Die Finger fliegen dermaßen schnell über die Tasten, dass ein ungeübtes Auge sie kaum verfolgen kann. Selbst Handgelenke, Knöchel und Unterarme hämmern auf Elfenbein und Ebenholz, im Takt dazu fliegen lange braune Haare durch die Luft. "Jetzt kommt gleich meine Lieblingsstelle", sagt Meryem Natalie Akdenizli und hebt kurz den Kopf. Die Pianistin ist ganz in ihrem Element und das Publikum begeistert. Viele der Dritt- und Viertklässler der Herbert-Hoover-Schule sitzen mit offenen Mündern in der Turnhalle und verfolgen fasziniert das Schauspiel, das sich ihnen bietet.
"Wir werden zusammen eine Reise durch die Musikepochen machen", hatte Akdenizli den 150 Schülern am Dienstag angekündigt. Die 30-jährige Künstlerin ist in Zazenhausen aufgewachsen und hat selbst zwei Jahre lang die Herbert-Hoover-Schule besucht. Heute ist sie eine international bekannte Pianistin, die weltweit mehr als 40 Konzerte pro Jahr gibt. Zu ihrem Programm gehört auch die Reihe "Gesprächskonzert": Klassische Werke sollen den Zuhörern durch kurze Erläuterungen und Hörbeispiele näher gebracht werden. Die Reihe ist vor allem auf Schüler gemünzt, allerdings sind die Kinder normalerweise älter als die Neun- bis Elfjährigen in Freiberg. "Ich möchte klassische Musik aus der Nische herausholen und zeigen, dass sie nichts Verstaubtes ist", sagt Akdenizli. Dabei ist ihr eines wichtig: Sie möchte Klassik nicht, wie einige ihrer Musiker-Kollegen, mit Pop mischen.
Am Dienstag beginnt die musikalische Reise im Barock. "Das Klavier und ich, wir sind wie Pferd und Reiter", erzählt die Dame im schwarzen Abendkleid, bevor Bachs "Chromatische Fantasie" erklingt. Töne seien wie Farben, die auf vielfältigste Weise kombiniert werden können. "Habt ihr schon Mal von Mozart gehört?", fragt Akdenizli zu Beginn der Klassik-Epoche und erntet ein vielstimmiges "Jaaa". Mozart, das erzählt die Pianistin mit einem Augenzwinkern, hätte viele Ideen gehabt, Beethoven dagegen weniger, dafür aber "wuschelige Haare". Über die habe er sich Wasser gegossen, wenn ihm nichts eingefallen sei. Was dabei heraus kam, wird musikalisch in einem Auszug von Beethovens "Appassionata" zu Gehör gebracht. Besonders wohl fühlt sich Akdenizli im Impressionismus. Debussys "Feuerwerk" startet mit einem leichten Glimmen, bald sprühen aber die musikalischen Funken dermaßen, dass einem der juvenilen Zuhörer spontan das Wort "geil" über die Lippen kommt. Ob er damit die Künstlerin oder das Stück meint, ist freilich nicht ganz klar.
"Neue Musik ist ein bisschen verrückt", sagt die Pianistin und greift in die Tasten, um die "Tokkata Fantasia" von Janez Maticic zu intonieren. Den Komponisten hat sie vor kurzem in Paris besucht, um sich Ideen für ihre Interpretation zu holen. Zum Gedenken an Franz Liszts 200. Geburtstag in diesem Jahr hat sich die Pianistin das Zeitalter der Romantik bis zum Schluss aufgehoben. Liszts Popularität ordnet Akdenizli nach aktuellen Maßstäben ein: "Der war damals bekannter als heute Lena." Damen seien bei Konzerten regelmäßig in Ohnmacht gefallen und hätten ihren Schmuck auf die Bühne geworfen. Als schließlich der letzte Ton von Liszts Etude Nummer 10 verklungen ist, scheint klar: Die charmante Pianistin ist bei den Schülern mindestens ebenso gut angekommen wie Liszt anno dazumal bei der Damenwelt.

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