Bürgerbeteiligung in Europa Ein bisschen mehr Demokratie
Christopher Ziedler, 15.12.2010 17:37 Uhr
Unter dem Dach der EU soll eine europäische Öffentlichkeit entstehen. Mehr Bürgerbeteiligung könnte ein Schritt dazu sein. Foto: AP
Unter dem Dach der EU soll eine europäische Öffentlichkeit entstehen. Mehr Bürgerbeteiligung könnte ein Schritt dazu sein. Foto: AP
Brüssel - Die ersten Unterschriften sind schon da. Am vergangenen Donnerstag übergab die Umweltschutzorganisation Greenpeace in der Brüsseler Kommission Listen mit den Namen von mehr als einer Million EU-Bürgern, die einen Anbaustopp für gentechnisch veränderte Pflanzen fordern. Welche Konsequenzen das hat, ist aber noch unklar, obwohl die Grundzüge schon im seit einem Jahr geltenden Lissabonner Vertrag festgehalten sind. Die exakten Regularien aber, wie solche Bürgerwünsche in Europa behandelt werden, sind erst am Dienstag vereinbart worden. Nachdem die 27 Außenminister das Verhandlungsergebnis mit dem Europaparlament absegneten - die Straßburger Volksvertretung wird es am heutigen Mittwoch formell verabschieden -, sagte Vizekanzler Guido Westerwelle, die neue Bürgerinitiative werde "das manchmal ferne Europa sehr viel näher ans Volk bringen". Das Ganze sei als "Einladung" zu verstehen, in Brüssel mitzumischen. "Das wird eine grenzüberschreitende Debatte darüber befördern, was wir in der EU tun und was wir tun sollten, sagte Maros Sefcovic, der Vizepräsident der EU-Kommission, zur StZ: "Das kann dazu beitragen, dass sich eine echte europäische Öffentlichkeit entwickelt."

Plebiszit auf transnationalen Ebene


Carsten Berg hat dafür lang gekämpft. Der Brüsseler Vertreter des deutschen Dachverbandes Mehr Demokratie e.V. bearbeitete schon vor acht Jahren die Vertreter des Europäischen Konvents während ihrer Arbeit am EU-Verfassungsentwurf, aus dem schließlich der Lissabonner Vertrag hervorging. Er wertet die neue Bürgerinitiative - "das erste transnationale, plebiszitäre Element überhaupt" - denn auch als "Riesenerfolg", weil sie "nicht auf der Wunschliste der Staats- und Regierungschefs" stand. Jetzt muss sie innerhalb eines Jahres in die nationale Gesetzgebung der 27 EU-Staaten übernommen werden. Trotzdem stellt das neue Instrument im Vergleich zu den viel weiter gehenden Wünschen von Carsten Bergs Organisation nur "einen allerersten Schritt" dar.

Die Hürden, die dafür übersprungen werden müssen, fallen nach der Intervention des Parlaments niedriger aus, als das die Kommission im ersten Gesetzesvorschlag vorgesehen hat. Es geht damit los, dass sich sieben Menschen aus sieben Mitgliedstaaten zu einem sogenannten Bürgerausschuss zusammentun müssen. Wichtig ist, dass es sich dabei um natürliche Personen handeln muss. Juristische Personen wie Unternehmen oder Parteien sind davon ausdrücklich ausgenommen, wiewohl sie das Anliegen mit Geld und Einsatz unterstützen dürfen - vorausgesetzt, sie tun das offen und transparent.

Im Gegensatz zum ersten Vorschlag, der vorgesehen hatte, die Rechtmäßigkeit des Anliegens erst bei 300.000 gesammelten Unterschriften überhaupt zu prüfen, geschieht dies nun sofort. Eingereicht werden dürfen nämlich nur Anliegen, für die die EU-Kommission nach EU-Recht auch zuständig ist. So dürfte etwa noch strittig werden, ob es sich bei der von der SPD angekündigten Unterschriftenaktion für eine europaweite Finanztransaktionssteuer um ein solches Anliegen handelt. Einerseits liegt die Steuerpolitik jenseits der Brüsseler Kompetenz und in den Händen der Mitgliedstaaten. Andererseits gibt es im neuen Vertrag einen Passus, der auch der EU-Kommission das Recht einräumt, eine Vertragsänderung vorzuschlagen, die dafür nötig sein könnte. Der Aktivist Berg kündigt an, die Zuständigkeitsfrage notfalls vom Europäischen Gerichtshof klären zu lassen.

Kommentare (3)
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DEZ
16
Oliver Schlotz, 17:34 Uhr

@Pit

Im Prinzip haben Sie Recht: Transparenz und fundierte Informationen sind die Grundlage für eine vernünftige Entscheidung der Bürger, sei es im Rahmen von Wahlen, sei es bei einem Bürgerentscheid. Ich würde bei Ihrer Kritik nur nicht zu sehr mit dem Finger auf die S21-Gegner zeigen, denn (auch) die Projektbefürworter zeichnen sich nicht dafür aus, sachlich fundiert zu argumentieren. Viele Informationen sind zudem gar nicht öffentlich bekannt - und wurden auch im Rahmen der Schlichtung nicht aufgedeckt. Ihre Argumente lassen sich daher sehr gut auch auf die "andere Seite" anwenden. Es kommt natürlich immer auf die Perspektive an... ;-) Und dass Sie behaupten, das "Horrorszenario" der "Kostenexplosion" sei widerlegt, entlockt mir doch ein Schmunzeln. Sprechen wir uns in 15 Jahren nochmal...

DEZ
16
volker s., 17:17 Uhr

Volksentscheide brauchen mündige Bürger

Da habe ich nach dem was ich dieses Jahr in Stuttgart erlebt habe meine Zweifel, dass die Bürger mündig sind.

DEZ
16
Pit, 16:57 Uhr

Volksentscheide brauchen mündige Bürger

Volksentscheide sind eigentlich eine gute Sache. Nur benötigen sie eine sachliche, faire, transparente Diskussion des zur Abstimmung anstehenden Themas. Bei S21 wurde die Stimmung seitens der Projektgegner mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten so angeheizt und viele Leute haben ihnen geglaubt bzw. glauben ihnen immer noch. Obwohl viele Horrorszenarien wiederlegt wurden (Kostenexplosion, schwankende Bauten, Eichenpfähle, usw.) beharren viele Leute noch auf ihrer Meinung, dass das alles stimmen würde und alles vertuscht wird. Selbst die Schlichtung und Geissler wird schlecht gemacht: Es kann halt nicht sein, was nicht sein darf - dass eben S21 sooo schlecht und schlimm ist. Soviel Irrationalität verträgt sich nicht mit dem Anspruch bei komplexen Themen entscheiden zu können. Nur da wo ehrliche Diskussionen möglich sind und Fakten zur Kenntnis genommen werden und wo die Bereitschaft besteht, seine Meinung auch mal zu überdenken, nur da kann das Pflänzchen Volksentscheid gedeihen. Nur dort eben, wo die Bürger sich tatsächlich sachlich und neutral links und rechts des Themas informieren wollen. Ansonsten passiert es nämlich, dass der Voksentscheid zum Spielball von Parteien und Gruppen wird, nach dem Motto: "Je besser ich DESinformiere und je laute ich schreie, umso besser sind die Chancen, dass die Leute in meinem Sinne entscheiden". Daher bin ich eher skeptisch, lasse mich aber gerne eines besseren belehren.