Café Comercial Madrid hat sein Kult-Café zurück

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Madrid hat sein Café Comercial wieder, das älteste Kaffeehaus der spanischen Hauptstadt. Die Gäste sitzen bei café con leche und pan con tomate. Alles ist wie früher. Oder doch nicht.

Ganz anders als Starbucks: Das Café Comercial in Madrid hat seine Türen wieder geöffnet. Foto: dpa
Ganz anders als Starbucks: Das Café Comercial in Madrid hat seine Türen wieder geöffnet. Foto: dpa

Madrid - Die Drehtür ist nicht mehr da, die alte, wuchtige, hölzerne Drehtür. Ein Ersatz ist in Arbeit, feuerschutzgeprüft, aber vorerst muss der nostalgische Besucher eine ganz gewöhnliche Glastür öffnen, um das Café Comercial zu betreten. Kein gutes Omen.

Im Juli vor knapp zwei Jahren hatten die Besitzerinnen des ältesten Kaffeehauses Madrids das Schutzgitter vor der Drehtür zugezogen und ein Schild „Geschlossen“ daran gehängt. Es war ein Drama. „Es gibt Orte, die sind Teil der Seele einer Stadt“, schrieb ein trauriger Madrider damals auf Twitter. „Kein verdammter Starbucks kann das ersetzen.“ An den Fenstern des Cafés tauchten Dutzende rosa Zettel in Herzform mit Abschiedsbotschaften auf. Auf einem stand: „Ohne dich wird nichts mehr sein wie früher.“ Jetzt ist doch alles wieder wie früher. Kein „verdammter Starbucks“ ist in das Lokal am Rand des Altstadtviertels Malasaña eingezogen. Stattdessen hat vor ein paar Tagen wieder das Café Comercial geöffnet. Ganz das alte. Oder doch nicht.

An der Tapastheke drängen sich die Menschen

Was sich auf den ersten Blick verändert hat: Es herrscht Hochbetrieb. An der Tapastheke im Eingangsbereich hinter der vorübergehend verschwundenen Drehtür drängen sich die Menschen. Die Madrider liebten das alte Café Comercial, aber vielen reichte es zu wissen, dass es existiert. Jetzt schauen sie wieder vorbei, erst mal aus Neugier, Leute aus der Nachbarschaft, viele Alte, Familien, Männer und Frauen auch, die sonst in vornehmeren Vierteln ausgehen, Schickeria. Das Comercial ist auf einmal angesagt.

Neben der Tapastheke ist der Zugang zum eigentlichen Kaffeehaus. Da steht ein Kellner und weist den Gästen ihren Platz zu. Für uns hat er ein Tischchen gleich neben der Kasse vorgesehen, wir setzen uns, es ist zugig. Wir suchen uns einen anderen Tisch nahe den großen Fenstern, durch die der Frühling hereinschaut. Früher suchte sich hier sowieso jeder selbst seinen Platz, es war fast immer etwas frei. Das Café Comercial war wie ein guter Freund, den man auch unangemeldet besuchen konnte. Jetzt ist man Gast.

Ein klassisches Frühstück kostet 2,50 Euro

Zwischen den Tischen wieseln die jungen Kellner, die ehemaligen, die mit ihren Besuchern alt geworden waren, sind verschwunden. Es dauert ein bisschen, bis jemand daran denkt,die Karte vorbeizubringen, endlich können wir bestellen, ein klassisches Frühstück für 2,50 Euro, café con leche und pan con tomate, das gibt es immer noch, einfach und lecker und sehr spanisch. Wir entspannen und schauen uns um.

Die meisten Tische sind noch die selben, die Marmorplatten frisch poliert, auch die alten Stühle, jetzt mit Stoff statt mit Leder bezogen, stehen noch da. Die Spiegel glänzen, die Hängelampen ebenso, die hölzernen Säulen sehen wie neu aus. Alles, was man von einer Renovierung erwartet: dasselbe Mobiliar, dieselbe Dekoration, nur im besseren Zustand. Trotzdem hat sich etwas Entscheidendes verändert: Auf einmal ist es hier gemütlich. Im alten Café Comercial war es nie gemütlich, das war nicht die Idee des Kaffeehauses. Es sind Kleinigkeiten, die die neuen Betreiber hinzugefügt haben: ein paar Holztische, eine Topfpflanze, die bis zur Decke reicht, Designerlampen vor den Spiegeln, das eine oder andere Accessoire.

Früher trafen sich hier Schriftsteller und andere kluge Leute

Fast ein Jahr haben die neuen Herren des Comercial, die in Madrid schon ein paar andere Lokale betreiben, daran gearbeitet, aus dem alten Kaffeehaus von 1887 (vielleicht ist es auch noch älter) einen modernen Restaurationsbetrieb zu machen, ohne das Kaffeehaus zu verleugnen. Früher trafen sich hier Schriftsteller und andere kluge Leute zu ausgiebigen Debatten oder zum Zeitunglesen, das ist Teil des Mythos Comercial.

Das neue Café will von diesem Mythos zehren. An den Wänden hängen Zeichnungen früherer berühmter Gäste, Benito Pérez Galdos zum Beispiel oder Francisco Umbral. Aber man kann sie sich hier nur noch schwer vorstellen in diesem Café, das sich nun mittags und abends zum Restaurant wandelt, so schick, wie jedes andere frisch eröffnete Restaurant. Das Comercial hat seine Seele verloren, wahrscheinlich ging es gar nicht anders. Warten wir ein bisschen, vielleicht zehn Jahre oder hundert, dann wird es wieder eine haben.