Buchbesprechung Die Vision eines Ethikers: Medizin der Zuwendung

Von  

Der renommierte Arzt und Philosoph Giovanni Maio prangert Fehlentwicklungen der modernen Medizin in seinen Büchern an. In seinem neuesten Buch „Den kranken Menschen verstehen“ aber möchte er die positiven Aspekte der Medizin aufzeigen.

Den Patienten ist schon viel geholfen, wenn ein Arzt das Gespräch sucht. Foto: dpa
Den Patienten ist schon viel geholfen, wenn ein Arzt das Gespräch sucht. Foto: dpa

Stuttgart - Immer wieder mahnte der renommierte Arzt und Philosoph Giovanni Maio die Fehlentwicklungen der modernen Medizin in seinen Büchern an. In seinem neuesten Buch „Den kranken Menschen verstehen“ aber möchte er die positiven Aspekte der Medizin aufzeigen, die dazu führen, dass noch immer viele Ärzte sehr glücklich mit ihrem Beruf sind. Den jungen und erfahrenen Ärzten Mut machen und den Patienten Zuversicht vermitteln – dies ist das Anliegen des Medizinethik-Lehrstuhlinhabers an der Freiburger Albert-Ludwigs-Universität.

Aus Sicht der Patienten sei für eine erfolgreiche Therapie folgendes besonders wichtig: „Mit jemandem reden, der mich versteht.“ Damit ist auch die Kernaussage von Maios Buch zusammengefasst. Den Menschen, dem man helfen möchte, müsse man verstehen. Dies jedoch sei zunehmend schwieriger geworden, kritisiert der Arzt mit langjähriger klinischer Erfahrung. Die Medizin arbeite zu sehr naturwissenschaftlich. Diese Sichtweise würde den Menschen und seine Lebenswelt überhaupt nicht in den Blick nehmen. In der Medizin würde nach Gesetzmäßigkeiten und Verallgemeinerungen gesucht, was zur Folge habe, dass der Menschen nicht mehr im Mittelpunkt stehe.

Giovanni Maio stellt keineswegs den naturwissenschaftlichen Zugang zum Menschen in Frage. Aber er sagt auch, dass diese Sichtweise nicht ausreiche. Das menschliche Wesen in seiner naturwissenschaftlichen Beschaffenheit könne nicht „in seiner Essenz“ erfasst werden, „weil wir so noch nichts von ihm als Mensch verstanden haben.“ Deswegen sei eben das Verstehen des Patienten so entscheidend. Und am Beispiel der Schizophrenie versucht der Autor, dies zu verdeutlichen. Das Zitat einer an dieser Psychose erkrankten Patientin lässt aufhorchen. Sie sagt: „Ich habe oft das Gefühl, dass die Kranken nicht erklären können und die Gesunden nicht verstehen.“

Maio schreibt in seinem Buch wiederholt, dass sehr viele Patienten mehr darunter leiden würden, dass ihnen niemand zuhöre oder sie keiner verstehe, als an ihren Symptomen. Dies eben sei das Problem moderner Medizin, die ihr ganzes Augenmerk darauf richte, Symptome zu finden, um diese dann therapeutisch zu bekämpfen. Gerade aber psychisch Kranke müsse man verstehen, Gefühlen könne man nicht mit Medikamenten beikommen. Doch was überhaupt ist notwendig, um einen kranken Menschen zu verstehen? Maio schreibt, dass man niemals einen anderen Menschen ganz verstehen könne – eben weil er ein Anderer sei. Und genau dieses Rätselhafte, Unvorhersehbare und Überraschende müsse man sich immer wieder eingestehen. Man könne höchstens mit jemandem vertraut werden. An dieser Stelle im Buch wird es philosophisch. Der Arzt und Philosoph Giovanni Maio schreibt, dass es ihm wichtig sei, zu verstehen, dass der Mensch eben nicht nur in der Welt lebe, sondern im Austausch mit ihr und somit in einem grundsätzlich offenen Verhältnis zur Welt und zu sich selbst. Das Verhalten oder das Gefühl eines Menschen könne sich daher auch immer nur auf eine komplexe Gemengelage zurückführen lassen.

Nicht selten jedoch werde in der modernen Medizin lediglich über die Diagnose gesprochen, als würde es darüber hinaus nichts weiter zu verstehen geben. Genau dies aber würde nicht ausreichen, wenn man seine Patienten verstehen wolle. Als Mediziner sei die Kunst des Verstehens gefragt, sich aber nicht zu identifizieren. Verstehen aus einer gewissen Distanz. Denn, so argumentiert Maio weiter, zum Verstehen des Anderen sei auch Abstand nötig, da nur in der Distanz das kritisch-analytische Moment als Voraussetzung für das Verstehen zur Geltung kommen könne. Es gehe um ein Hineindenken aus der Distanz und auch darum, den Patienten ernst zu nehmen. Der Arzt sollte also die Geschichte des Patienten kennen, um sein Gefühl im Moment nachvollziehen zu können. Maio fasst zusammen: „Den kranken oder leidenden Menschen verstehen heißt, seine Geschichte zu verstehen.“

Letztlich möchte Maio seine Leser – darunter mögen viele junge oder angehende Mediziner sein – dazu ermutigen, dass das Gespräch zwischen Arzt und Patient eine größere Bedeutung erlangt. Im Medizinstudium gebe es zwar auch entsprechende Lehreinheiten, da die Notwendigkeit des Gesprächs erkannt worden sei. Allerdings würde den Studierenden häufig nur eine Technik beigebracht, bei der mit rhetorischen Mitteln Empathie signalisiert werde.

Noch wichtiger als das Sprechen aber sei das Zuhören – der nach Ansicht von Maio wohl größte Schwachpunkt in der modernen Medizin. Allerdings würde das Vernachlässigen des Zuhörens nicht allein mit der naturwissenschaftlichen Sichtweise der Medizin zusammenhängen, sondern ebenso mit der Ökonomisierung, der Nachweis- und Dokumentationspflicht, die immer mehr zum Alltag der Medizin geworden sei. Aber nur wenn der Patient Zuwendung erfahre, könne er innere Kräfte mobilisieren. Diese Kräfte könnten dazu führen, dass der Kranke seine Krankheit bewältige. Daher sei es, so das Schlusswort von Maio, schlicht unverantwortlich, diesen Bereich wegzurationalisieren.

Zwar erfüllt der Autor sein Ziel, endlich einmal ein Buch zu verfassen, das positiv stimmen soll, nur zum Teil. Zu viel läuft in der modernen Medizin einfach schief – und dies dürfte nicht nur die Meinung Giovanni Maios sein –, als dass man nach der Lektüre zuversichtlich sein könnte. Dennoch macht er Mut. Wenn Patienten und Ärzte künftig wieder intensiver miteinander ins Gespräch kommen, wäre schon viel erreicht. Wenn dann auch noch das System die Zeit dazu ließe, würden alle davon profitieren.