InterviewBürgersprechstunde (36): Der Barbier Jo Blatter „Hier darf ein Mann noch ein Mann sein“

Von Melanie Pieske 

Seinen Barbershop dürfen nur Männer betreten. Hier gibt es scharfe Messer, kaltes Bier und alten Whisky. Jo Blatter aus dem badischen Lichtenau hat sich einen Traum erfüllt.

Jo Blatter mag es stilecht. Das Mobiliar  in seinem Salon  ist teilweise fast hundert Jahre alt
. Foto: Gottfried Stoppel
Jo Blatter mag es stilecht. Das Mobiliar in seinem Salon ist teilweise fast hundert Jahre alt .Foto: Gottfried Stoppel
Lichtenau – - Die Männeroase liegt im badischen Lichtenau in der Pfarrgasse, gegenüber vom Rathaus, mitten im ländlichen Idyll. Hier hat Jo Blatter eine Barberstub im 20er-Jahre-Stil eröffnet. Ein Herrensalon in dunklem Holz. Es gibt scharfe Messer, kaltes Bier und Whisky. An der Wand posiert ein Model in Spitzenhöschen. Hierher kommen der Bürgermeister, der Dorf-Punk und der Landwirt zum Abspannen. Jo Blatter lehnt an der Tür und zeigt sein 16-Quadratmeter-Reich aus Rock ’n’ Roll, Pomade, und Bartwachs.
Herr Blatter, erzählen Sie Ihre Geschichte!
Ich bin 28 Jahre alt und bin hier in Lichtenau geboren. 2003 habe ich in Bühl eine Ausbildung zum Friseur gemacht, anschließend bin ich nach Stuttgart gezogen und habe in Zuffenhausen in einem Salon gearbeitet und mit einem Kumpel in einer WG gewohnt. Irgendwann hat‘s mich wieder zurück in die Heimat gezogen. Hier hatte mein Großvater Fritz schon 1924 ein Friseurgeschäft für Herren. Als er 1959 starb, wurde der Laden vermietet, bis mein Vater in seine Fußstapfen trat. Vor 25 Jahren zogen meine Eltern dann in unseren heutigen Salon. Heute führt meine Mutter das Geschäft. Im vergangenen Mai haben dann mein Vater und ich im ehemaligen Büro des Salons die Barber­stub eröffnet. So richtig wie in den 20er Jahren. Hier lassen wir die alten Zeiten meines Opas wieder aufleben.
Es sieht tatsächlich ein bisschen so aus wie vor hundert Jahren.
Erst wollte ich ja ein Durcheinander machen, so dass alles im Laden ein bisschen zusammengeklaut aussieht. Den Vorschlag eines Kumpels, die Stub so Old School einzurichten wie einen populären Barbershop in Rotterdam, den fand ich erst mal scheiße. Am Ende war ich aber doch überzeugt. Die Einrichtung stammt zwar nicht aus dem Originalbestand meines Opas, ist aber trotzdem richtig alt. Das Friseurmobiliar aus Massivholz ist beispielsweise von 1920 und verstaubte bei einem Elsässer Antiquitätenhändler im Hinterzimmer. Nur die Spiegel und die Waschbecken haben wir neu reingemacht. Die Schwarz-Weiß-Fotos, die an den Wänden hängen, sind alle aus unserem Familienalbum, aus dem meiner Groß- und Urgroßeltern. Und ich habe uns original Lichtschalter aus Omas Zeiten besorgt, auch die Steckdosen sind aus Porzellan wie früher. Nur der Plattenspieler ist lediglich auf alt getrimmt. In Wahrheit hat er sogar Bluetooth. Den Rest habe ich mir von Flohmärkten zusammengesucht.
Wie kamen Sie zu der Idee mit der Barberstub?
Der Gedanke, dass ich in dem kleinen Raum etwas machen möchte, war schon lange da. Die Frage war dann, was und wie genau. Erst war es ja ein Büro und dann hatte meine Schwester hier drinnen ein Nagelstudio. So ein richtiger Mädelsladen. Als sie dann auszog, wollte meine Mutter ein Hochzeitszimmer einrichten – einen Raum nur für die Braut, zum Haare hochstecken und so. Aber als ich dann mit dem Vorschlag kam, hier einen Barbershop zu eröffnen, war meine Mutter begeistert. Ich zeigte ihr Bilder von dem bereits erwähnten Barbershop in Rotterdam, dem Schorem. Und sie meinte „Yeah, das machen wir! Das ist besser als ein Hochzeitszimmer!“ Dann haben wir den Raum renoviert. Es folgten viele Kämpfe, bis alle zufrieden waren. Wir haben oft über Geld gestritten, was wir uns leisten wollen und was nicht.
Warum waren die Barberstuben so lange von der Bildfläche verschwunden?
Irgendwann konnte man davon nicht mehr leben. Erst heute kann man wieder etwas Geld für Schnitt und Rasur verlangen, weil es als kultig gilt, einen Barbershop zu besuchen. Vor dem Krieg war es normal, dass Männer zum Barbier gingen und Frauen sich zu Hause frisierten. Männer haben Männern die Haare geschnitten, so wurde es mir jedenfalls erzählt. Na ja, irgendwann wurden die Männer eingezogen oder lagen unter der Erde. Dann haben die Frauen das Handwerk übernommen.