Bundesnachrichtendienst im Fokus der Historiker Bericht von einer historischen Großbaustelle

Von Andreas Förster 

In Berlin sind die ersten vier Bände einer dreizehnteiligen Edition zur Frühgeschichte des Bundesnachrichtendienstes vorgestellt worden. Dessen Arbeit nach 1968 ist weiterhin nur unvollständig erforscht.

Der Neubau des Bundesnachrichtendienstes in Berlin Foto: Getty Images Europe
Der Neubau des Bundesnachrichtendienstes in BerlinFoto: Getty Images Europe

Berlin - Noch ist der Berliner Neubau des Bundesnachrichtendienstes nicht bezogen, noch sind Handwerker unterwegs. Da passt es gut, dass an diesem Donnerstag dort Mitglieder der Unabhängigen Historikerkommission (UHK) die ersten vier Bücher einer auf 13 Bände angelegten Editionsreihe zur Frühgeschichte des BND vorstellen wollen. Denn auch die Aufarbeitung der BND-Geschichte bleibt, wenn die Kommission im kommenden März nach sechs Jahren ihre Arbeit offiziell beendet, eine unfertige Baustelle.

Was vor allem daran liegt, dass der vom BND zusammen mit dem Bundeskanzleramt formulierte Auftrag an die UHK lediglich die Zeit vom Entstehen der Organisation Gehlen 1946, dem BND-Vorgänger, bis zum Jahr 1968 umfasst, also praktisch die Amtszeit des ersten Präsidenten Reinhard Gehlen. Die wissenschaftliche Aufarbeitung von Strategien und Effektivität des Dienstes, die Analyse seiner Einflussnahmen auf die Politik der Bundesregierung sowie die Untersuchung der Folgen, die sich aus der personellen Durchsetzung der Behörde mit NS-Tätern etwa für die Lageeinschätzung geopolitischer Prozesse ergab, endet also mitten im Kalten Krieg. Und kann damit nur unvollständig bleiben.

Umfangreicher Forschungsauftrag für die Historikerkommission

Bodo Hechelhammer, promovierter Historiker, versteht solche Einwände. Der 48-Jährige sitzt der 2010 gegründeten dienstinternen Arbeitsgruppe Geschichte des BND vor, die einerseits die UHK in der Recherche und Dokumentation unterstützt, darüber hinaus im Auftrag des Präsidenten die Historie des Dienstes für die eigenen Mitarbeiter weiter aufbereiten soll. Aber da er Beamter ist, hält er sich bei der Frage nach dem Wert der zeitlich begrenzten UHK-Forschungen zurück – und lobt die Kommission und den Dienst, der den Wissenschaftlern ungehinderten Zugang zum Archiv gewährte. „Das ist nicht selbstverständlich“, betont er.

Bei anderen Aufarbeitungsprojekten sei den Historikern ein vorsortiertes Archiv zur Verfügung gestellt worden, begrenzt auf das Aufgabengebiet, nämlich die Rolle ehemaliger NS-belasteter Mitarbeiter in der betreffenden Institution. „Bei uns war der Forschungsauftrag für die Historikerkommission deutlich umfangreicher“, sagt Hechelhammer. „Es ging natürlich auch um personelle Kontinuitäten zwischen dem NS-Apparat und dem Dienst, aber eben auch um den Einfluss des BND auf die Innenpolitik, um die Spionage in der DDR, um das Verhältnis des Dienstes zu Bundesregierung, Parlament und Bundeswehr. Das ist ein Ansatz, der mit anderen Projekten nicht vergleichbar ist.“

Die Rolle des BND im Kalten Krieg bleibt noch unerforscht

Eine wissenschaftliche Analyse der Rolle des BND in der zweiten Hälfte des kalten Krieges durch unabhängige Historiker wird es jedoch – vorläufig – nicht geben. Da sind Bundeskanzleramt und BND vor, die sich offiziell auf Archivfristen und Persönlichkeitsschutz berufen. Dennoch ist Hechelhammer überzeugt, dass ein Umdenken stattgefunden hat. „Der sichtbarste Ausdruck ist die Existenz meiner Arbeitsgruppe, die sich ja auch nach dem Ende der Kommission im März 2017 mit der Aufarbeitung der Vergangenheit befassen wird.“ Bereits jetzt führt seine Geschichtsabteilung, die dem Präsidialbereich des Dienstes angegliedert ist, Vortragsveranstaltungen mit BND-Mitarbeitern durch, in denen auch Angehörige der UHK referieren. Es werden im Haus Filme vorgeführt über den Dienst, aber auch historische Schulungsfilme, die im BND entstanden sind oder im MfS. Bereits begonnen hat man mit der Aufzeichnung von Interviews ehemaliger Mitarbeiter, die aus ihrer Sicht die Arbeitsweise des BND schildern.