Comic „Irmina“ von Barbara Yelin Hoffnungen im Dritten Reich

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Kann ein Comic auch eine differenzierte Studie zur Psychologie der Mitläufer sein? „Irmina“ bringt das fertig. Wir erleben eine junge Frau, die ganz und gar kein Nazi ist, aber sich doch einrichtet im System des Schreckens. Auch das jedoch hat seinen Preis.

Für die StZ hat Barbara Yelin ein neues Bild ihrer Figur Irmina  gezeichnet.

Die Comic-Autorin 



Barbara Yelin Foto: Yelin
Für die StZ hat Barbara Yelin ein neues Bild ihrer Figur Irmina gezeichnet. Die Comic-Autorin Barbara Yelin Foto: Yelin

Stuttgart - Niemand im heutigen Deutschland, abgesehen von ein paar moralisch Tollwütigen, verteidigt Adolf Hitler oder Heinrich Himmler. Es gehört zum Grundkonsens der Republik, dass diese Männer Großverbrecher waren. Ganz anders wird die Stimmung, wenn man über die braune Elite hinausblickt.

Sobald man auf die Schuld der einfachen Leute zu sprechen kommt, auf das Mitwisser- und Mittätertum der Biederen im Dritten Reich, regen sich Trotz, Empörung, Abwehrreflexe. Barbara Yelins „Irmina“ (Reprodukt Verlag, 288 Seiten, 39 Euro) eine der besten Graphic Novels der letzten Jahre, führt mitten hinein in diese Streit- und Bestreitungszone.

Wenn andere über Hitler schimpfen

Die 1977 in München Geborene erzählt von einer Frau, die sich anfangs prächtig zur Heldin einer Es-ging-auch-anders-Geschichte eignen würde. Irmina siedelt 1934 als Neunzehnjährige auf Zeit nach England über. Sie ist keine Emigrantin, sie will in London eine Ausbildung zur Fremdsprachensekretärin machen, um anderen voraus zu sein. Bei einer Party lernt sie Howard Green kennen, einen dunkelhäutigen Oxfordstudenten aus Barbados, und verliebt sich in ihn. Zuhause in Deutschland würde man das Rassenschande nennen, aber auch in England birgt das damals Skandalpotenzial.

Nur dass Yelin aus Irmina keine Verkörperung heutiger Haltungswünsche macht. Mit meisterlicher Untertreibung und ausgeprägtem Gespür für das Unspektakuläre der erst nachträglich als entscheidend erkannten Momente des Lebens schildert sie die Widersprüche und Lauheiten ihrer Figur. Irmina ist kein Nazi, aber sie ärgert sich, wenn Ausländer über Hitler-Deutschland schimpfen. Sie stößt sich an den Zurücksetzungen, denen sich Howard, der „Darkie“, in England ausgesetzt findet. Aber kein Denkkontakt schließt sich in ihrem Kopf zu Rassenwahn und Ausgrenzungsschikanen in Deutschland.

Zwischen Herz und Systemtreue

Und so kehrt Irmina im Mittelteil des dreigegliederten Comics heim ins Reich. Dass sie das Versprechen, zu Howard zurückzukommen, nicht hält, liegt zunächst an Äußerem: Es fehlt schlicht das Geld. Kleine Alltagshürden hindern das Herz am großen Sprung. Bis dahin fühlen wir mit der nun im Kriegsministerium in Berlin tätigen, dort nicht glücklichen, aber doch auf ihre Karriere bedachten Irmina.

Aber wie sie dann dem Werben eines smarten jungen Architekten und SS-Angehörigen namens Gregor Meinrich nachgibt, wie sie sich einrichtet im Hausfrauendasein und in der Erwartung, die Belohnungen für Systemtreue würden auch ihrer Familie zugutekommen, das befremdet. Yelin bekommt das hin, ohne ihre Figur zu karikieren, zu entblößen, zu denunzieren.