibt es keinen Frieden. Gäbe es dort Frieden, es wäre der schönste Ort der Welt.“

Somalia ist ein „failed state“. Seit Jahrzehnten tobt ein blutiger Bürgerkrieg, die Regierung kann ihr Gewaltmonopol längst nicht mehr durchsetzen. Auf dem Korruptionsindex ist das ostafrikanische Land seit 2007 durchgehend Letzter. Allein zwischen Oktober 2010 und April 2012 sind laut Vereinten Nationen 258 000 Menschen an den Folgen der Nahrungsmittelknappheit gestorben.

Somalia ist gescheitert.

Mogadischu war einst die „Perle Ostafrikas“, heute ist es ein real existierender Albtraum und gilt als die gefährlichste Stadt der Welt. In der Vorbereitung auf Peking muss Sami dort heimlich in der Burka trainieren oder mitten in der Nacht. Die Scharia ist das Gesetz. Sport ist verboten. Die radikalislamische Al-Shabaab-Miliz fordert ihren Vater auf, zu verhindern, dass seine Tochter läuft. Ohne Erfolg. Kurz darauf stirbt er bei einem Granatanschlag.

In Peking startet Samia ohne Kopftuch. Die Miliz zu Hause empfindet das als Affront. Als sie nach den Hochglanzspielen in Peking wieder in ihre Heimatstadt Mogadischu zurückkehrt, werden die Probleme für sie deshalb immer größer. Die Al-Shabaab-Milizen bedrohen sie nach ihrem Olympia-Auftritt. Samia hat Angst und hört auf mit Sport. Ihr Lebenslauf scheint zu Ende.

Viele von Samias Freunden fliehen nach Äthiopien und Europa. Sie bleibt vorerst, sie will ihre Mutter nicht allein zurück lassen. Die Schule hatte sie bereits vorzeitig verlassen, um im Haushalt zu helfen und das Überleben der Familie zu sichern, als ihr Vater starb. Sie träumt weiter von den Olympischen Spielen 2012 in London, doch realistisch scheint das nicht. Nicht in Mogadischu, das im Chaos versunken ist, nicht in dieser Umgebung von Terror und Angst. Doch ihr Wunsch ist stärker als die Furcht.

Im Oktober 2010 flieht Samia ins Nachbarland Äthiopien, wo sie sich in Addis Abeba einer Trainingsgruppe anschließen will. Mitte 2011 besucht sie dort der arabische Sender „Al-Jazeera“ und berichtet über den Traum der Läuferin von Olympia. „Somalias Inspiration kämpft gegen alle Widerstände“, lautet der Titel. Doch auch in Äthiopien kann sie nicht bleiben, es gibt Probleme mit ihren Papieren. Italien ist ihr neues Ziel, sie will sich dort einen Trainer suchen. Einer Freundin ist die Flucht dorthin bereits gelungen, Samias Schwester Hodan wiederum lebt seit 2006 in Finnland. Was dann genau geschieht, ist unklar. Einige Details sind offen, manche Angaben je nach Quelle auch widersprüchlich.

Der Verlauf der Flucht wird bestmöglich nachgezeichnet

Der Zeichner Kleist hat ihren Weg in Gesprächen mit der Schwester, die die Idee eines Comics unterstützt hat, mit Freunden und anhand von Facebook-Einträgen, mit denen Samia so hin und wieder Kontakt hielt, so gut es geht rekonstruiert und den wahrscheinlichen Verlauf der Flucht nachgezeichnet.

Sie leiht sich Geld und bezahlt so Schlepper und macht sich von Addis Abeba aus mit 20 anderem Flüchtlingen auf dem Heck eines Landrovers sitzend durch die Wüste ins knapp 4000 Kilometer entfernte Tripolis auf – mitten durch den libyschen Bürgerkrieg. „Wir hörten monatelang nichts von ihr und dachten, sie ist in der Wüste verloren oder wurde festgenommen“, sagte ihre Schwester der BBC. Wohl Mitte September 2011 kommt Samia an der Küste an und will von dort aus wie Tausende andere Flüchtlinge übers Mittelmeer nach Italien fliehen. Man habe versucht, Samia davon zu überzeugen, auf keinen Fall die Flucht mit dem Boot zu versuchen, so ihre Schwester. Erfolglos. Samias erster Versuch scheitert, das überfüllte Schlauchboot wird von der libyschen Küstenwache entdeckt.

Wochenlang wartet sie in einem Unterschlag auf die nächste Chance. Im April unternimmt sie einen zweiten Versuch. In einem sechs Meter langen Schlauchboot geht es los Richtung Italien, ins gelobte Europa. Mit vorgehaltenen Maschinengewehren werden die rund 60 Flüchtlinge an Bord gequetscht.

Während der Überfahrt geht der Sprit aus, eventuell ist er ausgelaufen und in Flammen geraten, einige Überlebende sollen Verbrennungen gehabt haben. Das Boot treibt hilflos auf dem Meer. Es dauert Tage, bis sie gefunden werden, einige Kinder und Jugendliche verdursten. Ein Boot der italienischen Küstenwache entdeckt sie schließlich. Die Soldaten werfen Seile über Bord, die Flüchtlinge schwimmen hinüber. Auch Samia. Aber sie schafft es nicht. Samia soll im vierten Monat schwanger sein, als sie im Mittelmeer ertrinkt. Mit ihr, so sagt ihre Schwester, seien sechs weitere Flüchtlinge ertrunken.

Das Mittelmeer als Massengrab

Ihre Leiche wird aus dem Massengrab Mittelmeer gezogen, die junge Frau wird auf dem Friedhof von Lampedusa beerdigt. Ein Todesdatum gibt es bis heute nicht. Irgendwann Anfang April wohl, vielleicht auch im März. Erst Monate später, im August 2012, wird ihr Schicksal bekannt, als der somalische Ex-Leichtathlet Abdi Bile, 1987 Weltmeister über 1500 Meter, davon erfährt – und auf einer Veranstaltung darüber spricht. Dadurch werden italienische Medien aufmerksam und recherchieren, ein ebenfalls lesenwertes Buch erscheint (Giuseppe Catozzella: „Sag nicht, dass du Angst hast“).

Samia hilft das nichts mehr. Aber wenigstens ihr Name und ihre Geschichte überleben. Reinhard Kleist schreibt: „Ich hoffe, dass ihre Geschichte dazu beiträgt, unser Bewusstsein dafür wachzuhalten, dass sich hinter den Randnotizen der Medien zur Flüchtlingspolitik Schicksale und hinter den abstrakten Zahlen Menschenleben verbergen.“ Samia Yusuf Omar, geboren am 25. März 1991 in Mogadischu, Somalia, gestorben Anfang April 2012 im Mittelmeer.

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