Bürgerwehr in Stuttgart Auf Kontrollgang in der Stadt

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Die Bürgerwehr-Gruppe „Stuttgart passt auf“ hat sich am Samstag erstmals zu einem so genannten Spaziergang getroffen. Das Ergebnis der Patrouille, die nicht so genannt werden soll, ist allerdings überschaubar.

Vier Mitglieder der Gruppe „Stuttgart passt auf“ spazieren am Samstagabend durch die Innenstadt. Foto: dpa
Vier Mitglieder der Gruppe „Stuttgart passt auf“ spazieren am Samstagabend durch die Innenstadt.Foto: dpa

Stuttgart - Die Facebook-Gruppe „Stuttgart passt auf“ (Motto: „Si vis pacem para bellum: Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor“) hat am Samstagabend zu einer Pressekonferenz in die Kneipe Eumel im Stuttgarter Westen gebeten. Das mediale Interesse an der Gruppe war im Vorfeld groß. Stuttgarts erste Bürgerwehr hatte eine Patrouille angekündigt, damit die Landeshauptstadt endlich wieder sicher ist. Kurz vor der angekündigten Patrouille ruderte die Gruppe dann zurück. Man wolle gar keine Bürgerwehr sein, hieß es, sondern ein Freundeskreis besorgter Bürger, der einen Spaziergang veranstalte, und damit zu mehr Zivilcourage aufrufe.

Bei der Pressekonferenz im Eumel wolle man die eigenen Ziele klarer umreißen, hieß es. Die Stuttgarter Zeitung hatte im Vorfeld diskutiert, ob man über die Gruppe und ihr Ansinnen überhaupt berichten solle, weil man dem Trend der Bürgerwehren, die sich seit der Silvesternacht von Köln in ganz Deutschland bilden, damit eine Aufmerksamkeit schenkt, die die Gruppe in Stuttgart unter Umständen gar nicht verdient hat. Um das herauszufinden, wollten wir uns den Zusammenschluss aber zumindest einmal aus der Nähe anschauen.

Übersichtliche Gruppengröße

Der Sprecher der Gruppe, der sich selbst Holy Moly, zu deutsch etwa Heiliger Strohsack nennt, verliest zu Beginn der Presse-Veranstaltung eine Art Manifest. Einer seiner Mitstreiter filmt die Fragesteller mit seinem Smartphone. Erschienen sind neben der StZ, die Stuttgarter Nachrichten und der SWR. Die Gruppe „Stuttgart passt auf“ hat im Netz 1660 Mitglieder, besteht an diesem Abend aber aus genau vier Teilnehmern. Der fünfte habe kurzfristig abgesagt, weil seine zwei Kinder krank seien.

Die Beweggründe der Gruppe seien die Ereignisse der Silvesternacht in Köln. „Wir wollen Stuttgart wieder sicherer für unsere Frauen machen“, sagt Holy Moly, aber nicht durch Gewalt, „unsere Waffen sind unsere Augen und unsere Handys“, sagt Holy Moly, der seinen bürgerlichen Namen mit der Begründung, er habe als IT-Spezialist Sorgen um seine Bürgerrechte, nicht nennen will, während sein Kompagnon die Fragesteller weiter munter filmt. Man wolle also keine Bürgerwehr sein, sonder als Freundeskreis mit bis zu 15 Mitgliedern regelmäßig durch Stuttgart spazieren, mit Trillerpfeifen, um dadurch mögliche Aggressoren in die Flucht zu schlagen.

Die Facebook-Gruppe entwickelt eine App

Dass man Köln und Stuttgart nicht miteinander vergleichen könne, streitet Holy Moly dann auch gar nicht ab. Beim Spaziergang später wird der Gruppen-Administrator, der selbst auf den Fildern wohnt, zugeben, dass er seit Ewigkeiten an einem Samstagabend nicht mehr durch Stuttgart spaziert sei. „Die Bewegung tut ja aber gut, denn Bewegung ist gesund“, sagt der 30-Jährige, der in Russland geboren wurde und seit dem Jahr 2000 in der Region lebt. Seine Mitstreiter seien Geflüchtete aus der Ukraine. Da sie alle einen Migrationshintergrund hätten, seien sie also von rechten Tendenzen, die man den Bürgerwehren vorwirft, ganz weit entfernt. Und wer sich in der Facebook-Gruppe ausländerfeindlich äußere, werde entfernt. Spazieren wolle man aber doch lieber im kleinen Kreis, schließlich könne man nicht für jeden in der Gruppe seine Hand ins Feuer legen.

Ganz nebenbei entwickle man übrigens gerade eine App, die künftig vor allem für Frauen einen sicheren Nachhauseweg garantiere, weil man über die App eine Art Begleiter bestellen und eben auch die Polizei informieren könne. Diese Produktplatzierung führt zu der Vermutung, die Veranstaltung sei eine PR-Aktion für die App.

Tote Hose in der Stuttgarter Innenstadt

Der Spaziergang geht schließlich um 23 Uhr am Samstagabend los. Leider filmt der SWR die vier furchtlosen Spaziergänger auf ihrer Route vom Schlossplatz zum Bahnhof über die Theodor-Heuss-Straße bis zum Rotebühlplatz, sodass der schmale Erkenntnisgewinn des Abends in zwei Beobachtungen besteht. Wir leben in einer Mediengesellschaft: Immer wieder drängen sich junge Menschen auf, die gerne ins Fernsehen kommen würden. Die zweite Beobachtung: an diesem Samstagabend ist Stuttgart so ausgestorben wie sonst nur in einer Dienstagnacht. Wir wollen die Ereignisse der Silvesternacht in Stuttgart nicht verharmlosen, dieser Abend unterstreicht aber nur das eigene Sicherheitsempfinden: Stuttgart ist eine vergleichsweise sichere Großstadt. Dass in der selben Nacht nur vier Stunden später ein 32-Jähriger in der Königstraße von vier Verrückten brutal zusammengeschlagen wird, hätte sich vermutlich auch nicht durch vier spazierende Bürger verhindern lassen.

Vielleicht ist es an diesem Abend um 0.30 Uhr aber auch einfach zu kalt. Vielleicht haben es sich aber auch die meisten bösen Buben aus Angst vor der Facebook-Gruppe zuhause auf der Couch vor dem Dschungel-Camp bequem gemacht. Das ungewollt komische Highlight des Spaziergangs besteht aus einer verhaltensauffälligen jungen Dame mit rotem Schal, die der Gruppe und dem Fernsehteam eine halbe Stunde lang folgt und sich nicht abschütteln lässt. Die vier Spaziergänger sind genervt.

Als das Fernsehteam zwei junge Mädchen nach ihrem Sicherheitsempfinden nach der Silvesternacht von Köln befragt, lässt sich eine der beiden Damen vor der Kamera befragen, die andere huscht in den Schutz der Dunkelheit. Ob sie sich in Stuttgart denn unsicher fühle? „So ein Quatsch. Der größte Stress ist, dass man keinen Parkplatz findet.“ Ob ihr Gefühl der Sicherheit mit den Vertretern der Gruppe „Stuttgart passt auf“ zusammenhänge, den vier Herren um die 30, die in diesem Moment das Fernsehinterview interessiert verfolgen? „Ach wie süß, nein, wegen denen sicher nicht. Sollte ich je in Gefahr geraten, rufe ich meine großen Brüder.“

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29 Kommentare Kommentar schreiben

Schlechter Artikel: Dieser Artikel von Herrn Volkmann ist bezeichnend. Durchwegs herablassend im Ton. "Die Stuttgarter Zeitung hatte im Vorfeld diskutiert, ob man über die Gruppe und ihr Ansinnen überhaupt berichten solle." Wie gehabt geben Politik und Journalisten Gesinnung vor, das was gut und richtig für Bürger ist. Da kann der gute Holy Moly noch so oft beteuern, dass die Gruppe gar keine Bürgerwehr sein wolle und lediglich für mehr Aufmerksamkeit und Zivilcourage eintritt. Auf Volkmanns gezielten Hinweis auf die russisch-ukrainischen Migrationshintergrund der Spaziergänger springen natürlich einige Kommentatoren weiter unten blöd-brav an. ____________ Man könnte das Ganze auch "Nachbarschaftswache" nennen, statt den vorbelasteten Terminus "Bürgerwehr" verwenden. "Neighbourhood Watch" Gruppen sind in angelsächsischen Staaten fester Bestandteil der Gesellschaft. Auch unsere Polizei versucht unter dem Motto "Vorsicht wachsamer Nachbar" im Zuge der Einbruchs-Prävention mehr zivile Eigenverantwortung zu fördern. ____________ Ein schwacher Artikel. Statt neutrale Berichterstattung und Beleuchtung des Für und Wider billiger Spott.

Über: 2000 Mitglieder mittlerweile wohl. Das sind dann knapp 400 Mitglieder in weniger als 2 Tagen, liebe StZ, womit der Faktencheck schon mal negativ ausfällt. Und was die Motivation dieser Leute angeht: lest doch einfach mal euer Blaulicht. Wer jedes Wochenende brutalst verprügelt, halbtot liegen gelassen, vergewaltigt oder abgezockt wird (da braucht man auf die Herkunft der Täter ausnahmsweise gar nicht eingehen, es reicht, dass diese Vorfälle so regelmäßig vorkommen). Leider scheint die Polizei nie zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle zu sein - was nach mehr Polizei, aber vor allen Dingen viel mehr Backup aus Politik und Presse schreit. Bis das der Fall ist, brauchen wir Institutionen wie die Bürgerwehr. Leider. Und nicht deren Schuld.

Süß naiv, von "Zivilcourage" zu reden: Ich wüsste doch zu gerne, wie weit die staatstreuen Bürger gekommen wären in Köln mit ihrer gut gemeinten "Zivilcourage per Smartphone". Vermutlich bis zum Polizeinotruf. Der wäre dann belegt gewesen, oder man hätte ihnen beschieden, dass bereits alle verfügbaren Polizeikräfte vor Ort, aber leider leider machtlos sind, merkwürdigerweise trotz aller Bewaffnung. Da wären mir tausend humorlose Russen vor Ort entschieden lieber gewesen als alle Untertanengeister und alle Kölner Polizisten zusammen.

Zusätzliche Kräfte standen bereit. Wurden aber nicht abgerufen. : Das ist die - traurige - Wahrheit, die hinter den kriminellen Attacken in Köln steckt. Dass irgendwelche Reserve-Cowboys mit oder ohne Colt für Ordnung einstehen sollten, halte ich für einen blöden Witz. Wenn die Organisation der Ordnungskräfte versagt, brauchen wir eine Verbesserung der Systeme und keine dumme Demagogie, die für Rechtsradikale ein gefundenes Fressen ist.

Ich finde es schon äusserst bedenklich...: wenn solch eine sinnbefreite Aktion ein solches Medienecho bekommt. Da erwachen wieder im Jahre 2016 digitalisierte "Blockwartmentalitäten" in sogenannten "Sozialen Netzwerken", die ich für historisch ausgerottet hielt. Nein, digital erfinden wir das repressive Nichts auch in diesen Bereichen neu. Grauenhaft.Jeder Tellerrand zu hoch, über den man blicken könnte. Ich würde gerne mehr darüber lesen, wie die Fortschritte in der Aufnahme und in den Integrationsbemühungen hier im Lande vorangehen. Es kann ja nicht alles kurz vor bürgerkriegsähnlichen Szenarien stehen. Sonst stünde ja die Bundeswehr schon mit Sack und Pack am Stadtrand.

Blockwartmentalität?: Im Leben, im Leben, geht mancher Schuss daneben. Blockwarte waren auf der untersten Ebene der Partei für die Überwachung in ihrem Wohn- bereich tätig, für die herrschende Diktatur wohlgemerkt. Meinen Sie wirk- lich, dass das hier zutrifft? Bürgerwehren entstehen häufig dann, wenn der Staat die öffentliche Ordnung nicht mehr garantieren kann. In Mexi- ko z. B. im Kampf gegen die Drogenkartelle. Nun behaupte ich nicht, dass Stuttgart Mexiko ähnelt. Zweifellos gibt es Gegenden in D, in denen nicht mehr die staatlichen Institutionen die Hoheit haben. In NRW, im weltberühmten Görlitzer Park u. a. Übrigens wird ja durchaus auch über Integrationsbemühungen in BW in dieser Zeitung berichtet. Aber die Zei- tung ist ja nur dazu da, ein rosiges Weltbild zu vermitteln.

Wehrhafte: Bürgerinnen und Bürger brauchen keine ,, Bürgerwehr ,, ohne dass man das in den grellen Focus der Öffentlichkeit stellen muss. Eine wehrhafte, Werte bezogene Gesellschaft , das wollen wir doch sein ! ? , braucht keine ,, Nationalgarden , Bürgerwehren oder Hilfssheriffs, sondern Zivilcourage. Jeder für Jeden und alle für einen muss das Motto heißen. Wäre dies gängige Praxis in dieser bundesdeutschen Egomanen-Gesellschaft, hätten die Beamtinnen und Beamten in der denkwürdigen Silvesternacht 2015/16 vermutlich das ein oder andere Problem in den Griff bekommen können. Es ist wie überall in dieser Gesellschaft zum Selbstverständnis geworden, andere in die Verantwortung zu nehmen, sei es der Ruf nach mehr Staat, nach mehr Exekutiv-Präsens oder wie jetzt sich als ,, Bürgerwehren ,, in Szene zu setzen. Wen jeder nur ein klein wenig mehr Aufmerksamkeit gegenüber seinem Umfeld zeigen würde, wäre schon viel getan. Aber so lange die Sensationsgier in dieser Gesellschaft als Selbstverständnis gesehen wird, die mediale Schwachsinnsaufbereitungen wie z.B. aktuell diese Z-Promi-Show , wird es weiter zu Gewalttaten und Übergriffen gegen Personen kommen. Daran werden auch die sogenannten ,, Bürgerwehren ,, nichts ändern können. im Gegenteil : Durch solche ,, Faust-Recht-Aktionisten ,, wird diese Gesellschaft noch Fragiler werden. Es ist an der Zeit, dass sich jeder einzelne Verpflichtet fühlt , dieser Gemeinschaft mit seiner Zivilcourage bei zu stehen. Dann haben wir eine Chance , dass sich die Dinge zum Besseren wenden können. Wir sind alle in der Pflicht, denn wir sind das Staaten-Volk, der Souverän , die Auftragsgeber der staatlichen Gremien Legislative und Exekutive, aber nicht in selbsternannter Personalunion. Die repräsentative Demokratie schließt ein solches Vorgehen explizit aus und das ist gut so.

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