Bühnenbildner Aleksandar Denic Der Baumeister der Albträume

Von Tomo Pavlovic 

Aleksandar Denic ist der Leibbühnenbauer des scheidenden Intendanten der Berliner Volksbühne Frank Castorf. Nun hat er die Bühne für die Stuttgarter Premiere von Eugene O’Neills Drama „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ unter der Regie von Armin Petras entworfen.

Der serbische Bühnenbildner Aleksandar Denic Foto: Lichtgut/Max Kovalenko
Der serbische Bühnenbildner Aleksandar DenicFoto: Lichtgut/Max Kovalenko

Stuttgart - Das erste, was einem angesichts der verfahrenen Situation in Eugene O’Neills Stück „Eines langen Tages Reise in die Nacht“ einfällt, ist ein Sofa. So eine abgewetzte Bürgersitzgruppe, auf welcher die schwelenden Konflikte einer amerikanischen Künstlerfamilie so lange ausgesessen werden, bis irgendwann die Springfedern aus dem Stoff schießen. Doch als man bei der Tonprobe auf der Bühne des Stuttgarter Schauspielhauses ausnahmsweise vor der Premiere einen Blick auf die Kulissen werfen darf, weiß man sofort, wie sehr die Theaterwelt davon profitiert, dass man kein Bühnenbildner geworden ist. Und dass in Aleksandar Denics Bühnenentwurf kein Platz für die Banalität eines Sofas ist.

Goldene Palme in Cannes

Das Individuum wird nicht nur von der Kleinmut und Gier jedes Einzelnen geformt, sondern auch von der Übermacht des Kapitalismus. Folgerichtig sind Denics Bühnenbilder turmhoch und gewaltig, viel größer als ein Schauspieler, der in diesen Gebäuden sinnlos Schutz und Geborgenheit sucht. Dass Denic seinen Marx kennt und politisch denkt, daran besteht schon nach wenigen Sätzen kein Zweifel. Der 1963 in Belgrad geborene Denic, der ebenda Film- und Theaterdesign studiert hat, ist gebürtiger Jugoslawe, ein vom Schulstoff Marxismus früh geprägter und engagierter osteuropäischer Intellektueller, der den Zusammenbruch der sozialistischen Utopie am eigenen Leib erlitten hat. Was er von den Zuständen in den postsozialistischen Gesellschaften hält, von der Unterdrückung der Pressefreiheit in Ungarn, von der finanziellen Ausblutung der Kulturschaffenden in seiner Heimat Serbien? Nichts. „Ich war nie ein großer Fan von Josip Broz Tito. Ich bin kein Jugo-Nostalgiker. Doch rückblickend denke ich nicht ohne Wehmut“, bekennt Denic, „dass Jugoslawien ein seriöses Experiment war, angesichts der kulturellen Vielfalt und künstlerischen Qualität, die dieser Staat hervorbrachte.“ Denic schüttelt den Kopf und lacht, was täuscht. Er ist ein Skeptiker, aber kein Zyniker. Und ein Überlebenskünstler, was jeder Künstler auf dem Balkan sein muss. So hat Denic schon alles Mögliche entworfen: Das Interieur eines Fischrestaurants oder auch die Dekoration für die Riesengala zum 60. Geburtstag des Fußballvereins Roter Stern Belgrad. Wichtiger allerdings als diese lebenserhaltenden Maßnahmen waren Denics kreativen Arbeiten fürs den Film. Mehr als zwanzig Szenenbilder hat Denic verantwortet, darunter jenes für Emir Kusturicas Kinofilm „Underground“, der 1995 in Cannes mit der goldenen Palme ausgezeichnet wurde.

Eishockey und Richard Wagner

So ein Leben im Postsozialismus hinterlässt Spuren, macht zornig. Und wahrscheinlich hat sich Denic deswegen so gut mit Frank Castorf verstanden, als dieser Theaterberserker im Jahr 2010 auf einer Party in Belgrad auftauchte. Denic war eingeladen, doch weil er das Gegockele auf Theaterpartys verabscheut, ging er an diesem Abend lieber zum Eishockeyspielen mit seiner Mannschaft. Eishockey ist für Denic so wichtig wie das Theater. Die befreundete Schauspielchefin aber gab nicht auf, rief ihn an, Denic ließ sich überreden, kam nach dem Training verschwitzt zur Fete und verstand sich mit dem Intendanten der Berliner Volksbühne auf Anhieb. Der Ex-Jugoslawe und der Ex-DDR-Bürger unterhielten sich bis in die Morgenstunden über Eishockey, Marxismus und die wirtschaftlichen Verwerfungen im Neoliberalismus. Das Ergebnis: Denic ist mittlerweile Castorfs Leibbühnenbauer und hat unter anderem 2013 die Kulissen für dessen vom Kampf ums Erdöl verschmierten „Ring“ in Bayreuth gebaut. Da gab es eine Döner-Bude zu bewundern, DDR-Slogans und einen Rheinpool für schwule Cowboys. Castorf lässt Denic große Freiheiten. Und Denic nutzt die Räume, die sich ihm bieten. „Ich kann nicht mit jemandem zusammenarbeiten, der von mir wie in einer Regieanweisung eine rote Wand und zwei Türen verlangt.“ Im Jahr 2014 wählten ihn die Kritiker von „Theater heute“ zum „Bühnenbildner des Jahres“.

Hyperreale Bilderwelten

Nun also die Premiere von und mit Armin Petras. Die Zusammenarbeit? „Sehr gut!“, sagt Denic. Petras, findet er, ist ein „Supertyp“. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass Denic wie bei Castorf alle Möglichkeiten hat. Und dass bei dieser O’Neill-Aufführung unter der Regie des Intendanten denic-typisch nicht gekleckert, sondern geklotzt wird. Der Schauplatz für die Leiden und Sehnsüchte der Eheleute Tyrone und ihrer beiden verkorksten Söhne in dem Drama aus dem Jahr 1956 besteht aus einem multiperspektivischen Ungetüm, das auf der Drehbühne mit einer mittig installierten Videoprojektion thront. Das Stück spielt 1912 im Sommerhaus der Familie, einige Monate nach dem Untergang der „Titanic“. Denic wagt sich an die metaphorische Verknüpfung der Schiffskatastrophe mit dem Schicksal der Tyrones, baut ein Labyrinth aus Schiffsluken, Treppen, Nischen, Türen. Wie auch schon in den anderen Arbeiten von Frank Castorf am Stuttgarter Staatstheater – Platonows „Tschewengur“ im Schauspiel sowie Gounods „Faust“ in der Oper – wird den Zuschauern einiges geboten. Denics fragmentierte, hyperreale Bilderwelten sind begehbare Albträume, bei denen man nie weiß, wo der Eingang, wo der Ausgang ist. Und wo der Absturz ins Bodenlose lauert. „Ich bin sehr glücklich, wenn mir jemand nach der Aufführung sagt, er habe beim Zuschauen die Orientierung verloren. Denn dann habe ich es geschafft, mit meiner Bühne Neugier zu wecken, die Rampe zu überwinden, das Publikum in Bann zu ziehen.“ So schleicht der Baumeister also seinen verschachtelten Albtraum ab, prüft, wirkt ganz angetan, formuliert auf Englisch höflich seine Bitten. Im Vergleich zu seinem Werk wirkt Denic in seiner schwarzen Kluft und der schlumpfigen Mütze klein, schmächtig, geradezu unscheinbar. Das ist die Tragik eines jeden wahrhaftigen Künstlers.