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Chile Die Leidenschaften des Pablo Neruda

Von Ulrike Wiebrecht aus Santiago de Chile 

Die Häuser des chilenischen Nobelpreisträger für Literatur in Santiago, Valparaíso und Isla Negra sind Spiegelbilder seines abenteuerlichen Poetenlebens.

Das Grab von Pablo Neruda auf der chilenischen Isla Negra. Im Hintergrund ist sein Lieblingshaus zu sehen. Foto: Jose Giribas/ROPI
Das Grab von Pablo Neruda auf der chilenischen Isla Negra. Im Hintergrund ist sein Lieblingshaus zu sehen. Foto: Jose Giribas/ROPI

Santiago de Chile - Ein Bistro-Tisch aus Paris, englisches Geschirr, Gläser aus Portugal, dazwischen polnische Puppen und ein ausgestopftes Pferd: Puristen schlagen bei dieser Mischung die Hände über dem Kopf zusammen. Noch dazu, wenn sich alles über winzige, labyrinthisch verschachtelte Räume verteilt. Und doch wirkt alles wie ein harmonisches Ganzes. Ausdruck einer ebenso facettenreichen wie eigenwilligen Persönlichkeit, die sich mit dem Haus in Santiago de Chile das ihr entsprechende Refugium geschaffen hat. Pablo Neruda, Schriftsteller, Weltenbummler und engagierter Antifaschist, 1904 im Süden Chiles geboren, als Diplomat und Exilant in unzähligen Länder heimisch geworden und 1973 kurz nach dem Militärputsch durch Augusto Pinochet gestorben. Den Nobelpreis erhielt er 1971 für sein dichterisches Werk.

Doch auch seine Häuser sind ein bemerkenswertes Erbe. Bezeichnenderweise hat sich Neruda keine repräsentativen Villen geschaffen, vielmehr intime Refugien zum Leben und Arbeiten, in denen sich vieles wiederfindet, von dem in seinen Gedichten und vor allem der Autobiografie „Ich bekenne, ich habe gelebt“ die Rede ist. „Es ist derselbe Geist, der die Verse Nerudas und seine Häuser beseelt“, schreibt Margarita Aguirre, eine Freundin des Dichters. „Man könnte sogar sagen, dass die Häuser das schriftstellerische Werk verlängern und über es hinausgehen.“ Wobei jedes seinen eigenen Charakter hat. Zum Beispiel La Chascona: Ganz versteckt duckt sich das Haus unter dem Cerro San Cristóbal, jenem 880 Meter hohen Hügel inmitten von Santiago, der beliebtes Naherholungsziel der Städter ist.

„An der Einrichtung lässt sich ablesen, dass er ein guter Gastgeber war“

Der Weg dorthin führt durch Bellavista, traditionelles Künstlerviertel und eins der beliebtesten Nightlife-Quartiere. Neben verspielten Villen reihen sich hier unzählige Bars und Restaurants aneinander. Die Häuserwände strotzen von farbenfrohen Graffiti. Abends strömen Scharen von Erlebnishungrigen - und Durstigen - nach Bellavista, um sich Bier oder Pisco Sour schmecken zu lassen. Ganz anders, als sich Neruda in der Straße Márquez de la Plata sein kleines Liebesnest schuf. 1953 für seine damals noch geheime Beziehung zu Matilde Urrutia errichtet, nach deren krausem Haarschopf er das Domizil „Chascona“ nannte, ließ er den katalanischen Architekten Germán Rodríguez Arias zunächst nur ein Wohn- und ein Schlafzimmer bauen.

Als er 1955 ganz hierherzog, fügte er ein Element nach dem anderen hinzu: Küche und Esszimmer, Gästezimmer, Bibliothek, Kapitäns- und Sommerbar. Die Räume füllte er mit dem, was er von seinen ausgedehnten Reisen mitgebracht hatte: Möbel, Geschirr, Kunstwerke, alte Landkarten, allerlei Skurriles, aber auch einzigartige Objekte wie seine Nobelpreismedaille. „An der Einrichtung lässt sich ablesen, dass er ein guter Gastgeber war“, erzählt die Führerin. „Er überraschte seine Gäste stets mit eigenen Kreationen.“ Dabei liebte er es, Witze zu machen. Beschriftete zum Beispiel Salz- und Pfefferstreuer mit Aufschriften wie „Marihuana“ oder „Morphium“. Darüber mögen die Besucher schmunzeln. Nicht allerdings über das, was 1973 passierte: Kurz nach dem Militärputsch haben Gefolgsleute Pinochets das Haus verwüstet und zum Teil unter Wasser gesetzt.

So wurde der Dichter, der wenige Tage später in einem Krankenhaus von Santiago starb, hier zwischen Wasserlachen und kaputten Fenstern aufgebahrt, während der Totenwache soll ein eisiger Wind durch das kaputte Gebäude gezogen sein. Immerhin hatte Neruda zuvor in dem Haus viele glückliche Jahre verlebt. Wie auch in seinem Haus in Valparaíso. „Santiago gleicht als Stadt einem Gefängnis, eingesperrt zwischen Wänden aus Schnee. Valparaíso dagegen öffnet seine Türen zum unendlichen Meer hin“, heißt es in seinen Memoiren. Ähnlich erlebt man es auch heute: Hier die Metropole, Regierungssitz und Finanzzentrum, wo sich der ganze Reichtum des Landes zusammenballt; dort die Hafenstadt, die als arm und - ja - auch durchaus sexy gilt. Keine andere Stadt in Lateinamerika ist so pittoresk und farbenfroh.

Isla Negra, sein „schwarze Insel“ genanntes Lieblingshaus

Mit kurvenreichen Straßen und Häusern, die waghalsig auf Bergkämmen und Felsvorsprüngen balancieren. Von La Sebastiana aus bietet sich ein poetischer, inspirierender Ausblick - heute wie Anfang der 1960er Jahre, als Neruda zwei Stockwerke des Hauses auf dem Hügel Florida erwarb. Auch dieses Mal wurde daraus ein kleines Labyrinth, mit Treppen, Kaminen, Schiffsluken - und einem großartigen Panorama durch opulente Fensterfronten, die den Blick aufs Meer freigeben. Was konnte es Schöneres geben für jemanden, der das Meer so liebte wie Neruda? Die Antwort: Isla Negra, sein „schwarze Insel“ genanntes Lieblingshaus, rund 60 Kilometer südlich von Valparaíso. Näher konnte er dem Pazifik nicht sein als hier, wo das Meeresrauschen und der salzige Duft allgegenwärtig waren.

Ursprünglich kam der Dichter 1937 hierher, um nach einem Europa-Aufenthalt in Ruhe schreiben zu können. „Die Küste von Isla Negra mit der tumultartigen Bewegung des Ozeans ermöglichte es mir, mich mit ganzer Leidenschaft dem Unternehmen des neuen Canto hinzugeben“, erinnert sich der Nobelpreisträger später. Inspirierend ist die Gegend heute noch. Nur, dass ringsum viele andere Häuser entstanden sind und aus der ursprünglichen Hütte, die Neruda dem spanischen Seemann Eliado Sobrino abgekauft hatte, ein langgestrecktes Anwesen geworden ist, das einem Museum gleicht. Jedes Gebäudeteil erzählt von einer anderen Facette seines Autors, von seiner ungeheuren Sammelleidenschaft, die sich nicht nur auf Kunstwerke und Bücher und Masken, sondern auch auf Schmetterlinge, Käfige und Muscheln erstreckte.

Und Galionsfiguren: Eine ganze Kollektion dieser in Schönheit erstarrten Frauen bildet das Empfangskomitee jenes Hauses, in dem Neruda unzählige Freunde empfing, Feste feierte und dichtete, bis ihn hier 1973 die Nachrichten vom Militärputsch ereilten. Sehr viel später, 1992, erfüllte sich auch der Wunsch, auf seiner Isla Negra begraben zu werden. Seitdem ruht er hier im Garten. Nur ein paar Schritte vom Meer entfernt, dem - neben Matilde Urrutia - seine ganze Liebe galt.

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