Burschikose Blondine ist drei Jahre auf der Walz

Von "Fellbach und Rems-Murr-Kreis" 

Stetten. Claudia Zauke ist eine der wenigen weiblichen Wandergesellen in Deutschland. Von Eva Herschmann

Stetten. Claudia Zauke ist eine der wenigen weiblichen Wandergesellen in Deutschland. Von Eva Herschmann

Der Wind bläst heftig auf der Baustelle in luftiger Höhe. Claudia Zauke steht in ihrer Kluft auf dem Gerüst in der Gartenstraße. "Ruhig, Brauner", sagt die Wandergesellin aus Oldenburg in Richtung der Boe, und ihre Haare fliegen, als ritte sie auf einem Pferd.

Wandergesellen sind ein seltener Anblick geworden. Keine 500 waren im vergangenen Jahr in Deutschland unterwegs. Europaweit wird ihre Zahl auf rund 10 000 geschätzt. Knapp zehn Prozent davon sind Frauen. Eine davon ist Claudia Zauke. Die 28-Jährige ist erst seit etwas mehr als einer Woche auf der Walz, ein Neuling also. Die Traditionen pflegt sie jedoch: Zu Fuß und per Anhalter ist sie mit ihrem erfahrenen Tippelbruder Malte Gelhorn nach Stuttgart gekommen. Zurzeit arbeiten die beiden am Dachstuhl eines Hauses in der Stettener Gartenstraße. Ihre Auftraggeber sahen die beiden in ihrer Kluft in der Königstraße und engagierten sie vom Fleck weg.

"Ich will Erfahrungen sammeln", sagt die gelernte Dachdeckerin. Claudia Zauke reizt der Gedanke, an vielen Orten zu sein, unterschiedliche Arbeitstechniken kennen zu lernen. Dass das Leben als Wandergesellin entbehrungsreich ist, stört die burschikose Blonde nicht. "Diese Erfahrungen zu machen schadet nichts, dann weiß ich bestimmte Sachen wieder mehr zu schätzen." Die Wanderjahre seien eine Lehre fürs Leben, sagt sie und akzeptiert klaglos, dass sie bis zum Ende der Walz, die genau drei Jahre und einen Tag dauert, einen Bannkreis von 50 Kilometern um ihren Heimatort nicht betreten darf. Auch nicht zu Feiertagen. Das sei Teil des Ehrenkodex, sagt sie. "Aber meine Eltern dürfen mich besuchen kommen, und ich hoffe, dass sie das auch tun." Den Kontakt in die Heimat hält Claudia Zauke telefonisch, wenn auch nicht per Handy, denn das dürfen Wandergesellen nicht besitzen Auf Wanderschaft darf nur gehen, wer die Gesellenprüfung bestanden hat, ledig, kinderlos und schuldenfrei ist. Ihr Hab und Gut trägt Claudia Zauke in einem Charlottenburger oder Charlie mit sich, einem zum Bündel geschnürten Tuch. Viel braucht sie nicht: ein bisschen Unterwäsche, Waschutensilien und zwei Ausführungen der Kluft, eine zum Arbeiten und eine zum Ausgehen.

Wandergesellen müssen in der Öffentlichkeit immer Kluft tragen. Auch bei der Arbeit hat Claudia Zauke den schwarzen Hut mit breiter Krempe auf, die weiten schwarzen Schlaghosen und die Weste sowie ein weißes, kragenloses Hemd an. Auf der Walz müsse man bei der Hygiene schon einmal Abstriche machen, sagt Claudia Zauke. Es kann sein, dass ein bis zwei Wochen vergehen, bis wieder einmal Möglichkeit besteht, zu duschen, oft auf einer Autobahnraststätte, erzählt Kumpel Malte. In punkto Unterkunft sind Wandergesellen bescheiden. Hauptsache ist, dass sie nichts kostet. So will es die Tradition. "Wir schlafen auf der Baustelle oder wo es halt trocken ist", sagt der erfahrene Geselle, der schon zwei Jahre auf Wanderschaft ist. "Ich wusste, auf was ich mich einlasse", sagt Claudia Zauke. Sie ist sicher, dass sie durchhalten wird.

Frühzeitig abzubrechen käme ihr nicht in den Sinn. "Das brächte Schimpf und Schande über mich, und Malte würde nie wieder mit mir sprechen." Noch eine Woche werden die Wandergesellen in Stetten beschäftigt sein, danach wollen sie in die Schweiz. Malte Gelhorn hat schon viele Stempel in seinem Wanderbuch. In Claudia Zaukes ist der Siegel der Gemeinde Kernen der erste Eintrag. Bürgermeister Stefan Altenberger kam persönlich auf die Baustelle und brachte den Stempel mit. Außerdem überreichte er ein Weinpräsent. "Mal sehen, wie der Stettener Wein schmeckt", sagt Claudia Zauke und hält ihren Hut fest, denn wieder fegt ein Windstoß übers Haus.