Buch von Helmut Kohls Sohn Nur Statist auf der Kanzler-Bühne
Barbara Thurner-Fromm, 28.01.2011 16:40 Uhr
""Wir liefen auf seiner politischen Bühne mit, als Teil des Bühnenbildes, aber ohne tragende Rolle.""
Aus "Leben oder gelebt werden" von Walter Kohl

München - In Dresden wird derzeit darüber debattiert, ob Helmut Kohl, dem Einheitskanzler, schon zu Lebzeiten ein Denkmal errichtet werden soll. Für so groß halten die Befürworter seine Verdienste. Zuhause, in Oggersheim, wird Helmut Kohl, der Familienvater, gerade vom Sockel gestürzt - von Walter Kohl, Jahrgang 1963, seinem Erstgeborenen, dem er den Namen seines im Krieg gefallenen Bruders gegeben hatte. Er hat ein Buch geschrieben, das den Leser frösteln lässt. Nun ist nicht ungewöhnlich, dass Söhne sich an ihren Vätern abarbeiten - im Gegenteil. Pädagogen und Psychologen halten das Kräftemessen in der Pubertät für notwendig, um eine eigenständige Persönlichkeit herausbilden zu können. Es ist auch nicht ganz neu, dass schon erheblich ältere Söhne berühmter Väter oft verzweifelt versuchen, aus deren Schatten herauszutreten. Das jüngste Beispiel lieferten dieser Tage auf offener Bühne der Großverleger Alfred Neven du Mont und sein Sohn Konstantin.

Doch das Kind eines Bundeskanzlers zu sein, ist von ganz eigener Qualität; kein anderer Mensch in unserem Land ist eine solch öffentliche Person - und mitgefangen, mitgehangen - seine Familie. 2006 hat Lars Brandt, der zweite von drei Söhnen des SPD-Kanzlers Willy Brandt und seiner Frau Rut, die Schwierigkeiten, Brüche und Ambivalenzen im Verhältnis zu seinem Vater in einem viel beachteten und gelobten Buch niedergeschrieben. Lars Brandt, Jahrgang 1951, ist Schriftsteller und Filmemacher; sein Buch mit dem Titel "Andenken" zeigt seinen ganz persönlichen Blick auf sein Vater; eine Abrechnung mit ihm ist es nicht. Im Gegenteil.

Auch Walter Kohl schreibt in seinem Buch "Leben oder gelebt werden", das dieser Tage im Integral Verlag erscheinen wird, von Versöhnung. Das zielt zwar auf den Vater; doch es geht nicht darum, sich mit ihm auszusöhnen sondern mit dem eigenen Schicksal. "Jeder Mensch kommt mit einem Rucksack auf die Welt, mit einer Bürde, an der er vielleicht sogar lebenslang zu tragen hat. Meine Bürde ist meine Herkunft, mein Name", schreibt Kohl junior. Eine Versöhnung mit Kohl senior bleibt imaginär. Es gibt keinen Kontakt mehr zwischen Vater und Sohn; Helmut Kohl hat sich von seinem Sohn losgesagt. "Auf meine direkte Frage: "Willst du die Trennung?", antwortete er mir knapp mit "Ja". So bleibt dem Sohn nur loszulassen.

Die wahre Familie des Vaters war die Partei


Walter Kohl beschreibt die Fremdheit zwischen Vater und Sohn als Wesensmerkmal seines Lebens. Als Junge leidet er unter der Festung, zu der das Einfamilienhaus in Oggersheim ausgebaut wurde, und unter den Sicherheitsbedingungen, unter denen die Familie leben muss. Er ist "der Sohn vom Kohl", die Leute tuscheln hinter seinem Rücken. Den Vater sieht er nur als "Gast im unserem Hause", erlebt ihn aber nicht als großen Freund. "Sein wahre Familie heißt CDU, nicht Kohl." Und "niemals hätte er, mit ganz wenigen Ausnahmen, einen Partei- oder Ämtertermin zugunsten einer familiären Verpflichtung fallen gelassen." Die Familie, so der Sohn, war nur wichtig für das öffentliche Bild des Vaters.

"Wir liefen auf seiner politischen Bühne mit, als Teil des Bühnenbildes, aber ohne tragende Rolle." Wie viel Sehnsucht der Sohn nach einem zugeneigten Vater hat, offenbart die Schilderung einer zufälligen Begegnung des 14-Jährigen mit Hanns Martin Schleyer im Bundestagsbüro. Der Arbeitgeberpräsident behandelt den Jungen freundschaftlich, hört ihm zu, als er über seine Terrorfurcht redet und macht ihm Mut, sich nicht zu ängstigen. Kurz darauf ist dieser Mann tot - ein Opfer der RAF.

Bis heute habe er es nicht geschafft, seinen Vater zu erreichen, schreibt Walter Kohl. Es stecken wohl Selbstmitleid, aber auch viel Verletztheit hinter dieser bitteren Bilanz. Und prägende Ereignisse: Vor allem der Freitod von Hannelore Kohl am 5. Juli 2001. Die Mutter hat stets auszugleichen versucht, was Walter und sein Bruder Peter beim Vater entbehrten. Doch die Todesbotschaft überbringt nicht der Vater den Söhnen, die lässt er ihnen von seiner Büroleiterin ausrichten.

Den Verlust der Mutter verkraftet der Sohn kaum; auch ihn treiben Todessehnsüchte um, denen er nicht nachgibt, weil er - selbst Vater - die Verantwortung für sein Kind spürt. Doch dann bringt ein Telegramm das Fass zum Überlaufen: "Wir haben geheiratet. Wir sind sehr glücklich. Maike Kohl-Richter und Helmut Kohl" steht darin. Die Söhne waren zur Hochzeit nicht eingeladen. Aber die "Bild"-Zeitung.
Kommentare (7)
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JAN
29
volker s.,, 10:37 Uhr

fan von kohl

Das war ein super Kommentar. Ironie vom feinsten.

JAN
29
Kohl-Fan, 10:26 Uhr

Hör mal, Kai, Herr Dr. Kohl

war schon immer vom Mantel der Geschichte umweht. Das Ehrenwort eines Ehrenmanns muss einfach mehr wert sein als banale Gesetze. Die Spenden kamen schließlich der richtigen Sache zu gute!

JAN
29
Adenauer, 10:08 Uhr

Anstand

Umgekehrt wird ein Schuh draus. Bei einem Mann, dessen Ehefrau sich krank und einsam das Leben nimmt und dessen Sohn - offenbar nicht weit davon entfernt das gleiche zu tun - derartig verletzt ist, daß es dies schriftlich und öffentlich ausbreitet, könnte man jegliche moralische und menschliche Kompetenz anzweifeln. Das Deutschland so lang von solch einem machtbesessenen Egoisten regiert wurde, ist mir als gutem Deutschen eher peinlich.

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