Buchrezension Der Frühmensch in uns allen

Von Joachim Worthmann 

Der renommierte Forscher Svante Pääbo hat das Genom der Neandertaler untersucht, obwohl diese Frühmenschen schon vor Jahrtausenden ausgestorben sind. In seiner spannenden Forscherbiografie erzählt er die Geschichte dieses wissenschaftlichen Coups.

Ein wenig DNA der Neandertaler – im Bild eine Nachbildung –  steckt in den Europäern von heute. Foto: dpa
Ein wenig DNA der Neandertaler – im Bild eine Nachbildung – steckt in den Europäern von heute.Foto: dpa

Stuttgart - „Es ist kein Mensch.“ Das war die lapidare Botschaft, hinter der sich eine Sensation verbarg. Sie ereilte Svante Pääbo, damals Professor am Zoologischen Institut der Uni München, nachts im Bett. Man schrieb das Jahr 1996. Gerade war der aus Schweden stammende Molekularbiologe eingeschlafen, als das Telefon schellte. In der Leitung war einer seiner Mitarbeiter, der mit Hilfe eines Sequenzierautomaten DNA-Bruchstücke analysierte, die einem unscheinbaren Stück Knochen entstammten. Das Besondere daran: die Probe war Zigtausende von Jahren alt und den Überresten jenes Neandertalers entnommen, der dieser Menschenart den Namen gegeben hatte.

Svante Pääbo und seinen Mitarbeitern war es gelungen, Erbgut des vor etwa 30 000 Jahren ausgestorbenen nächsten Verwandten des modernen Menschen zu identifizieren. Sie feierten ihren Erfolg im kleinen Kreis, obwohl sie zunächst ihrer Sache noch gar nicht so sicher sein konnten. War die Knochenprobe, was kaum verwunderlich wäre, verunreinigt? War fremde DNA in das untersuchte Material gelangt und hatte das Bild verfälscht? Würden die Ergebnisse der wissenschaftlichen Gegenprobe standhalten?

Schließlich hatte man es überdies mit einem Knochenstück zu tun, in dem sich nur verschwindend geringe Spuren der Neandertaler-DNA fanden. Denn das war ja das Grundproblem dieser Suche: Stirbt ein Lebewesen, zerfällt auch seine DNA; je älter die Probe, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, noch aussagefähiges Material zu bergen. Und anders als bei ägyptischen Mumien, die Pääbo früher untersucht hatte, hatte man hier nicht mit Tausenden, sondern mit Zehntausenden von Jahren zu rechnen. Erst als die Münchner Erkenntnisse von unabhängigen Gutachtern abgesegnet worden waren, wagte es Pääbo, mit seiner Entdeckung an die Öffentlichkeit zu gehen.

Eigentlich wollte er ägyptische Mumien erforschen

Erfolg zieht bekanntlich Erfolg nach sich: Der Schwede erhielt 1997 das reizvolle Angebot, ein Max-Planck-Institut in Leipzig mitzugründen und Spezialisten um sich zu sammeln. Damit hatte er die Chance, seine Forschung mit größeren materiellen und personellen Ressourcen voranzutreiben. So setzte er sich noch ehrgeizigere Ziele. Hatte man zunächst „nur“ DNA-Stücke sequenziert, die in den Mitochondrien gespeichert sind, so wollte man sich nun an das Neandertaler-Genom aus dem Zellkern wagen – ein viel komplexeres Forschungsabenteuer, bei dem es zu einem Wettrennen mit konkurrierenden Teams kam.

Wie dieses Rennen gewonnen wurde und wie er überhaupt das Thema der Paläogenetik für sich entdeckte, davon erzählt Svante Pääbo in seinem spannenden Buch „Die Neandertalertaler und wir“. Dabei waren seine Neigungen als junger Mann andere. Die Mutter hatte ihn als Dreizehnjährigen auf eine Reise nach Ägypten mitgenommen. Fasziniert vom Land der Pyramiden und seiner Kultur, entschloss sich der Jugendliche, später einmal Ägyptologie zu studieren. Doch als es so weit war, entdeckte er eine neue Leidenschaft, sattelte nach wenigen Semestern um und begann ein Medizinstudium mit der Idee, sich ganz der Grundlagenforschung zu verschreiben. Mit den Studien an Mumien aus der Pharaonenzeit machte er sich rasch einen Namen. Sie wiesen den Weg, der ihn zu Spitzeninstituten in die USA und dann nach Deutschland führen sollte.

In Leipzig glückte Pääbo mit seiner Mannschaft die weitgehende Entschlüsselung der Neandertaler-DNA, und er konnte zeigen, dass die Erbsubstanz des modernen Menschen Übereinstimmungen mit eben dieser DNA aufweist, wenn auch in sehr überschaubaren Größenordnungen. Es muss also, so seine These, in vorgeschichtlichen Zeiten zu fruchtbaren sexuellen Kontakten zwischen diesen beiden Menschenarten gekommen sein und zwar erst, als deren Vorfahren bereits die Wiege der Menschheit, sprich: Afrika, verlassen hatten. Denn im Erbgut von Afrikanern finden sich keinerlei Neandertaler-Spuren.

Wie die Wissenschaft die Sensationsgier befriedigt

Pääbo hält es für wahrscheinlich, dass es im Nahen Osten, der ersten Station auf der großen Wanderschaft der frühen Menschen in die fernsten Weltgegenden, schon zur Vermischung kam, lassen sich doch die Gen-Spuren der Neandertaler nicht nur im europäischen Raum finden, sondern auch bis nach Asien verfolgen. Während jedoch die uns so nahen Neandertaler, die sich einige hunderttausend Jahre vor dem modernen Menschen als durchsetzungsfähige Spezies etabliert hatten, ausstarben, ist es dieser spät gekommene Homo sapiens, der heute den Globus beherrscht und sich selbst und die eigene Vorgeschichte zum Gegenstand akribischer Studien gemacht hat.

Pääbos Buch gibt so als spannende Verbindung von Biografie und Wissenschaftsgeschichte einen aufschlussreichen Einblick in ein aufregendes Forschungsfeld, das bei weitem noch nicht abgeschritten ist. Und der inzwischen 59-jährige Gelehrte scheut sich dabei nicht, neben seinen privaten Seiten auch auf problematische Aspekte des heutigen Wissenschaftsbetriebes einzugehen – etwa die zunehmende Bereitschaft, mit voreiligen Pressemitteilungen die Sensationsgier der globalen Öffentlichkeit zu befriedigen und durch die produzierten Schlagzeilen die ja nicht unerheblichen Aufwendungen für die Forschung zu rechtfertigen. Pääbo verschweigt nicht, dass da oft sogar simple Eitelkeit im Spiele ist.

Wir lernen auch hier: Forscherethos und menschliche Schwächen lassen sich nicht immer miteinander vereinbaren: Am Golde hängt, zum Golde drängt eben doch alles.

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