Computerspielemuseum Rückkehr der Space Invaders
Birgit Loff, 21.01.2011 07:04 Uhr
In den 80er Jahren standen klobige Computerspielautomaten in Kneipen. Solche und andere Oldtimer wie das Telespiel kann man im neuen Museum bewundern. Foto: dpa
In den 80er Jahren standen klobige Computerspielautomaten in Kneipen. Solche und andere Oldtimer wie das Telespiel kann man im neuen Museum bewundern. Foto: dpa
""Computerspiele erlauben es, auf einer hohen symbolischen Ebene Dinge zu verhandeln - wir nennen es Spiel.""
Museumsdirektor Andreas Lange

Berlin - Für Andreas Lange sind Computerspiele ein Kulturphänomen, so revolutionär etwa wie die Errungenschaft des Buchdrucks oder die Erfindung des Films. Sein Studium der Religionswissenschaften hat er auf elegante Weise mit seiner Leidenschaft fürs Daddeln zu verknüpfen gewusst: Für seine Magisterarbeit betrachtete er die Geschichte von Computerspielen "unter mythentheoretischen Gesichtspunkten". Inzwischen ist der 43-Jährige Direktor des Computerspielemuseums, das am Freitag eröffnet wird. Sein Museum führt die Besucher durch gut 60 Jahre Games-Geschichte. So richtig begonnen hat es 1972 mit "Pong", einer Art virtuellem Tischtennisspiel. Zu diesem ersten weltweit populären Computerspiel musste man sich anfangs noch in die Spielhalle oder Kneipe bemühen. Heute genügt ein Kopfdruck am Handy, um sich mit Patiencen, Fußball- oder intergalaktischen Kampfspielen die Zeit zu vertreiben.

Bei "Pong" ist der Ball ein kleines Pünktchen. An einem Gerät mit der Lizenznummer 007 führt Lange vor, wie das Pünktchen zwischen zwei Schlägern, dargestellt als schlichte Balken, auf dem Schirm hin- und hersaust. Die Spieler drehen an silbernen Knöpfen unter dem Bildschirm, um den Ball mit den Schlägern zu erwischen. Inzwischen haben rasante virtuelle Welten Pünktchen und Balken ersetzt. Doch das T-Shirt, das Andreas Lange unterm dunklen Sakko trägt, ziert die schwarz-weiße Spielfläche von "Pong", einem der Meilensteine in der Geschichte der Computerspiele.

Der erste Game-Designer ist Schirmherr


Der Schirmherr des Museums ist Ralph H. Baer. In den USA entwickelte er schon Ende der 60er Jahre die erste Spielekonsole für den Hausgebrauch, die Magnavox Odyssee. Die unscheinbaren braunen Kästen hat Baer für das Museum nachgebaut. Eine eigene Odyssee hatte er hinter sich: Mit seiner jüdischen Familie musste Baer in den 30er Jahren aus Deutschland emigrieren. Bei seinem ersten Deutschlandbesuch nach der Emigration hat er Lange in Berlin besucht.

Seit den 80er Jahren verbringen Kinder oft mehr Zeit mit der Spielekonsole als mit Teddy, Puppe und Fernsehen zusammengenommen. Auch in der DDR schlugen sich Kinder ihre Nachmittage gern am Poly-Play mit dem Videospiel "Wolf und Hase" um die Ohren, etwa im Sport- und Erholungszentrum an der Landsberger Allee in Berlin. Nach der Wende sollten dort alle 40 Geräte verschrottet werden. Doch einer der Mitarbeiter konnte eines der Exemplare retten, um es Lange zu schenken. Der durchkämmte Flohmärkte und überflog einschlägige Kleinanzeigen, ehe seine Sammlung bekannt wurde und immer mehr Spenden eintrafen. Bereits 1997 richtete er eine Dauerausstellung ein, die aber nach vier Jahren wieder geschlossen wurde, weil er keine geeigneten Räumlichkeiten finden konnte.

"Eine Gelegenheit Konflikte und Strategien auszprobieren"


Auch für Langes sechs- und neunjährigen Nachwuchs gehören die Computerspiele selbstverständlich dazu. Warum auch nicht? "Kinder leben in einer medialen Realität", sagt Lange. "Computerspiele erlauben es, auf einer hohen symbolischen Ebene Dinge zu verhandeln - wir nennen es Spiel." Er sieht die Spiele als die Gelegenheit, Konflikte auszutragen und dabei Strategien auszuprobieren. Und häufig machten Computerspiele schon auf gesellschaftliche Entwicklungen aufmerksam, wie sie künftig die Welt bewegen werden. Selbstverständlich haben Langes Kinder auch bestens gelernt, mit ihren Eltern über eine Verlängerung der vereinbarten Spielzeiten zu verhandeln.

Im neuen Museum stehen die Computerspielautomaten Centipede, Asteroids und Space Invaders aus den Jahren 1978 bis 1980 in einer Nische beisammen. Die Ecke erinnert an das Hinterzimmer jener Kneipe in Hilders bei Fulda, wo Andreas Lange erste Bekanntschaft mit dem Daddeln schloss. "Es fehlen nur die dunkle Holzvertäfelung und die Bierflaschen", sagt er. Lange erinnert sich an Zeiten, in denen er seine sechs Stunden hintereinander dabei war und dabei alles um sich herum vergessen hat.

Die problematische Seite der Spielsucht gehört auch im Museum dazu. In Videos kommen etwa der Leiter einer Selbsthilfegruppe und ein von Computerspielen abhängig gewordener Mann zu Wort. Das Museumsteam pflegt auch Kontakt zu Mitarbeitern einer Suchthilfe.
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