Chefdirigent Stephane Denève Am Pult des RSO steht nun ein Lockenkopf

Götz Thieme, 22.09.2011 20:07 Uhr

Stuttgart - Am Samstag ist Stephane Denève mit seiner Frau und der dreieinhalbjährigen Tochter Alma in Stuttgart angekommen, am Montag stand er im Funkstudio erstmals in seiner Funktion als Chefdirigent vor den Musikerinnen und Musikern des Radio-Sinfonieorchesters Stuttgart des SWR. Tags drauf wird die Probe zu seinem Einstandskonzert im Beethovensaal fortgesetzt. Das Podium ist erweitert worden, ein echter Brocken steht an. Auf den Pulten liegen die Noten zu Richard Strauss' sinfonischer Dichtung "Ein Heldenleben". Große Besetzung: je sechzehn erste und zweite Violinen, vierfaches Holz, acht Hörner, fünf Trompeten, drei Posaunen, zwei Tuben und reichlich Schlagzeug.

Man könnte auf den Gedanken kommen, mit dem Aufgebot wolle man die Erinnerung an einen verschlankten "Stuttgart Sound", an Roger Norrington wegpusten. Das sagt natürlich keiner, im Gegenteil: Zum Abschied im Juli ist Norrington von den Musikern zum Ehrendirigenten ernannt worden, und im November kommt er schon wieder - allerdings nur für eine Studioproduktion. Aber die Kontrabässe stehen nun nicht mehr mittig in der hinteren Reihe wie beim Engländer, der Franzose hat sie auf der linken Seite postiert: gute alte deutsche Orchesteraufstellung. Die sich gegenüber sitzenden Geigen allerdings hätten Norrington gefallen.

Keine künstliche Einladung

Sein Nachfolger schlängelt sich an diesem Dienstag durch die Reihen der Musiker zum niedrigen Dirigentenpodest. Denève braucht keine künstliche Erhebung, mit rund einsneunzig ist er groß für einen Dirigenten. An Gewicht hat er abgenommen, zugelegt beim Deutsch, seit er im März seine erste Saison auf einer Pressekonferenz vorgestellt hat. Lächelnd begrüßt er das Orchester, die Konzertmeisterin Mila Georgieva mit perfektem Handkuss, ohne Lippenkontakt. Die Bulgarin wird gleich hart gefordert, da heißt es gute Laune verbreiten: Strauss hat der Geige ein Riesensolo ins "Heldenleben" geschrieben. Auf der Empore hinter dem Orchester, wo sonst der Chor sitzt, zappelt relativ gesittet eine Grundschulklasse, fröhlich winkt Denève hinauf, wendet sich um und heißt Zuhörer im Parkett willkommen, es sind Mitglieder der Freundes- und Fördervereins. Noch sind seine Locken gebändigt, das schwarze Hemd trocken.

Dann legt er los, mit weit gespannten fließenden Armbewegungen, die drei mittleren Finger der linken Hand liegen meist beieinander, streicheln manchmal imaginäre Flächen. Sattes Es-Dur, Großkampftag für die Hörner, die Violinen müssen in die höchsten Lagen. Der 39-Jährige lässt die Musiker spielen bis zum ersten Höhepunkt. Fortefortissimo. Ein Mädchen oben mit geflochtenen Zöpfen hält sich die Ohren zu - die Buben neben ihr beginnen wild zu klatschen. So war das nicht geplant, der Maätre nimmt's gelassen, erklärt den Kindern, dass das Stück weitergeht. Sympathisch. Der Ruf, auf Menschen zuzugehen, eilte ihm voraus, als im Februar 2010 bekannt wurde, dass er der neue RSO-Chef werden würde. In Glasgow, wo er von 2005 und noch bis Mitte kommenden Jahres Chefdirigent des Royal Scottish National Orchestra ist, sollen seine Konzerteinführungen ziemlich geschätzt werden - die Besucherzahlen seien in seiner Ägide beträchtlich gestiegen, heißt es.

Denève ist ein Wagnis

Dennoch: das RSO ist mit der Wahl von Denève ein Wagnis eingegangen. Liebe auf den ersten Blick garantiert keine tragfähige Beziehung. Ein Konzert im Oktober 2009, bei dem Denève für Michel Plasson eingesprungen war und damit beim RSO debütierte, genügte, um ihn als heißen Nachfolgekandidaten für Roger Norrington ins Gespräch zu bringen.

Ein wenig lagen damals wohl die Nerven beim Orchestermanagement blank. Wo die großen Namen hernehmen, die so rar und eh nicht zu bezahlen sind? Weniger als zwei Jahre vor dem Ende von Roger Norringtons Amtszeit war kein potenzieller Chefdirigent in Sicht. Thomas Hengelbrock hatte dem RSO eine Absage erteilt, sich für die prestigeträchtigeren NDR-Sinfoniker in Hamburg entschieden. Nach Denèves Stuttgarter Einspringer flogen der RSO-Manager Felix Fischer und der Orchestervorstand noch im Dezember nach Schottland, um ein Konzert mit Denève in der Usher Hall in Edinburgh zu hören und zu sondieren, ob sich Denève überhaupt vorstellen könne, nach Stuttgart zu wechseln. Zwei Monate und eine Orchesterabstimmung später waren sich der Dirigent und der SWR einig. Zunächst für drei Jahre, bis zum Ende der Saison 2013/14 läuft der Vertrag.

Begeister von der Verbindung

Stephane Denève ist ungebrochen begeistert von dieser Verbindung, auch wenn er in der ersten Saison durch die Doppelverpflichtung in Stuttgart noch nicht voll präsent ist. Er will gleich zeigen, was ihn alles interessiert, seine "Visitenkarte abgeben", wie er in der Probenpause sagt, deshalb das etwas bunte Programm, mit dem er sich den Abonnenten im Beethovensaal vorstellt: Strauss' "Heldenleben", Magnus Lindbergs Violinkonzert von 2006 mit Alina Pogostkina als Solistin, schließlich Maurice Ravel: die zweite Suite aus dem Ballett "Daphnis und Chloé".

Deutsche Romantik, (gemäßigt) Zeitgenössisches und französische Musik möchte er ins Zentrum seiner Arbeit stellen. Also Strauss und Mahler - die zweite Sinfonie ist fest eingeplant -, neotonale Komponisten wie Lindberg und die französischen Klassiker: Berlioz, Debussy, Ravel, Poulenc. Mit dem RSO-Hauslabel Hänssler Classic ist für die kommenden Jahre eine Gesamtaufnahme der Orchesterwerke von Ravel vereinbart. Das ist Repertoire, bei dem Denève punktet an diesem Vormittag, er feilt an jedem Vogelstimmchen, mit dem Ravel das Erwachen des Tages über der griechischen Idylle illustriert, er mischt die Farben, hört ins Orchester hinein, um die Linien zu sortieren - aber nicht zu genau. Die Musiker sollen atmen, sich frei fühlen. Genau so einen Dirigenten haben sie gesucht, sagt der Hornist Wolfgang Wipfler, einer der drei Orchestervorstände, einen "emotionalen Musiker, keinen Mathematiker".

Konzerttermine im Beethovensaal der Liederhalle: Donnerstag und Freitag jeweils 20 Uhr. Liveübertragung in SWR2 am 23. September ab 20.03 Uhr.