Ciudad Juárez, Mexiko
Die Stadt der Mörder
Klaus Ehringfeld,
10.06.2010 15:49 Uhr
Eine alltägliche Szene: aus einem Auto heraus ist dieser Mann vor kurzem in Ciudad Juárez erschossen worden. Foto: AP
""Mein Job ist traurig, nicht schön. Man ist ohnmächtig.""
José Reyes, Bürgermeister von Ciudad Juárez
Es ist der Soundtrack zum ewig gleichen Horrorfilm in Ciudad Juárez, der tödlichsten Stadt der Welt. Seit 2008 starben hier mehr als 5000 Menschen im Kugelhagel der Kartelle. Erst diese Woche hat man wieder ein Massengrab mit 55 Opfern dieses Krieges gefunden. Luz Maria Dávila spielt eine traurige Hauptrolle in dieser Auseinandersetzung, die sie zu einem Symbol für die Grausamkeit und Absurdität des Drogenkriegs in Mexiko gemacht hat. Längst haben die Kartelle jeden Ehrenkodex gebrochen und töten wahllos Unschuldige.
Zur falschen Zeit am falschen Ort
Und an dieser Stelle beginnt die Geschichte von Luz Maria Dávila und ihren beiden Söhnen Marcos, 19, und José Luis, 16. An einem Samstagabend sind die beiden Jungs zur falschen Zeit am falschen Ort. Nur ein paar Häuser von daheim im Arbeitervorort Villas de Salvarcar entfernt, feiern sie mit einem Dutzend anderer Jugendlicher eine Geburtstagsparty, als gegen 22.30 Uhr sechs Killer der Kartelle in drei Pick-ups vorfahren, die Feier sprengen und die Gäste niedermähen. Das jüngste Opfer war 13 Jahre alt.
Luz Maria Dávila hört die tödlichen Salven, als sie sich im Fernsehen eine Telenovela ansieht. Sie springt auf und rennt die 150 Meter zum Ort des Massakers, da findet sie ihren älteren Sohn tot, begraben unter zwei blutüberströmten Leichen. Für einen Moment rettet sich die Mutter in die Sachlichkeit, sie wählt die nüchternen Worte eines Gerichtsmediziners: "Der Kleine hatte 18 Kugeln im Bauch und eine im Kopf, er starb am anderen Tag." Als Luz Maria Dávila den Blick hebt, ist die Wut wieder da. Auf die Mörder ihrer Söhne, die frei herumlaufen, und auf die Politiker. Denn der Ermordung ihrer Kinder folgte die öffentliche Hinrichtung: "Präsident Calderón hat behauptet, meine Söhne und die anderen Opfer seien Mitglieder der Drogenbanden gewesen", sagt sie. Trauer und Tränen haben dunkle Ränder unter die Augen der 43-Jährigen gezeichnet.
Einige Tage nach dem Massaker war der Präsident sogar zum Schauplatz in den äußersten Norden Mexikos geflogen. Im Auditorium von Ciudad Juárez hatte er sich mit 600 Vertretern aus Politik und Wirtschaft getroffen. Keine der Mütter aus Villas de Salvarcar ist eingeladen. Am Tag der Präsidentenvisite verlässt Luz Maria Dávila ihren Arbeitsplatz in einer Lautsprecherfabrik vorzeitig und geht zum Auditorium. "Ich war wie in Trance", sagt sie heute. Ihr gelingt es, die Personenschützer des Präsidenten zu überwinden. dann steht sie vor Calderón.
Das Volk verlangt eine Reaktion des Präsidenten
Dávilia, eine Frau von weniger als 1,60 Meter Größe, baut sich vor dem Podium auf, und sagt zu dem Staatschef: "Ich kann Ihnen nicht die Hand geben. Sie sind hier nicht willkommen." Während sie spricht, rudert sie mit den Armen. "Ich möchte, dass Sie sich dafür entschuldigen, dass sie meine Jungen Banditen genannt haben, das ist nicht wahr. Einer machte gerade Abitur, der andere studierte!" Ihre Stimme überschlägt sich, ihre Worte gehen im Beifall der Anwesenden unter. "Herr Präsident, tun Sie endlich etwas für Juárez."
Die kleine Frau mit dem großen Herzen ist heute noch - viele Wochen nach dem Vorfall - überrascht von der Aufmerksamkeit, die ihr die Konfrontation mit dem Präsidenten einbrachte. Sie hat vielen Mexikanern aus der Seele gesprochen.
Vier große Mafiagruppen sowie ein halbes Dutzend unabhängige Kleinstkartelle kämpfen in Mexiko um den Binnenmarkt und die Routen für Schmuggelware in die USA. Nach Erkenntnissen der US-Drogenfahnder ist Mexiko Drehkreuz für 60 bis 90 Prozent des in den USA konsumierten Kokains. Zudem liefern die Kartelle Marihuana, Heroin und synthetische Drogen in die USA. Aber die Mafia verschiebt inzwischen auch Autos, Menschen und Waffen, sie entführt, erpresst und dominiert das Geschäft mit Raubkopien. Die Jahresumsätze des illegalen Gewerbes schätzen Experten auf mehr als 100 Milliarden Dollar. Das entspricht zehn Prozent des mexikanischen Bruttoinlandsprodukts.
Tausende Sicherheitskräfte werden bereits eingesetzt
Das Hauptkampfgebiet ist Ciudad Juárez, eine Stadt ohne Seele, geprägt von breiten Avenidas, die Fabrikhallen mit Fast-Food-Tempeln verbinden und Shopping-Malls mit Schlafstädten. Wer die Stadt durchquert hat das Gefühl, einen großen Vorort zu passieren, ohne jemals anzukommen. Vor der Stadt erhebt sich der Grenzzaun, im Rücken liegen das Gebirge der Sierra de Juárez und die Wüste von Chihuahua. Im Frühjahr stürmt es oft so stark, dass Sand den Horizont verdunkelt. Auf einem kahlen Hügel am Rande der Stadt steht in riesigen Lettern: "Ciudad Juárez - Die Bibel ist die Wahrheit - Lese sie". Es wirkt wie Hohn.
Juárez liegt strategisch günstig im Zentrum aller Handelsrouten, vier Grenzübergänge verbinden die Stadt mit dem texanischen El Paso. Im Hinterland liegen die Weiten des Bundesstaats Chihuahua, der zwei Drittel der Fläche Deutschlands umfasst, in dem aber nur drei Millionen Menschen leben. Seit den neunziger Jahren dominierte in Juárez das gleichnamige Kartell unter Führung von Armando Carillo, dem sagenumwobenen "Senor de los Cielos", dem Herrn der Himmel.
Er setzte als erster Flugzeuge ein, um das Rauschgift in die USA zu bringen. Carillo starb 1997 auf einem OP-Tisch in Mexiko-Stadt unter mysteriösen Umständen, als er sich ein neues Gesicht machen lassen wollte. Heute drängt das Sinaloa-Kartell, die mächtigste Mafia Mexikos, in die Stadt. Ihren Chef, den kleinwüchsigen "Chapo" Guzmán, führt das Wirtschaftsmagazin "Forbes" auf der Liste der Superreichen.
Präsident Calderón hat auf die Herausforderung der Mafia nur eine Antwort: Er hat in Juárez 11.000 Soldaten und Bundespolizisten stationiert, um die Kartelle in Schach zu halten, in ganz Mexiko sind es 50.000. "Doch mehr Sicherheitskräfte bedeuten mehr Tote", sagt Miguel Garcia und spult aus dem Gedächtnis die Zahlen des Horrors herunter. "Von 1996 bis 2006 hatten wir in Juárez 200 Morde pro Jahr." 2007, im ersten Amtsjahr Calderóns, verdoppelte sich die Zahl.
Der Stadt fehlt es an Bildung und Gesundheit
2008 waren es dann 1600 Morde, 2009 rund 2800. "Wie viele müssen es werden, bis die Regierung merkt, dass ihre Politik verfehlt ist?" Garcia rief mit anderen Ärzten das "Observatorio juárense" ins Leben, eine Organisation der Zivilgesellschaft, die nicht an die militärische Option glaubt. "Es fehlt hier an Bildung, an Gesundheit, wir haben einen sozialen Rückstand."
Früher war in Juárez die leichte Industrie der Hauptarbeitgeber. Seit den siebziger Jahren siedelten sich in der Stadt 500 Veredelungsbetriebe an und ließen Armaturenbretter zusammensetzen, Fernseher löten oder Ärztekittel nähen, um sie in die USA zu exportieren. In Spitzenzeiten gaben die so genannten Maquilas 250.000 Menschen Lohn und Brot. Es gab Zeiten, da schickten die Firmen Busse in den Süden Mexikos, um dort Arbeitskräfte anzuheuern. 70 Prozent der Einwohner von Juárez sind nicht dort geboren, sie stammen aus den ländlichen Bundesstaaten Veracruz, Michoacán oder Guerrero - oder aus Mexiko-Stadt, so wie Luz Maria Dávila. Einen Tag nach ihrer Ankunft 1986 fand die Kosmetikerin Arbeit in einer Fabrik. Dort lernte sie auch ihren Mann kennen.
Heute hat Ciudad Juárez 1,5 Millionen Einwohner. Bis vor ein paar Jahren boomte die Stadt und erhielt täglich einen Zuwachs von 50 Neubürgern. Dann kamen die Wirtschaftskrise und die Gewalt. Inzwischen gibt es Viertel, in denen jedes zweite Haus leer steht, weil die Menschen in ihre alte Heimat zurückkehren. Der Gouverneur von Veracruz lockte kürzlich mit der Übernahme der Umzugskosten, einem mietfreien Haus und der Aussicht auf einen Job die Abgewanderten zurück. 100 Familien nahmen das Angebot schon an.
"Se vende" - zum Verkauf, steht auch in Luz Maria Dávilas Straße an vielen Häusern: Neben einer Brache, über die der Wind den Müll fegt, reihen sich hier am Rande von Juárez geduckte Häuser in Einheitsformat aneinander: 50 Quadratmeter Wohnfläche verteilt auf zwei Zimmer inklusive Küche, finanziert mit Staatskrediten. Für Familie Dávila war das ein Stück vom Glück.
Die Betroffenen fordern endlich Gerechtigkeit
José Reyes sitzt hinter einem Mahagonischreibtisch und beantwortet die Frage ganz beiläufig. "Wie empfinden Sie es, der Bürgermeister der gefährlichsten Stadt der Welt zu sein?" "Traurig, nicht schön, manchmal ist man ohnmächtig", sagt er, während er Akten unterschreibt. Reyes, 48, hat seinen Wohnsitz auf der anderen Seite des Zauns, in El Paso, einer der drei sichersten Städte der USA. Er hat in seiner Amtszeit durch die Entlassung von 3000 Polizisten auf sich aufmerksam gemacht.
"Die meisten haben für das organisierte Verbrechen gearbeitet", sagt er. "Jetzt wird es besser", behauptet der Bürgermeister. Die Zahl der Morde seien in einem Jahr von zwölf auf fünf täglich gefallen, vor allem wegen der 3000 neu eingestellten Polizisten. "In einem halben Jahr wird die Gewalt aus unserer Stadt verschwunden sein." Das Massaker auf der Geburtstagsparty erklärt er als "ein Versehen", die Mörder hätten sich geirrt.
Luz Maria Dávila hat diese Erklärung schon öfter gehört. Sie lächelt bitter, während sie die Fotos ihrer Söhne betrachtet - José Luis und Marcos mit Freunden beim Abschlussball, zusammen mit den Eltern oder mit der Freundin. Ans Weggehen aus Juárez denkt Luz Maria Dávila trotz des großen Schmerzes nicht. "Ich habe hier noch eine Aufgabe. Ich will Gerechtigkeit für meine Jungs." Dann senkt sich ihr Blick wieder auf die Tischdecke, und sie sagt: "Aber mein Leben ist zerstört."
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