Krimikolumne

Christine Lehmann: „Die Affen von Cannstatt“ Die Hyäne, die Bonobos und die Unschuldige

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In Christine Lehmanns neuem Roman „Die Affen von Cannstatt“ patzt ihre Serienheldin. Ein Mann kommt im Affenhaus der Wilhelma zu Tode, und eventuell wird die Falsche angeklagt – dank Detektivin Lisa Nerz.

Christine Lehmann Foto: Günther Ahner
Christine LehmannFoto: Günther Ahner

Stuttgart - Nicht, dass sich Lisa Nerz offen freuen würde, sollte jemand sie als Hyäne titulieren. Aber Riechsalz zur Ohnmachtsbeseitigung müsste die Schwabenreporterin, Detektivin und Serienheldin der Stuttgarter Krimiautorin Christine Lehmann, wohl auch kaum in Anspruch nehmen. Die streitlustige Nerz würde zurückkeilen – und hätte als Ich-Erzählerin sowieso das letzte Wort.

In den „ Affen von Cannstatt“ aber, dem elften Lisa-Nerz-Roman, bleibt die Beleidigung unwidersprochen stehen. Hier ist vieles anders als sonst. Was Kenner dieser Serie nicht erstaunen dürfte. Die Nerz-Romane unterscheiden sich auch dadurch von anderen Serien, dass die Autorin ständig neue Risiken eingeht, Tonart und Blickwinkel ändert. Sie steckt nicht bloß eine neue soziale Thematik in eine vertraute Romanapparatur wie ein neues Dia in einen ewig gleichen Diaprojektor. Lehmann bastelt auch am Projektor selbst. Sie rüttelt mit Schreiblust an der Regel, dass eine erfolgreiche Krimiautorin ihre Erfolgsformel keinesfalls verändern sollte.

Die übereifrige Nerz wird in Frage gestellt

Doch dieses Mal geht Lehmann unerwartet weit. Lisa Nerz ist nicht die Ich-Erzählerin, und falls man sie als Mittelpunkt dieses Romans definieren möchte, dann ist sie das auf eine höchst unsympathische Weise. Erzählt wird „Die Affen von Cannstatt“ von Camilla Feh, einer jungen Frau, die wegen Mordverdacht in Untersuchungshaft sitzt. Sie sei aber unschuldig, beteuert sie. Schuld daran, dass sie in diesem Schlamassel stecke, trage Lisa Nerz, diese Hyäne. Die soll übereifrig, schlampig, heimtückisch und selbstgerecht die rasche Lösung eines Falls gesucht haben.

Lehmann stellt also ihre eigene Heldin – und überhaupt alle Krimihelden – in Frage. Mit dem Ende eines Krimis mag die Welt nicht in Ordnung sein, aber die Schlussfolgerungen der Polizisten oder Detektive scheinen uns verlässlich zu sein. „Die Affen von Cannstatt“ wollen da Misstrauen säen.

Nur die Erinnerung kann helfen

Das ist aber nicht der einzige Neuansatz. Lehmanns bisherige Romane folgten dem Muster der Kenntniserweiterung: Nerz erschloss sich neues Wissen über die unterschiedlichsten Gebiete, um einen Fall begreifen und lösen zu können. Gerne bemühte sie ihren Freund Richard Weber, einen Oberstaatsanwalt mit Enzyklopädie-Gen, um ihr hie Zugang und dort Informationen zu verschaffen.

Feh aber sitzt ein. Recherchen zum Fall, in den sie verwickelt ist, kann sie nicht mehr anstellen. Sie schreibt also zum einen ein Tagebuch, das den Alltag hinter Gittern und ihre Reaktionen protokolliert, zum anderen einen Text, den sie „Verteidigung Camilla Feh“ nennt. Darin durchkämmt sie noch einmal, was sie längst weiß. Nur, wenn sie bislang Übersehenes wahrnimmt, hat sie eine Chance, andere Verdächtige und einen anderen Tathergang zu benennen als die Anklage. Die wirft ihr vor, einen Mann in der Wilhelma ins Quartier der Bonobos gesperrt zu haben, im vollen Wissen, dass die Affen den Eindringling töten würden.

Horizonterweiterung garantiert

Für die Leser bieten allerdings auch „Die Affen von Cannstatt“ die gewohnten Horizonterweiterungen. Feh hat als Soziologiestudentin die Bonobos beobachtet. Wir erfahren, glaubhaft eingebettet in die Erzählung, viel über deren matriarchale Sozialstruktur, über menschliche Bedürfnisse bei der Interpretation tierischen Verhaltens und über die männliche Aneignung feministischer Positionen. Wir lernen zudem einiges über das Leben in U-Haft. Lehmann problematisiert einen Sektor der Rechtspflege, den viele Krimis als nicht hinterfragtes Endziel präsentieren: wäre doch nur endlich ein Schuldiger in Haft.

Lehmann aber schließt die beiden Bereiche kurz. Das ist der heimlich sarkastische Teil in einem von Fehs Ernst geprägten Buch. Wir sehen den Zoo als Haftsituation, die Haft dagegen als Zoo, wo Freie und Gefangene einander durch eine gläserne Trennwand betrachten, die nur scheinbar klare Informationen durchlässt.

Am Ende des Romans kommt doch noch Lisa Nerz für wenige Seiten zu Wort. Sie rechtfertigt sich nicht ganz ungeschickt. Aber am Ende munkelt Nerz über ihre Detektivspielerei: „Vielleicht sollte ich es künftig besser sein lassen.“ Christine Lehmann hat den Cliffhanger für sich entdeckt.

Christine Lehmann: „Die Affen von Cannstatt“. Ariadne Krimi bei Argument, Hamburg 2013. 287 Seiten, 12 Euro.