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Bundesliga-Hinrunde Zauberfüßchen und Torhüterpranken

miw, 17.12.2012 10:43 Uhr

Stuttgart - Es hat gleich gut angefangen – mit einem Startrekord des FC Bayern (acht Siege). Doch das war nicht das einzige Glanzlicht in der Vorrunde der 50. Bundesligasaison. Dazu gesellten sich tolle Tore, tollkühne Torhüter und ein temperamentvoller Trainer.

Barçahafte Bayern

Rhetorisch gedimmt (Vorsicht, Sportdirektor!), wiewohl innerlich glühend vor Vaterstolz, beschränkte sich der Präsident Uli Hoeneß nach dem 1:1 seiner Bayern gegen Borussia Mönchengladbach am Freitag auf die Formel, man habe doch wohl „guten Grund, sehr, sehr zufrieden in die Winterpause“ zu gehen. Allerdings. Auch als „nur“ zweitbester Herbstmeister aller Zeiten mit 42 Punkten (und neun vor Leverkusen) steuert der FC Bayern 2013 wohl neue Liga-bestmarken an, von denen er viele ohnehin selber hält. Reizvoll und übertreffbar wären bei konstanter Leistung die 81 Schluss-punkte von Borussia Dortmund aus der vergangenen Saison; möglich auch noch Superlative bei der Auswärtstorausbeute respektive bei den wenigsten Gegentoren in der Fremde (das sind Rekorde, die der SV Werder Bremen hält).

Zu viele Tore sind auch nicht gut

Wirklich wichtig aber sind dem FC Bayern Titel, klar. Fest im Blick – wie anders ? – hat die Clubführung die Meisterschaft (und nebenher noch den DFB-Pokal). Darüber hinaus wird selbstverständlich versucht werden, Kompensation zu erlangen für das daheim verloren gegangene Champions-League-Endspiel gegen Chelsea, welches, schöne Pointe, im nächsten Jahr in London stattfindet, allerdings definitiv ohne Beteiligung von Chelsea. Andererseits arbeitet der Verein intern längst an neuen Zielen: es geht –Geld spielt fast keine Rolle! – um die dauernde Vorherrschaft im europäischen Spitzenfußball. Zu Anfang des Jahres wird deshalb geklärt, ob der Trainer Jupp Heynckes diesen Weg noch ein Stück mitgehen und bestimmen will. Wenn nicht, wird Pep Guardiola vielleicht einen Deutsch-Intensivkurs belegen. Für barçahafte Bayern müsste dann aber wahrscheinlich das Wort Rekord neu definiert werden.

Der Dreh mit links

Tore sind das Salz in der Suppe. Das heißt es ja gerne. Man könnte auch sagen: Tore sind der Schinken und Käse im Cordon bleu. Jedenfalls, am 31. Oktober 2002 gewann in der Hauptstadt Madagaskars der AS Adema gegen SOE Antananarivo 149:0. Wegen eines Streits mit dem Schiedsrichter schossen die Spieler von SOE nach jedem Anstoß den Ball einfach umgehend wieder ins eigene Tor. Zu viele Tore versalzen dann doch die Fußballsuppe.

Damit zu Juan Arango. Der ist sozusagen der Schinken und der Käse des Cordon bleus Bundesliga. Der Gladbacher kann nur schön und schießt Traumtore am Fließband. So viele, dass man fast schon von einer Inflation sprechen könnte – Leonardo da Vinci hat ja auch nicht jede Woche eine Mona Lisa unters Volk gejubelt. Andererseits: schön bleibt schön. Arango, genannt der „Chiller“, weil er etwas Kontemplatives ausstrahlt, ist ein Künstler, und das alles mit links. Rainer Bonhof sagt, so ein Genie im linken Fuß habe es in Mönchengladbach noch nie gegeben. In seinem Œuvre der Vorrunde hat Arango unter anderem im Angebot: einen Freistoß aus spitzem Winkel gegen Hannover, einen Fernschuss mit physikalisch fragwürdiger Flugkurve gegen Frankfurt, einen Volleyknaller gegen Wolfsburg, und als jüngstes Meisterwerk diese atemberaubende Bogenlampe gegen Mainz aus 44 Metern von der Seitenauslinie. Er kann nicht anders. „Für mich sind einfache Tore schwieriger“, sagt er.

Die Wasserflasche des Christian Streich

Der Trainer Lucien Favre hält Arango für den besten Linksfuß der Welt – aber er ist auch ein bisschen ratlos ob der dauernden Traumtore des Venezolaners. „Ich weiß nicht, was er hat in dieser Saison. Aber es ist unglaublich“, sagt er. Letztlich zählt so ein Tor ja genauso viel wie ein reingestochertes potthässliches abgefälschtes Slapstick-Billard-Tor. Oder ein Eigentor. Aber die sind halt, um in der Cordon-bleu-Sprache zu bleiben, so schmackhaft wie eben jenes gefüllt mit Analogkäse. Arangos Treffer sind dagegen der feine würzige Greyerzer Käse des fußballerischen Cordon bleu.

Klarer Kopf

Freiburg gilt ja gewissermaßen als die Mutter der Öko-Großstädte, weshalb die PET-Flasche sich großer Beliebtheit erfreut. Auch beim Sportclub-Trainer Christian Streich, der die Vorzüge zu schätzen weiß. Nicht nur aus ökologischer Sicht. Ganz pragmatisch. Schließlich ist er während eines Bundesligaspiels in ständigem Dialog mit der Wasserflasche. Nicht verbal, wie mit seinen Spielern, eher aktiv als Ventil, zum Beispiel nach einer Schiedsrichterentscheidung. Also bekommt die Flasche mal einen Tritt, mal wird sie vom Boden aufgehoben und wieder fallen gelassen. Das muss sie aushalten. Und die Gefahr von Scherben gibt es ja nicht, auch wenn die Glück bringen sollen. Das brauchen die Freiburger ja gar nicht.

„Arbeiten, arbeiten, arbeiten“, lautete Streichs Erklärung nach dem 3:1 bei Schalke. Die Mannschaft macht einfach dort wieder weiter, wo sie in der vergangenen Rückrunde aufgehört hatte. Vom Schlusslicht vor einem Jahr in den internationalen Wettbewerb? Der nächste Streich? Gemach, sagt Christian Streich nach der jüngsten Erfolgsserie: „Serien interessieren mich nicht, die schaue ich mir nicht mal im Fernsehen an.“ Soll heißen: erst recht nicht in der Tabelle. „Wenn wir den Gedanken an einen Europa-League-Platz in unseren Köpfen verankern würden, dann wäre das schon der erste große Fehler.“ Aber auch der einzige. Bei der letzten Wahl zum Trainer des Jahres wurde Streich auf Anhieb Dritter (hinter Klopp und Favre), der Rookie der Saison gewissermaßen – mit 47 Jahren.

Breit in der internationalen Spitze

Natürlich sind auf internationaler Ebene gerade erst die Gruppenspiele vorbei. Deshalb ist es noch zu früh für eine Bilanz. Aber das Zwischenfazit fällt aus deutscher Sicht so positiv aus wie noch nie. Von den sieben gestarteten Bundesligavereinen kamen alle sieben eine Runde weiter – der FC Bayern, Borussia Dortmund und Schalke 04 als Gruppensieger in der Champions League sowie Borussia Mönchengladbach, Bayer Leverkusen, Hannover 96 und der VfB Stuttgart in der Europa League.

Die Qualität der Bundesliga stieg

Zufall ist das für Bruno Labbadia kaum. „Man darf den aktuellen Höhenflug zwar nicht als Selbstverständlichkeit sehen, aber es ist schon ein Trend“, sagt der VfB-Trainer. Eingeleitet wurde die Entwicklung im Jahr 2001, als der Deutsche Fußball-Bund (DFB) seine Jugendarbeit neu konzipiert hat. Den 36 Proficlubs wurde auferlegt, ein Nachwuchsleistungszentrum zu betreiben. Seitdem tut sich was an der Basis. Viele Talente wie Thomas Müller und Mario Götze schafften den Sprung nach oben, wodurch wiederum die Qualität der Bundesliga insgesamt gestiegen ist – sowohl in der Breite, was sich an den sieben Teams im laufenden Wettbewerb zeigt, als auch in der Spitze, da die Bayern in den vergangenen drei Jahren zweimal das Finale in der europäischen Königsklasse erreichten. Dieses Bild spiegelt sich dann auch in der Fünfjahreswertung der Uefa wider, die darüber entscheidet, mit wie vielen Teams ein Land im Europacup vertreten ist. Deutschland liegt in dieser Tabelle jetzt nur noch knapp hinter England auf Platz drei. Erster ist Spanien. Vor zehn Jahren war das noch anders. Damals wäre um ein Haar sogar Rumänien an der Bundesliga vorbeigezogen. Doch diese Zeiten sind vorbei – was dann durchaus als gelungenes Fazit bezeichnet werden kann.

Klassetorhüter von A bis Z

Des Gegners Lob kam unerwartet, dafür aber aus berufenem Munde: „Was der Roman Weidenfeller heute gehalten hat, das war allererste Sahne“, urteilte Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern München, nach dem 1:1 gegen den Meister Dortmund über den Schlussmann des BVB. Und der Bayern-Trainer Jupp Heynckes ergänzte: „Ich weiß nicht, was der Junge noch alles halten muss, um mal in der Nationalelf eine Chance zu bekommen.“ Besonders in der Schlussphase des Bundesliga-Spitzenspiels beim Rekordmeister hatte Weidenfeller den Schwarz-Gelben mit diversen Glanzparaden den Punkt ­gerettet. Damit unterstrich Weidenfeller, der seit 2002 in 269 Bundes­ligaspielen für Dortmund das Tor hütet, seinen Ruf, der beste deutsche Schlussmann zu sein, der kein einziges Länderspiel absolviert hat.

Noch ist aber nicht aller Tage Abend. „Es steht außer Frage, dass Roman Weidenfeller in den letzten beiden Jahren toll gehalten hat“, sagte der Bundestrainer Joachim Löw, „wen wir bis zur WM 2014 in Brasilien testen, kann ich heute noch nicht sagen.“ Immerhin hat Weidenfeller mit dem Nachteil zu kämpfen, mit 32 Jahren schon im reiferen Torhüteralter angekommen zu sein. Überdies gibt es in Deutschland traditionell kein Torwartproblem – das Angebot ist groß und reicht von A wie René Adler (Hamburger SV) bis Z wie Ron-Robert Zieler (Hannover 96), wobei die Erfahrenen bislang die Nase klar vorne haben: Denn während Adler bei seinem Comeback in der Liga brillierte und wieder ein Thema in der Nationalelf ist, zeigten die Youngster wie Zieler, der Gladbacher Marc-André ter Stegen oder der Stuttgarter Sven Ulreich bei einigen selbst verschuldeten Gegentoren auch Schwächen. Und die Nummer eins Manuel Neuer hat in der Liga mit den Bayern auswärts zwar erst ein einziges Gegentor bekommen, der 1:1-Ausgleich in Nürnberg nach einem 30-Meter-Flatterball von Markus Feulner geht aber auf seine Kappe.

Im Hades der Liga

Es müssen schon große Vergleiche her, um die dramatischen Zustände in Augsburg und Fürth auch nur annähernd zu beschreiben. Kein Wunder, dass sich die ­Beteiligten bei den Godfathers der Dramatik bedienen: den alten Griechen. Augsburgs Manager Jürgen Rollmann sagte jüngst: „Wir dürfen uns nicht selbst bemitleiden, sondern müssen den nächsten ­Anlauf nehmen. Wie ­Sisyphus. Jetzt gilt es, den Stein in Richtung Fürth zu rollen.“ Welch ein Gleichnis.

Der FC Bayern im Bundesliga-Olymp

Dem FC Augsburg geht es also wie dem armen Kerl, der dazu verdammt ist, auf ewig einen Stein den Berg hochzuschieben, der dann kurz vor der Spitze immer wieder herunterrollt. Augsburg weist nur neun Punkte und zwölf erzielte Tore auf. Mit dieser Bilanz nach 17 Spiel­tagen hat noch kein Club den Klassenverbleib geschafft. Doch es geht noch schlimmer. Denn den Stein in Richtung Fürth zu rollen bringt dem FCA gar nichts: die Franken haben schon längst einen eigenen. Mit ihren neun Punkten und elf Toren scheint ihr ­Abstieg genauso besiegelt.

So dominant der FC Bayern im Bundesliga-Olymp thront, um bei den alten Griechen zu bleiben, so abgeschlagen darben Fürth und Augsburg im Hades, der Bundesliga-Unterwelt. Beide Teams spielen stets ganz okay mit, müssen nie hohe Niederlagen ­hinnehmen. Aber sie verlieren doch fast immer. Damit sie weiter leiden können, kommen sie den Gegnern sogar entgegen. Irgendein Verteidiger patzt schon. Und selbst wenn das nicht klappt, dann können in der Kategorie „Schöner Scheitern“ besonders die Fürther noch einen draufsetzen: sie schießen vor dem gegnerischen Tor einfach sich selbst an, um bloß nicht zu treffen. Selbst wenn beide Mannschaften gegeneinander antreten wie am Samstag, gibt es keinen Gewinner, sondern ein 1:1, das beide quält. Schon die alten Griechen wussten: aus dem Bundesliga-Hades gibt es kein Entrinnen.