Cannstatter Bil-Schule Baggern für Bildung
Jonas Nonnenmann, 23.05.2011 10:30 Uhr
Die Macher: Muammer Akin (links) und Manfred Ehringer auf ihrer Baustelle. Foto: Heinz Heiss
Die Macher: Muammer Akin (links) und Manfred Ehringer auf ihrer Baustelle. Foto: Heinz Heiss

Stuttgart - Der Bauherr steht morgens im Gewerbegebiet am Stuttgarter Hallschlag und zeigt auf das Loch in der Erde, das vor ihm klafft. In der einen Hand flattert ein Bauplan, mit der anderen malt er ein Rechteck in die Luft. "Es wird riesig", sagt er andächtig, während ein Bagger die Erde zerpflügt. Hier der Hauptflügel, da der Pausenhof, ganz hinten die Turnhalle.

Muammer Akin sieht aus wie ein reicher Cousin von Cem Özdemir: südländisches Gesicht, Kotelettenansatz, Nadelstreifenanzug. Akin ist 41 Jahre alt; Stuttgart hat ihm das Bildungshaus zu verdanken, kurz Bil. Das Bil ist die erste weiterführende Schule der Stadt, in dem die Kinder von Einwanderern nicht die Ausnahme sind, sondern die Regel. Es dürfte dem entsprechen, was der grüne Neuministerpräsident Winfried Kretschmann meint, wenn er fordert, der schulische Erfolg dürfe nichts mit der Herkunft zu tun haben.

"Das Türkengymnasium" titelt der SWR

Im Bil sitzen knapp 300 Schüler in Gymnasial- und Realschulklassen, und es werden Jahr für Jahr mehr - trotz der 200 Euro Schulgebühren monatlich, die Kretschmann weniger gefallen dürften. "Das Türkengymnasium" titelte der öffentlich-rechtliche SWR in einem Beitrag. Akin gefällt diese Bezeichnung nicht, weil sie andeutet, seine Schule habe etwas mit dem türkischen Staat zu tun. "Wir sind eine deutsche Schule", sagt er, "es gibt weder Türkisch noch Religion als Fach." Mit dem Aufbau einer Parallelgesellschaft will Akin nichts zu tun haben. Er baut lediglich eine Schule auf.

Das alte Domizil in Bad Cannstatt passt nicht mehr in Muammer Akins anspruchsvolles Bildungsbild: Das ehemalige Fabrikgebäude sieht von außen aus wie die vernachlässigte Zweigstelle einer Volkshochschule. Innen wirkt das Gebäude freundlicher. Im Eingang hängen kleine Länderflaggen, Puzzlesteine zeigen den Stand der Spenden für den Neubau an. Es fehlen noch viele Steine, bis das Puzzle komplett ist: Für den 20-Millionen-Euro-Bau hat die Schule sich auf etwa 30 Jahre verschuldet. 16 Millionen sind geliehen, den Rest haben Förderer spendiert. Im neuen Bau wird es ein Internetcafé geben und einen gemütlichen Innenhof, die Klassenräume sollen dank großzügiger Verglasung hell sein. 650 Schüler erwartet Akin, mehr als doppelt so viele wie bisher.

Muammer fand ein fremdes Land vor

Das Bil gibt allen eine Chance. Hier die Neuntklässlerin mit Kopftuch und Lippenstift, die von Heilbronn pendelt und jeden Tag zwei Stunden im Zug sitzt. Dort der blonde Elftklässler, der auf der Privatschule in Bad Cannstatt landete, weil ihn keine staatliche Schule mehr aufnehmen wollte.

Der Gründer hätte sich früher selbst so eine Schule gewünscht. Nachdem Muammer Akin in einer Kleinstadt am Schwarzen Meer die Grundschule besucht hatte, folgte er seinem Vater nach Deutschland. Der hatte in der Stuttgarter Kugellagerfabrik SKF einen Job als Arbeiter gefunden. Der kleine Muammer fand ein fremdes Land vor. Er konnte kein Deutsch und nicht einmal Rad fahren. So wird man zum Außenseiter. "Ich habe mich oft gefragt, ob ich weniger wert bin", sagt er heute. Etwa zwei Jahre habe es gedauert, bis er auf der Altenburgschule im Unterricht mitkam. Das habe er auch seinem Vater zu verdanken, sagt Akin. Der zeigte Tag für Tag auf die Seiten im Schulbuch und fragte seinen Sohn, welche Vokabeln er gelernt habe - Wörter, deren Sinn der Vater meist selbst nicht verstand.

Nach dem Hauptschulabschluss war Muammer Akin ähnlich orientierungslos wie bei der Ankunft in Deutschland. Bei einer Berufsfachschule kreuzte er als Wunsch "Elektrotechniker" an, bekam aber wegen einer Rot-Grün-Schwäche eine Absage. Am Ende machte er bei Bosch eine Ausbildung zum Industriemechaniker. Er hätte in dem Weltkonzern vermutlich bis zur Rente bleiben können. Doch Akin entschied sich für einen anderen Weg, machte das Abitur nach, studierte Pädagogik, trat in die CDU ein, "vielleicht auch, weil es in der CDU am meisten zu verändern gibt". Die Stadt berief ihn als sachkundiges Mitglied in den Ausländerausschuss des Gemeinderats. Dort lernte er Manfred Ehringer kennen, den ehemaligen Leiter des Stuttgarter Schulamts.


Vor 14 Jahren gründeten Akin und Ehringer einen Nachhilfeverein, in dem Studenten Migranten unterrichteten. Akin war das nicht genug, er träumte von einer eigenen Schule. Ehringer war skeptisch, machte am Ende aber mit und übernahm den pädagogischen Part. Drei Jahre lang finanzierten sie das Bildungshaus mit privaten Spenden, dann kamen die ersten Zuschüsse vom Staat.

Der pensionierte Schulamtsleiter Ehringer ist heute 79 Jahre alt, aber er redet mit dem Elan eines Referendars. "Wir konnten nicht mehr warten", sagt er. "Wenn Daimler so fehlerhaft produzieren würde wie die staatlichen Schulen, müssten alle Autos zurückgerufen werden." Was hat er sich früher nicht anhören müssen: Verräter des Schulsystems, Errichter einer Parallelgesellschaft - das waren noch die netteren Kommentare. Einmal habe ihm eine Stadträtin vorgeworfen, eine Ghetto-Schule zu gründen. "Das hat ziemlich geschmerzt", sagt Ehringer.

Muslime sollen Schlüsselpositionen besetzen

Immer wieder gab es Gerüchte, die Schule sei versteckt islamistisch, unterstützt von Geld aus dem Ausland. Genährt werden die Vorwürfe durch Akins offene Wertschätzung für den Prediger Fethullah Gülen. Manche sehen in Gülen einen Fundamentalisten, andere einen Aufklärer, der den Islam zur Moderne hin geöffnet hat.

"Mir gefällt Gülens Ansatz, in Bildung zu investieren", sagt Akin. "Er löst den Konflikt zwischen Religion und Demokratie, indem er sagt: Ihr seid auch gute Muslime, wenn ihr euch integriert." In einer seiner Reden hat Gülen die Muslime aufgefordert, gesellschaftliche Schlüsselpositionen zu besetzen. Auch Akin meint, dass türkische Muslime nicht von wichtigen Posten in Polizei und Justiz ausgeschlossen werden dürften. Er selbst ist religiös, fordert seine Schüler aber auf, den Glauben der Eltern zu hinterfragen. Wenn es um Religion geht, tanzt Akin auf dem Seil. Ein falscher Schritt, und er zappelt im Netz derer, die ihm Islamismus vorwerfen. Ähnlich ist es mit dem Thema Sprachunterricht. "Vielleicht gibt es bei uns irgendwann eine Türkisch-AG", sagt er vorsichtig.

Kostenlose Nachhilfe für die Schüler

Der Unterricht folgt den baden-württembergischen Lehrplänen. Doch die Schule selbst bietet mehr als das staatliche System: kleine Klassen, nachmittags Hausaufgabenbetreuung, spezielle Nachhilfe. Schreibt ein Schüler eine Fünf, hat der Lehrer sich zu fragen, wie das passieren konnte. Falls nötig, bekommt der Schüler kostenlos Nachhilfe - von einem anderen Lehrer. Das Konzept geht auf: Bei den letzten Realschulprüfungen haben alle bestanden, 14 der 17 Absolventen besuchen eine weiterführende Schule. "Bei uns leisten die Pädagogen, was an staatlichen Schulen die Aufgabe der Eltern ist", sagt Ehringer. Viele Mütter und Väter könnten nicht selbst beim Lernen helfen, obwohl ihnen der Erfolg ihrer Kinder wichtig sei - das gelte besonders für Migrantenfamilien.

Im Gegensatz zur Bil-Realschule ist das Bil-Gymnasium nicht staatlich anerkannt. "Bisher lag es am Lehrermangel", sagt ein Sprecher des Regierungspräsidiums. Zu viele Quereinsteiger. Zwei Drittel der Lehrer müssten das zweite Staatsexamen abgelegt haben, dann spreche alles für die Anerkennung: "Die Schule ist auf dem richtigen Weg."

Muammer Akin blickt zufrieden auf seine Baustelle. Ein Bagger zerfleischt mit seiner Schaufel gerade ein paar Zentner Erde. Akin zückt sein I-Phone, um den Moment per Digitalkamera festzuhalten. "Nächsten Sommer kommen die Schüler", sagt er und drückt ab.


Angebot: An der Bil-Schule gibt es in den Stufen fünf bis zehn je eine Gymnasial - und eine Realschulklasse. Das Gymnasium bietet zusätzlich eine elfte Klasse an, im kommenden Schuljahr soll es auch eine zwölfte geben und damit den ersten Abiturjahrgang.

Voraussetzung: Die Schulleitung hofft, dass das Bil-Gymnasium bis zur Einweihung des Neubaus staatlich anerkannt ist. Die wichtigste Bedingung: rund zwei Drittel der Lehrer müssen das zweite Staatsexamen abgelegt haben. Ohne Anerkennung müssten die Schüler ihr Abitur wie bisher an einer anderen Schule ablegen.

 

Kommentare (2)
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MAI
25
Ferry Wittchen, 07:21 Uhr

Canstatter Bil - Schule

Das sind Initiativen, die uns weiterbringen. Viel Erfolg ....und Glück !

MAI
23
Dr. Sascha Ebert, 16:10 Uhr

Super!!

ich wünsche Ihnen vieles Glück und Vergnügen.