Burn-out Die Quadratur des Teufelskreises
Oskar Beck, 26.09.2011 19:35 Uhr
Trainer Rangnick ist anders. Foto: AP
Trainer Rangnick ist anders. Foto: AP

Stuttgart - Diego Maradona hat es als Trainer geschafft: nichts juckt ihn mehr - nicht einmal seine Araber, die das leere Tor nicht treffen. Lustig war jedenfalls die Nachricht, die dieser Tage aus Dubai kam. Dort trainiert die Hand Gottes neuerdings als Allahs verlängerter Arm einen Club namens Al-Wasl, und als seine Stürmer im Etisalat Cup gegen die Emirates die tollsten Chancen verstolperten, tanzte Maradona lachend um die eigene Achse, schlug sich vergnügt auf die Schenkel - und die Witze, die er in Richtung seines Trainerteams riss, krönte er mit einer Handbewegung, die Augenzeugen als Wink zum Flughafen verstanden, im Sinne von: "Geht hier heute Abend womöglich noch irgendein Flug raus, Jungs?"

Seit er vergangenes Jahr nicht Weltmeister, sondern gefeuert wurde, winkt Maradona den Stress grußlos durch, lässt sich vom Trainerjob nicht länger den Spaß verderben und genießt das Schmerzensgeld der Scheichs - und das Leben. Das ist mehr, als man in diesen turbulenten Burn-out-Zeiten erwarten kann.

In der Bundesliga sind wir ja mittlerweile schon für jeden Tag dankbar, an dem kein Trainer ausgebrannt aufgibt und kein Profi in seiner ausgebrannten Villa verhaftet und zur Betreuung ins Max-Planck-Institut für Psychiatrie verbracht wird. Dessen Direktor, der Münchner Professor Florian Holsboer, fordert aufgrund einer wachsenden Zahl guter Gründe: "Jeder Club braucht einen Psychologen."

Das Spiel geht weiter

In ruhigeren Zeiten haben da die Trainer noch nebenher miterledigt. Sobald ein Spieler nervös Nägel kaute, haben sie beruhigend auf ihn eingeredet, unter vier Augen, auf langen Spaziergängen, mit väterlicher Zuwendung - aber was, wenn ein Trainer plötzlich mit sich selbst spazieren gehen muss, wie Ralf Rangnick? "Unsere Gedanken sind bei ihm", sagte Schalkes Sportdirektor Horst Heldt - aber in Gedanken war er schon bei der Nachfolgersuche. Die Bundesliga hat keine Zeit für Einzelschicksale - schließlich geht es nicht nur um Menschen, sondern um Millionen.

Das Spiel geht weiter. Ohne Rangnick. Auch Markus Miller, Hannovers mental erschöpfter Torwart, war kürzlich schnell abgehakt, wie früher Sebastian Deisler, der psychisch Erkrankte - und war nicht sogar bei Robert Enke, dem tödlich Depressiven, das allseits salbungsvoll geschworene Vorhaben, sich mehr auf das Wesentliche des Lebens und die Mitmenschlichkeit im Fußball zu besinnen, nach der Beerdigung schnell wieder beerdigt? "Alles Heuchelei", sagte Markus Babbel ein paar Tage später, als der VfB-Mob seinen Kopf forderte.

Das kostet Kraft. Und nicht jeder hat davon so viel wie Felix Magath. Wenn diesem harten Hund mit der dicken Haut einer was von Burn-out erzählt, jagt er ihn zur Strafe auf den nächsten steilen Hügel, mit dem Medizinball auf den Schultern - und zeigt ihm, was ein Erschöpfungssyndrom ist. Magath wappnet sich notfalls mit dem Schutzschild des Zynikers.

Tanz auf der Rasierklinge des Ausnahmezustands

Rangnick ist anders. Er hat uns den Trainerjob mit seinen Risiken und Nebenwirkungen einmal erklärt, dieses Gefühl der Ohnmacht und der inneren Unruhe, mit der er mitten in der Nacht manchmal aufsteht, unter die Dusche steht, fernsieht oder ein Buch liest - auf der Suche nach dem Schlaf wie ein Verzweifelter, der die Brille verlegt hat, sie aber ohne Brille nicht findet. Ein Trainer lebt in der Quadratur des Teufelskreises, er soll ein langfristiges Konzept entwickeln, wird aber kurzfristig gefeuert. Er soll ernsthafter Arbeiter, aber zugleich Clown wie im Zirkus sein. Sein Kopf klemmt täglich im Schwitzkasten, unter dem Druck des Clubs, der Fans, der Medien und des eigenen. Es ist ein Leben mit ständigen Notlügen und Durchhalteparolen, er muss sich als Motivationskünstler das Maul fusselig reden, seine Primadonnen, Egoisten, Stinkstiefel mit unter den Hut bringen und als Entert(r)ainer Bonmots parat haben vor jeder Kamera.

Ottmar Hitzfeld hat es so gesagt: "Ihr Reporter müsst nur die Fragen stellen - wir Trainer müssen die Antworten geben." Auch Hitzfeld war zeitweise mit dem Akku auf null, sogar in seinen besten Jahren, saft- und kraftlos, ausgelaugt von diesem täglichen Tanz auf der Rasierklinge des Ausnahmezustands. Mit einem Energieriegel ist es da nicht mehr getan. Wer immer unter Strom steht, zahlt für den Verbrauch am Ende eine hohe Rechnung, man spricht schon vom F-Syndrom des Fußballs: Flasche leer. Fix und fertig. Flucht. Facelifting. Frischzellenkur.

Wer all dem entkommt und die tägliche Überforderung des Trainerberufs an sich abperlen lässt, muss mit Teflon beschichtet sein wie Magath - oder so immun gegen das vegetative Erschöpfungssyndrom wie Otto Rehhagel. Der ist mittlerweile jenseits der 70, sieht aber aus wie 60 und steht rüstiger da, als er es mit ungefähr 40 befürchtet hat - damals, als er in seinem jugendlichen Übermut sagte: "Du musst als Trainer genug verdienen, um mit 50 in der Klapsmühle Erster Klasse liegen zu können." Man möchte an der Stelle schallend lachen - aber es ist nicht mehr die Zeit dafür.

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