""Das laute Schweigen des Bundespräsidenten seit der Amtsübernahme der schwarz-gelben Regierung ist schon auffallend""
Grünen-Vorsitzende Clauda Roth
Berlin - Im Paradehof des Schlosses Bellevue sind an diesem Morgen sechs Soldaten angetreten. Zwei salutieren, zwei hissen die Standarte des Bundespräsidenten, zwei schauen dabei zu. Es wird ein Gast erwartet. Aber die Truppe holt die Flagge wieder ein und faltet das Fahnentuch zusammen, bevor er erscheint. Sie übt nur für bedeutendere Anlässe. Dabei ist der Gast so etwas wie die Mutter der Fernsehnation. Mit bürgerlichem Namen heißt sie Marie-Luise Marjan. Sie spielt seit gefühlten 50 Jahren in der Vorabendserie "Lindenstraße" mit, besser bekannt als "Helga Beimer". Horst Köhler, der Hausherr auf Schloss Bellevue, verleiht ihr an diesem Dienstag das Große Verdienstkreuz.
Zu den staatsbürgerlichen Verdiensten der Frau Marjan zählt unter anderem, dass sie den Glanz ihrer Prominenz bevorzugt auf FDP-Politiker abstrahlen lässt und bei liberalen Fundraising-Dinnern ein gerngesehener Gast ist. Aber deshalb bekommt sie das Abzeichen nicht. Der Bundespräsident würdigt mit dem Orden ihr Engagement für notleidende Kinder. Frau Marjan freut sich und hofft, "dass es viele Gelegenheiten gibt, ihn zu tragen". Und als Horst Köhler fragt, ob er ihr das Ehrenzeichen anheften dürfe, zur Probe vielleicht die kleine dezente Spange? Da entscheidet sich die Schauspielerin prompt für die pompöse Version: eine handtellergroße Seidenschleife mit emailliertem Malteserkreuz. Marjan meint: "Wenn schon, denn schon."
Das sind die angenehmen Termine im Alltag eines Staatsoberhaupts. Über einen Mangel an solchen kann sich Köhler gerade nicht beklagen. Am Montagabend besichtigt er David Chipperfields Rekonstruktion des Neuen Museums im Zentrum Berlins. Tags darauf eröffnet er eine Ausstellung, die die "Schätze des Aga-Khan-Museums" zeigt. Zwischendurch muss er auch mal arbeiten. Er verabschiedet den Verfassungsgerichtspräsidenten in den Ruhestand und überreicht dessen Nachfolger die Ernennungsurkunde. Bei diesem Anlass ist immerhin zu erfahren, was ein Schwerpunkt der zweiten Amtszeit Köhlers werden soll: "die Erhaltung und Verbesserung der Vitalität unserer Demokratie". Mehr hat er nicht verraten.
Von "Super-Horst" zur schlaffen Karikatur
Es ist still geworden um den ersten Mann im Staate, der im vergangenen Juni wiedergewählt worden ist. Der "Spiegel" lästert, Horst Köhler sei ein "Präsident ohne Worte". Und die Zeitung mit den größten Buchstaben fragt: "Wo ist eigentlich Super-Horst?" Sie selbst hatte Köhler diesen Titel einst verliehen. Jetzt druckt das Blatt eine schmähende Karikatur, die ihn als erschlafften Supermann zeigt, der Pantoffeln trägt und sich in einem Sessel ausruht.