Chatroulette Das Kuscheln im Netz hat ein Ende
Christiane Wild, 08.06.2010 13:44 Uhr
Die Internetseite Chatroulette verbindet Menschen, die sich nicht kennen und deren Gemeinsamkeit darin besteht, sich in einem bestimmten Moment auf derselben Internetseite zu befinden. Foto: dpa
Die Internetseite Chatroulette verbindet Menschen, die sich nicht kennen und deren Gemeinsamkeit darin besteht, sich in einem bestimmten Moment auf derselben Internetseite zu befinden. Foto: dpa
""Für mich ist die Seite wie die Straße einer Stadt, auf der du alle möglichen Gesichter siehst.""
Andrey Ternowski, Erfinder von Chatroulette

Stuttgart - Es dauert nicht lange, bis im oberen Fenster des geteilten Bildschirms ein Gesicht auftaucht. An diesem Abend poppt, dem Zufallsprinzip folgend, das Bild eines dunkelhaarigen Jungen mit Brille auf. Er heißt John aus den USA. Im unteren Fenster mein eigenes Gesicht. Rechts neben der Kameraaufnahme kann man dem Gegenüber Botschaften schreiben. Oder man fängt ein Gespräch an - wie bei der Internettelefonie. John hat gerade nichts zu tun, deshalb sei er auf die Seite gesurft, sagt er. Die Unterhaltung kommt nicht recht in Fahrt. Ich klicke ihn weg. Sofort ist ein anderer Chatpartner im Fenster zu sehen, immer nach dem Zufallsprinzip. Menschen aus aller Welt. Ich klicke sie gleich wieder weg, unterhalte mich, oder werde selbst weggeklickt - ein Bilderroulette im Sekundentakt.

Die Idee ist so simpel wie aufregend: Die Internetseite Chatroulette verbindet Menschen, die sich nicht kennen und deren Gemeinsamkeit darin besteht, sich in einem bestimmten Moment auf derselben Internetseite zu befinden. Der Zufall bestimmt, wer mit wem in Kontakt tritt - so wie beim echten Roulette, bei dem die Kugel zufällig an einer bestimmten Stelle des Rads liegen bleibt. Die von dem 17-jährigen Russen Andrey Ternowski Ende 2009 ins Leben gerufene Seite hat mittlerweile eine große Fangemeinde. 500.000 sind derzeit täglich online. Der Anfang eines neuen Trends? Dafür spricht, dass Skype und Google bereits bei dem jungen Russen angeklopft haben. Um mitzumachen braucht man nur eine Webkamera und einen PC.

Das macht Spaß, es weckt den Spieltrieb


Anders als bei sozialen Netzwerken wie Facebook oder StudiVZ will kaum jemand bei Chatroulette Kontakte aufbauen oder gar Freundschaften pflegen. Das Zufallsprinzip ist nicht auszuschalten. Während bei Facebook der Einzelne Kontakt zu vielen hält, steht bei Chatroulette die einmalige, spontane Begegnung im Mittelpunkt. Genau darin liegt der Reiz: Wen man auf der Seite trifft, ist nicht vorhersehbar. Das nette Gespräch mit dem Studenten aus Südkorea ist ebenso wahrscheinlich wie die Begegnung mit dem Briten, der einen beleidigt. Alles ist möglich. Das macht Spaß, es weckt den Spieltrieb. Dass alle anonym sind, hat aber auch einen weitaus schonungsloseren Umgang mit dem Gegenüber zur Folge, als das in sozialen Netzwerken der Fall ist. Wer nicht interessant genug ist, fliegt raus. Ein erbarmungsloses und oberflächliches Auswahlverfahren.

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