Clevere Tiere
Die Konkurrenz wird ausgetrickst
Roland Knauer,
23.01.2010 16:18 Uhr
Voller List und Tücke: Rabenvögel verstecken ihr Futter vor den Artgenossen. Foto: Zweygarth
Stuttgart - Das ging erst mal schief. Der Kolkrabe hat zwar genau beobachtet, in welche der verschiedenfarbigen Futterdosen der Leckerbissen von den Wissenschaftlern der Konrad-Lorenz-Forschungsstelle (KLF) Grünau und der Universität Wien gesteckt wurde. Als er zur nächsten Testrunde wieder in den Raum mit den Futterdosen darf, schaut er auch sofort in die Dose mit dem Happen. Schließlich hat er, wenn es ums Fressen geht, ein hervorragendes Gedächtnis. Zum Zug kommt er aber trotzdem nicht, weil der ebenfalls mit in den Raum spazierte Rabenbruder in der sozialen Hierarchie höher steht und ihm den Leckerbissen frech wegschnappt.
Aus Schaden wird der Kolkrabe aber klug, beim nächsten Versuch Tage später tappt er zuerst zu einer leeren Futterdose. Auch diesmal will der Bruder ihm das Futter klauen, sucht jetzt aber vergeblich in der leeren Dose. Längst ist der rangniedrigere Rabenbruder bereits zur Dose mit dem Leckerbissen gewackelt und hat endlich seine verdiente Belohnung im Schnabel. "Taktischen Betrug" nennt KLF-Forscher Christian Schloegl dieses clevere Verhalten.
Der Verhaltensbiologe untersucht die Intelligenz von Vögeln. Rabenvögel und Papageien interessieren ihn besonders, weil in diesen Gruppen das Nidopallium relativ groß ausfällt. Das Nidopallium im Vogelgehirn entspricht der Großhirnrinde bei Säugetieren. Dort finden jeweils die höheren kognitiven Prozesse statt, in diesem Teil des Gehirns denkt das jeweilige Lebewesen. Relativ viel Platz nimmt dieses Großhirn bei Walen, der Hundefamilie, Elefanten und den Affen bis hin zum Menschen ein. Diese Gruppen teilen viele Eigenschaften: Sie leben in Gemeinschaften zusammen, deren Mitglieder sehr stark miteinander interagieren. Wölfe und Hyänen beispielsweise jagen gemeinsam, und jedes Tier übernimmt eine bestimmte Aufgabe. Diese kann es aber wiederum nur erfüllen, wenn es weiß, wie die anderen Rudelmitglieder auf unerwartete Tricks der potenziellen Beute reagieren. Und das funktioniert nur bei einer gewissen Intelligenz. Affen, Wale, Elefanten und Hundeartige haben daneben jeweils eine relativ lange Jugend, die einzelnen Individuen erreichen normalerweise ein relativ hohes Alter.
"Genau die gleichen Eigenschaften haben bei den Vögeln die Rabenvögel und die Papageien", erklärt Christian Schloegl. Kolkraben leben zum Beispiel in großen Gruppen, die zwischen einem Dutzend und einige Tausend Tiere umfassen können. Diese Gruppen treten zwar gemeinsam auf, beim Fressen aber ist jedes Tier sich selbst das nächste. Und da Kolkraben einen Teil des Futters verstecken, wenn der Vorrat für mehr als eine Mahlzeit reicht, zeigt sich ihre Intelligenz vor allem beim Verstecken.
So ein Versteck sollte gut gewählt sein, damit einem nicht ein ebenso cleverer Artgenosse die Vorräte stiehlt. Also verstecken Kolkraben Futter normalerweise nur dann, wenn sie niemand dabei beobachten kann. Das klappt in einer Gruppe allerdings nur selten, aber mit ein wenig Hirnschmalz lässt sich die Konkurrenz meist austricksen. Ohne hinzuschauen schätzen Kolkraben zum Beispiel recht genau ein, wann sie für einen Artgenossen im "toten Winkel" stehen. Befinden sie sich zum Beispiel hinter einer Barriere und verschwinden so aus dem Blick der Konkurrenz, verstecken sie ihren Vorrat schnell. Aber auch das klappt nicht immer.
In einem Experiment im KLF versteckte ein Kolkrabenweibchen daher das Futter auch dann, wenn die Konkurrenz zuschauen konnte. Danach aber räumte das Tier sein Versteck offensichtlich wieder aus und verbarg das Futter an einem anderen Platz. Auf einen derart plumpen Trick fällt natürlich kein Beobachter herein - schon gar kein tierischer. Die Wissenschaftler wollten das Fressen deshalb wieder aus dem neuen Versteck holen. Dort fanden sie aber nichts, weil das clevere Weibchen den Wechsel des Verstecks nur vorgetäuscht und so sogar die Forscher reingelegt hatte.
Auch Saatkrähen holen aus ihrem Nidopallium erstaunliche Intelligenzleistungen. Als Forscher um Christopher Bird von der Universität im britischen Cambridge den Weg zu einer schmackhaften Larve mit diversen Hürden erschwerte, bewältigten die Tiere die Aufgaben mit Bravour. Einmal mussten sie Steine auf ein aufgebautes Gerüst werfen. Wählten sie die richtige Größe der Steine, fiel das Gerüst ein und die Larve landete im Schnabel. Rasch lernten die Saatkrähen, diese Aufgabe zu lösen. Einem Weibchen gelang der Trick sogar auf Anhieb, nachdem es ein Männchen vorher bei seinen Versuchen beobachtet hatte. Danach versteckten die Forscher Mottenlarven in kleinen Eimerchen mit Henkel in einer senkrecht stehenden Plastikröhre. Rasch hatten die Saatkrähen den Trick herausgefunden: Sie bogen eines der angebotenen Drahtstücke zu einem Haken, mit dem sie das Eimerchen samt Larve aus dem Röhrchen herausfischen konnten.
Die Intelligenzleistung lässt sich noch steigern, entdeckte Christopher Bird, als er Würmer in einem schmalen, stehenden Plastikröhrchen schwimmen ließ. Dummerweise war das Röhrchen zu eng, um den Wurm mit dem Schnabel herauszufischen. Zunächst inspizierten die Krähen ausgiebig den Sachverhalt, dann griffen sie zu den größeren Steinchen im Käfig und warfen sie ins Wasser. Dadurch stieg der Wasserspiegel, aber der Schnabel kam noch immer nicht an den Wurm. Steinchen um Steinchen folgte, bis der Leckerbissen endlich in Reichweite war.
"Mit Experimenten wie diesen testen wir allerdings nur jeweils eine bestimmte Fähigkeit", sagt Christian Schloegl. Zusammen mit seinen Kollegen von der Universität Wien hat er zum Beispiel einen klassischen Intelligenztest für Tiere unternommen. Das Ergebnis: Kolkraben wissen sofort, dass ein unter einem von zwei Bechern verstecktes Futter unter dem anderen Gefäß sein sollte, wenn der Forscher ihm den ersten Becher als "leer" gezeigt hat. Der in Neuseeland im Eis und Schnee der Südalpen lebende Papagei Kea dagegen absolvierte diesen Test auf eine logische Schlussfolgerung erheblich schlechter. "Das heißt aber nicht, dass Kolkraben generell intelligenter sind", interpretiert Christian Schloegl das Ergebnis.
Kolkraben sind vielmehr bei solchen Versteckspielen besonders clever, weil sie diese Art von Intelligenz bei ihren diebischen Nachbarn dringend benötigen. Keas dagegen überleben in der rauen Bergwelt Neuseelands nur, wenn sie alle Orte untersuchen, an denen zum Beispiel fressbare Wurzeln sein könnten. Also untersuchen sie ihre Umgebung ganz genau und drehen jedes Steinchen zweimal um.
Vor dieser Erkundungswut sind auf den Straßenpässen der Südinsel Neuseelands auch Autos nicht sicher. Ganz genau inspizieren die Vögel zum Beispiel die Scheibenwischer oder die Dichtungen von Türen und Fenstern, ob unter dem Gummi vielleicht etwas Schmackhaftes verborgen ist. Dabei geht zwar einiges kaputt, aber die Papageien sind sich hinterher ganz sicher, keine Nahrung übersehen zu haben. Weil sie alles Schmackhafte aber sofort fressen und das Phänomen des Versteckens kaum vorkommt, schneiden sie beim Versteckspiel auch schlechter ab. "Anscheinend hat sich die Intelligenz von Keas und Kolkraben unabhängig voneinander und für unterschiedliche Zwecke entwickelt", erklärt Christian Schloegl.
Das kommt auch beim Menschen vor. Einer lernt leichter Fremdsprachen, ein anderer setzt seine Gehirnzellen für künstlerische Tätigkeiten ein und ein dritter untersucht eben die Intelligenz von Vögeln.
Aus Schaden wird der Kolkrabe aber klug, beim nächsten Versuch Tage später tappt er zuerst zu einer leeren Futterdose. Auch diesmal will der Bruder ihm das Futter klauen, sucht jetzt aber vergeblich in der leeren Dose. Längst ist der rangniedrigere Rabenbruder bereits zur Dose mit dem Leckerbissen gewackelt und hat endlich seine verdiente Belohnung im Schnabel. "Taktischen Betrug" nennt KLF-Forscher Christian Schloegl dieses clevere Verhalten.
Wale, Elefanten und Menschen teilen viele Eigenschaften
Der Verhaltensbiologe untersucht die Intelligenz von Vögeln. Rabenvögel und Papageien interessieren ihn besonders, weil in diesen Gruppen das Nidopallium relativ groß ausfällt. Das Nidopallium im Vogelgehirn entspricht der Großhirnrinde bei Säugetieren. Dort finden jeweils die höheren kognitiven Prozesse statt, in diesem Teil des Gehirns denkt das jeweilige Lebewesen. Relativ viel Platz nimmt dieses Großhirn bei Walen, der Hundefamilie, Elefanten und den Affen bis hin zum Menschen ein. Diese Gruppen teilen viele Eigenschaften: Sie leben in Gemeinschaften zusammen, deren Mitglieder sehr stark miteinander interagieren. Wölfe und Hyänen beispielsweise jagen gemeinsam, und jedes Tier übernimmt eine bestimmte Aufgabe. Diese kann es aber wiederum nur erfüllen, wenn es weiß, wie die anderen Rudelmitglieder auf unerwartete Tricks der potenziellen Beute reagieren. Und das funktioniert nur bei einer gewissen Intelligenz. Affen, Wale, Elefanten und Hundeartige haben daneben jeweils eine relativ lange Jugend, die einzelnen Individuen erreichen normalerweise ein relativ hohes Alter.
"Genau die gleichen Eigenschaften haben bei den Vögeln die Rabenvögel und die Papageien", erklärt Christian Schloegl. Kolkraben leben zum Beispiel in großen Gruppen, die zwischen einem Dutzend und einige Tausend Tiere umfassen können. Diese Gruppen treten zwar gemeinsam auf, beim Fressen aber ist jedes Tier sich selbst das nächste. Und da Kolkraben einen Teil des Futters verstecken, wenn der Vorrat für mehr als eine Mahlzeit reicht, zeigt sich ihre Intelligenz vor allem beim Verstecken.
Kolkraben tricksen sogar die Forscher aus
So ein Versteck sollte gut gewählt sein, damit einem nicht ein ebenso cleverer Artgenosse die Vorräte stiehlt. Also verstecken Kolkraben Futter normalerweise nur dann, wenn sie niemand dabei beobachten kann. Das klappt in einer Gruppe allerdings nur selten, aber mit ein wenig Hirnschmalz lässt sich die Konkurrenz meist austricksen. Ohne hinzuschauen schätzen Kolkraben zum Beispiel recht genau ein, wann sie für einen Artgenossen im "toten Winkel" stehen. Befinden sie sich zum Beispiel hinter einer Barriere und verschwinden so aus dem Blick der Konkurrenz, verstecken sie ihren Vorrat schnell. Aber auch das klappt nicht immer.
In einem Experiment im KLF versteckte ein Kolkrabenweibchen daher das Futter auch dann, wenn die Konkurrenz zuschauen konnte. Danach aber räumte das Tier sein Versteck offensichtlich wieder aus und verbarg das Futter an einem anderen Platz. Auf einen derart plumpen Trick fällt natürlich kein Beobachter herein - schon gar kein tierischer. Die Wissenschaftler wollten das Fressen deshalb wieder aus dem neuen Versteck holen. Dort fanden sie aber nichts, weil das clevere Weibchen den Wechsel des Verstecks nur vorgetäuscht und so sogar die Forscher reingelegt hatte.
Auch Saatkrähen holen aus ihrem Nidopallium erstaunliche Intelligenzleistungen. Als Forscher um Christopher Bird von der Universität im britischen Cambridge den Weg zu einer schmackhaften Larve mit diversen Hürden erschwerte, bewältigten die Tiere die Aufgaben mit Bravour. Einmal mussten sie Steine auf ein aufgebautes Gerüst werfen. Wählten sie die richtige Größe der Steine, fiel das Gerüst ein und die Larve landete im Schnabel. Rasch lernten die Saatkrähen, diese Aufgabe zu lösen. Einem Weibchen gelang der Trick sogar auf Anhieb, nachdem es ein Männchen vorher bei seinen Versuchen beobachtet hatte. Danach versteckten die Forscher Mottenlarven in kleinen Eimerchen mit Henkel in einer senkrecht stehenden Plastikröhre. Rasch hatten die Saatkrähen den Trick herausgefunden: Sie bogen eines der angebotenen Drahtstücke zu einem Haken, mit dem sie das Eimerchen samt Larve aus dem Röhrchen herausfischen konnten.
Die Intelligenzleistung lässt sich noch steigern, entdeckte Christopher Bird, als er Würmer in einem schmalen, stehenden Plastikröhrchen schwimmen ließ. Dummerweise war das Röhrchen zu eng, um den Wurm mit dem Schnabel herauszufischen. Zunächst inspizierten die Krähen ausgiebig den Sachverhalt, dann griffen sie zu den größeren Steinchen im Käfig und warfen sie ins Wasser. Dadurch stieg der Wasserspiegel, aber der Schnabel kam noch immer nicht an den Wurm. Steinchen um Steinchen folgte, bis der Leckerbissen endlich in Reichweite war.
Fähigkeiten abhängig von der Umwelt
"Mit Experimenten wie diesen testen wir allerdings nur jeweils eine bestimmte Fähigkeit", sagt Christian Schloegl. Zusammen mit seinen Kollegen von der Universität Wien hat er zum Beispiel einen klassischen Intelligenztest für Tiere unternommen. Das Ergebnis: Kolkraben wissen sofort, dass ein unter einem von zwei Bechern verstecktes Futter unter dem anderen Gefäß sein sollte, wenn der Forscher ihm den ersten Becher als "leer" gezeigt hat. Der in Neuseeland im Eis und Schnee der Südalpen lebende Papagei Kea dagegen absolvierte diesen Test auf eine logische Schlussfolgerung erheblich schlechter. "Das heißt aber nicht, dass Kolkraben generell intelligenter sind", interpretiert Christian Schloegl das Ergebnis.
Kolkraben sind vielmehr bei solchen Versteckspielen besonders clever, weil sie diese Art von Intelligenz bei ihren diebischen Nachbarn dringend benötigen. Keas dagegen überleben in der rauen Bergwelt Neuseelands nur, wenn sie alle Orte untersuchen, an denen zum Beispiel fressbare Wurzeln sein könnten. Also untersuchen sie ihre Umgebung ganz genau und drehen jedes Steinchen zweimal um.
Vor dieser Erkundungswut sind auf den Straßenpässen der Südinsel Neuseelands auch Autos nicht sicher. Ganz genau inspizieren die Vögel zum Beispiel die Scheibenwischer oder die Dichtungen von Türen und Fenstern, ob unter dem Gummi vielleicht etwas Schmackhaftes verborgen ist. Dabei geht zwar einiges kaputt, aber die Papageien sind sich hinterher ganz sicher, keine Nahrung übersehen zu haben. Weil sie alles Schmackhafte aber sofort fressen und das Phänomen des Versteckens kaum vorkommt, schneiden sie beim Versteckspiel auch schlechter ab. "Anscheinend hat sich die Intelligenz von Keas und Kolkraben unabhängig voneinander und für unterschiedliche Zwecke entwickelt", erklärt Christian Schloegl.
Das kommt auch beim Menschen vor. Einer lernt leichter Fremdsprachen, ein anderer setzt seine Gehirnzellen für künstlerische Tätigkeiten ein und ein dritter untersucht eben die Intelligenz von Vögeln.
Schlaue Tiere
Intelligenz
Zu intelligentem Verhalten gehört die Fähigkeit, Situationen zu analysieren und dabei auf früher gemachte Erfahrungen zurückzugreifen. Außerdem müssen die Folgen der eigenen Handlungen eingeschätzt werden können.Instinkt
Angeborene instinktive Verhaltensweisen sind das bloße Reagieren auf Situationen ohne vorherige Analyse.Tierleistungen
Menschenaffen werden als die intelligentesten Tiere eingeschätzt, aber auch Delfine sowie Rabenvögel und Papageien können sich sehr intelligent verhalten. Auch Tintenfische und sogar Ameisen können bemerkenswert intelligente Leistungen vollbringen. (Klaus Zintz)
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