Bürgerkrieg in Syrien Assad hat das Land zerrissen
Martin Gehlen, 16.03.2013 09:50 UhrDamaskus - Damals, zu Beginn des Arabischen Frühlings, gab sich Bashar al-Assad unerschütterlich. Syrien habe größere Probleme als viele arabische Nachbarn, sei dennoch deutlich stabiler. Grund dafür sei die enge Bindung seiner Führung „an die Überzeugungen des Volkes“. Wenn es einen Riss gebe zwischen offizieller Politik und den Interessen der Bevölkerung, entstehe jenes Vakuum, das Unruhen erzeuge, belehrte Syriens Präsident wortreich seine westlichen Interviewpartner. Er jedenfalls habe, prahlte er selbstgewiss, anders als Tunesiens Ben Ali und Ägyptens Hosni Mubarak, vom ersten Tag im Amt mit Reformen begonnen.
Heute, zwei Jahre danach, versinkt Syrien in Trümmern. Jahrzehnte von Aufbau, Entwicklung und Wohlstand sind zerstört. 24 Monate von unsäglicher Gewalt und Leid liegen hinter der 22-Millionen-Nation. Vor zwei Jahren hatten die Bürger bei ihrer ersten landesweiten Massendemonstration noch mit heroischem Mut versucht, sich nicht provozieren zu lassen, ihre Rechte gewaltfrei einzufordern. Wochenlang trotzten sie den Schüssen der Sicherheitskräfte, den Greifkommandos des Regimes sowie den systematischen Folterkampagnen. Dieses zivile Aufbegehren jedoch ist längst Geschichte, untergegangen in einem schier endlosen Strom von Bestialität.
Unicef beklagt den „Kollaps der Kindheit“
Hatten nach einem Jahr bereits 8500 Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren, sind es jetzt Schätzungen zufolge fast zehn Mal so viele – ohne dass irgendeine Lösung in Sicht wäre. „Wir dürfen nicht noch ein weiteres Jahr verlieren”, fleht das UN-Kinderhilfswerk Unicef und beklagt „den Kollaps der Kindheit für Millionen Heranwachsender“.
Denn die Schlachten toben überall, auch in Damaskus. Mit massiven Luftangriffen ging das Regime am gestrigen Jahrestag des Aufstands erneut gegen die Protesthochburgen vor. Städte wie Aleppo, Homs, Hama, Deraa und Deir Ezzor sind bereits schwer verwüstet. Die syrische Armee ist demoralisiert und erschöpft, Wehrpflichtige lassen sich kaum noch rekrutieren. Die meisten noch kampffähigen Eliteeinheiten sind rund um die Hauptstadt konzentriert.
Trotzdem herrscht seit Monaten ein militärisches Patt. Weder in Homs noch in Aleppo oder Damaskus können Assads Soldaten die Rebellen aus ihren Vierteln vertreiben. Umgekehrt schaffen es die Aufständischen nicht, die drei größten Städte Syriens unter ihre Kontrolle bringen. Die Armee habe genug Soldaten und Waffen, um die Bevölkerung noch auf Jahre gegen die Terroristen zu verteidigen, behauptete kürzlich die staatliche Zeitung Al-Watan – zumal der Nachschub aus Russland und Iran weiterhin funktioniert.
Die Führung der Rebellen ist zerstritten
Dagegen mangelt es den Rebellen an Waffen und Munition, ihre Führung ist tief zerstritten. Der neue Dachverband der Opposition, die „Nationale Koalition“, kam nur auf massiven internationalen Druck zustande. Auf eine provisorische Exilregierung können sich die Lager trotz mehrerer Anläufe nicht einigen. Stattdessen machte Oppositionschef Moaz al-Khatib im Januar überraschend und auf eigenen Faust ein Gesprächsangebot an das Assad-Regime. Die Antwort aus Damaskus war ausweichend und nebulös, dafür die Kritik aus den eigenen Reihen an dem intellektuellen Geistlichen umso härter. Nun halten sich hartnäckig Gerüchte, Moaz al-Khatib wolle die Brocken hinwerfen.
Syriens Zerrissenheit ist kein Zufall. Das Land ist ein Herzstück der arabischen Welt und war immer Schauplatz regionaler und globaler Machtkämpfe. Außenpolitisch kreuzen sich hier die Konflikte zwischen den sunnitischen Golfstaaten und dem schiitischen Iran, den Vereinigten Staaten und Russland, der Türkei und Iran, Israel und Libanons Hisbollah. Im Inneren sind zu den Fronten zwischen Regime und Opposition längst weitere Kampflinien hinzugekommen – zwischen Nachbardörfern und Nachbarstadtteilen, zwischen Kurden und Arabern sowie Sunniten, Alawiten, Drusen, Schiiten und Christen.
Massenflucht in die Nachbarstaaten
Gleichzeitig zieht die Massenflucht die Nachbarstaaten immer stärker in Mitleidenschaft. Mindestens eine Million Menschen haben sich in Libanon, Türkei, Irak, Jordanien und Ägypten in Sicherheit gebracht – die größte Flüchtlingskatastrophe in der modernen Geschichte des Nahen Ostens. Weitere vier Millionen irren ohne Dach über dem Kopf im Inneren des Bürgerkriegslandes herum, die Hälfte von ihnen Minderjährige, 500 000 sind Kleinkinder unter fünf. Ihre Häuser sind Ruinen, Schulen und Krankenhäuser sind zerstört.
Mittlerweile scheinen die Tage des Regimes gezählt – doch sein Kollaps könnte noch Monate oder Jahre auf sich warten lassen. Und selbst wenn Assads Machtapparat eines Tages zusammenbricht: Anarchie, Drogen- und Waffenhandel werden folgen, Rachefeldzüge und ethnische Massaker.
Zehn Jahre nach dem Einmarsch der US-Armee in den Irak steht mit Syrien ein weiteres Land der orientalischen Kernregion vor dem inneren Zerfall und der Zerstörung seines über Jahrhunderte gewachsenen Gewebes an interreligiösem und interkulturellem Zusammenleben. Der UN-Syrienvermittler Lakhdar Brahimi warnte kürzlich die EU-Außenminister: „Entweder wir erreichen eine friedliche, einvernehmliche, politische Lösung oder die Situation wird ähnlich wie in Somalia oder sogar schlimmer.“






