Bulimie: Eine Betroffene erzählt Zurück ins Leben

Von  

Eine junge Frau leidet seit elf Jahren unter Ess- und Brechsucht und ist daran fast zugrunde gegangen. Dann stellte sie sich der Krankheit und riss sie die Fassade ein, die sie um sich aufgebaut hatte.

Sarah (Name geändert) wird seit   vier Monaten im Diakonie-Klinikum stationär behandelt.
 Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth Foto:  
Sarah (Name geändert) wird seit vier Monaten im Diakonie-Klinikum stationär behandelt. Foto: Lichtgut/Achim Zweygarth

Einen guten Teil ihres Lebens verbringt Sarah auf der Toilette. Den Kopf über der Kloschüssel, steckt sie sich den Zeigefinger in den Hals. Wie durch ein Ventil wird der Druck abgebaut. Anschließend neutralisiert sie ihren Atem mit extra starken Pfefferminzkaugummis.

Marianne Sieler kümmert sich um Bulimiker. Foto: Lichtgut/Zweygarth
Die Gewohnheit hat den Ekel vertrieben, die Schmerzen sind zu einem treuen Begleiter geworden. Manchmal erlebt sie sogar rauschartige Zustände.

Sarah heißt in Wirklichkeit anders. Sie ist Ende zwanzig, groß und schlank wie ein Model. Sie hat lange schwarze Haare, markante Wangenknochen und mandelförmige Augen. Sarah sitzt im Foyer des Diakonie-Klinikums im Stuttgarter Westen, seit fast vier Monaten ist sie in der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie in stationärer Behandlung. Sie hat eine Krankheit, die in der Fachsprache Bulimia nervosa heißt. „Die Fressanfälle verlaufen wie in Trance“, beschreibt sie ihr Leiden. „Das Erbrechen ist das Erwachen der Scham und des Selbsthasses.“

1986 wird Sarah in Hamburg geboren. Ihr Vater ist ein Ingenieur, dem Frau und Kinder mal für ein paar Jahre nach Berlin und mal für ein paar Jahre nach Hongkong folgen. Sarah ist bereits 15, als sich ihre Familie fest in Böblingen niederlässt. Auf dem Gymnasium findet sie, die Wurzellose, keinen Anschluss. Die Einsamkeit bekämpft sie mit Chips, Schokoriegeln oder Pizza. Alles, was sie bekommen kann, stopft sie in sich rein. Mit 16 wiegt sie 90 Kilo und ist von ihrer eigenen Leibesfülle angewidert. Sie wäre gerne schlank, hungert wochenlang, nimmt tatsächlich 25 Kilogramm ab, bekommt wieder heftige Essattacken und nimmt wieder zu. „Mit 18 habe ich dann Brechen für mich entdeckt.“

Krankheiten wie Bulimie und Magersucht sind weit verbreitet. Laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts haben hierzulande jedes dritte Mädchen und jeder sechste Junge ein auffälliges Essverhalten. Insgesamt gibt es bundesweit 700 000 behandlungsbedürftige Betroffene – das ist die offizielle Zahl, die Dunkelziffer dürfte höher sein.

Verdrängte Gefühle

Der Grund für diese Besorgnis erregende Entwicklung, heißt es häufig, seien Schönheitsideale, die von den Medien verbreitet würden. Eine aktuelle wissenschaftliche Studie untermauert diese These: Das Internationale Zentralinstitut für das Jugend- und Bildungsfernsehen hat im vergangenen Jahr 241 essgestörte Menschen befragt, acht von zehn gaben an, Heidi Klums Castingsendung „Germany’s next Topmodel“ habe die Krankheit mit ausgelöst oder zumindest verstärkt. Sarah sagt: „Die Wirklichkeit ist viel komplexer. Es geht um verdrängte Gefühle. Die Seele sucht sich einen Weg, sie auszudrücken. In meinem Fall ist das eben das Brechen. “

Marianne Sieler, 53, von der Stuttgarter Anlaufstelle bei Essstörungen (Abas) teilt diese Einschätzung. „Grundsätzlich entwickelt sich eine solche Krankheit bei inneren Konflikten und wenn das eigene Selbstwertgefühl nicht sehr ausgeprägt ist“, sagt die Sozialpädagogin. Ansonsten seien die Ursachen so verschieden wie die Menschen, die in der Lindenspürstraße 32 Hilfe suchen. „Beispielsweise können Mobbing-, Verlust- oder Missbrauchserfahrungen eine Rolle spielen“, sagt Marianne Sieler. „Bulimie ist eine Art Bewältigungsstrategie, ein kompensatorisches Verhalten.“

Meist geht es in der Pubertät los, der Phase größter Verunsicherung. In vielen Fällen sind es zunächst die besorgten Eltern, die Marianne Sieler in der Beratungsstelle aufsuchen. Die Fachfrau rät dann: „Sprechen Sie Ihre Tochter auf ihr Essverhalten an, aber machen Sie ihr keine Vorwürfe. Sagen Sie ihr, dass es Möglichkeiten gibt, sie zu unterstützen.“

  Artikel teilen
0 Kommentare Kommentar schreiben
Artikel kommentieren

Melden Sie sich jetzt an!
Um Artikel kommentieren zu können, ist eine Registrierung erforderlich. Sie müssen dabei Ihren Namen sowie eine gültige E-Mail-Adresse (wird nicht veröffentlicht) angeben. Bei Abgabe Ihrer Kommentare wird Ihr Name angezeigt.