InterviewDaimler-Personalchef zur Tarifrunde „Dieses Mal sind Grenzen überschritten worden“

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Zum Auftakt der Metall-Tarifrunde hält Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth der IG Metall vor, ihr Konzept zur Arbeitszeitverkürzung nicht durchdacht zu haben. Und er warnt die eigene Belegschaft, Streiks würden die Ergebnisbeteiligung schmälern.

Daimler-Arbeitsdirektor Wilfried Porth erwartet von der möglichen Jamaika-Koalition wenig, was die erwünschte Änderung des Arbeitszeitgesetzes angeht. Foto: dpa
Daimler-Arbeitsdirektor Wilfried Porth erwartet von der möglichen Jamaika-Koalition wenig, was die erwünschte Änderung des Arbeitszeitgesetzes angeht. Foto: dpa

Stuttgart - Der Daimler-Personalvorstand Wilfried Porth hält der IG Metall im Interview vor, ihr Konzept zur Arbeitszeitverkürzung nicht durchdacht zu haben.

Herr Porth, die Wirtschaftsverbände stellen den Acht-Stunden-Tag im Arbeitsgesetz in Frage – wollen Sie den Großkonflikt mit den Gewerkschaften?
Es gibt Gewerkschafter, mit denen man vernünftig über dieses Thema sprechen kann. Und wir schätzen den konstruktiven Dialog. Es geht doch vor allem um die Frage, ob die Arbeitszeitregelungen noch zu den neuen Möglichkeiten der Digitalisierung und Kommunikation passen. Wie bringen wir die gesetzliche Elf-Stunden-Pause zwischen Arbeitsende und Arbeitsbeginn im digitalen Zeitalter mit dem Wunsch nach Vereinbarkeit von Beruf und Familie zusammen. Die starre Pause passt nicht.
Es gibt doch schon so viel Flexibilität in tariflichen und betrieblichen Vereinbarungen?
Wir können innerhalb der Tarifverträge natürlich nur die Freiräume nutzen, die das Gesetz bietet. Und die sind nicht im wünschenswerten Maße vorhanden. Wir brauchen vom Gesetzgeber entweder eine Öffnungsklausel oder andere Regeln.
Warum beeinträchtigt das Arbeitszeitgesetz die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft?
Wir bieten sehr gute und sichere Arbeitsplätze – und wollen, dass das so bleibt. Trotzdem steht der Industriestandort Deutschland natürlich in internationalen Wettbewerb. Es kann nicht sein, dass die Politiker über die tolle Startup-Kultur im Ausland staunen, und sich wundern, dass es diese in dem Maße hier nicht gibt. Was die gesetzlichen Arbeitszeitregelungen betrifft, haben wir in Deutschland klare Wettbewerbsnachteile.
Erwarten Sie von der Jamaika-Koalition an der Stelle Fortschritte?
Wir setzen auf den offenen Dialog mit der Politik, aber im Moment bin ich nicht besonders optimistisch. Es hat sich offensichtlich eingebürgert, dass die Gewerkschaften bei solchen Sondierungsverhandlungen quasi mit am Tisch sitzen, aber die Unternehmer ausgeklammert werden.
Die IG Metall thematisiert die Arbeitszeit auch in der Tarifrunde: Welche Aussicht auf Realisierung hat die sogenannte verkürzte Vollzeit – also die Absenkung auf 28 Stunden?
Wir haben Vollbeschäftigung im Moment, und wir haben wegen der demografischen Entwicklung heute schon Facharbeitermangel. Wir können doch nicht ernsthaft über eine Verkürzung von Arbeitszeiten nachdenken, obwohl wir schon die geringsten Arbeitszeiten und die höchsten Arbeitskosten in den Industrienationen haben. Was wir brauchen, ist eine Flexibilität der Arbeitszeit nach oben. Die wird aber gar nicht diskutiert, obwohl in einer Umfrage der Gewerkschaft mehr Beschäftigte sagen, sie wollen länger als kürzer arbeiten. So deckt die aktuelle Forderung nur die Bedürfnisse eines kleineren Teils der Mitarbeiter ab.
Verstehen Sie das Anliegen der Beschäftigten, mehr Selbstbestimmung über ihre Arbeitszeit zu erlangen?
Tarifverträge bieten heute schon sehr viel Flexibilität, und auf betrieblicher Ebene gibt es noch viel mehr Angebote. Im Flächentarifvertrag zu passenden Lösungen für alle zu kommen, ist aus meiner Sicht illusorisch. Viele kleine und mittlere Betriebe können das schlichtweg nicht organisieren, wenn Mitarbeiter ihre Arbeitszeit für zwei Jahre verkürzen wollen. Die Forderung geht an der Realität des Leistbaren vorbei. Ich kann nicht permanent mehr Flexibilität für die Mitarbeiter fordern, während die Flexibilität der Unternehmen bei Zeitarbeit oder Werkverträgen immer weiter eingeschränkt wird. Folge davon wird sein, dass künftig noch mehr im Ausland produziert wird.
Die IG Metall fordert einen Zuschuss für Beschäftigte, die zur Pflege von Angehörigen weniger arbeiten wollen, weil sie dies als gesamtgesellschaftliche Aufgabe sieht – ebenso für Schichtarbeiter und andere besonders belastete Beschäftigte. Können Sie ihr zumindest da folgen?
Das ist doch überhaupt nicht durchdacht, was hier auf den Tisch gelegt wurde. Warum sollte ich länger arbeiten, wenn mir mittels Zuschuss der Arbeitgeber für weniger Arbeitszeit fast das gleiche Nettoeinkommen garantiert wird? Und noch etwas: Was unterscheidet einen 28-Stünder in der geforderten Regelung von einem, der heute schon 28 Stunden in Teilzeit arbeitet - was meist auf Frauen zutrifft? Warum soll ein Mitarbeiter einen Zuschuss bekommen und der andere nicht? Oder müssen wir dann allen einen Ausgleich bezahlen? Zudem darf man die Gefahr nicht unterschätzen, dass die Unternehmen Probleme bekommen, genug verfügbare Arbeitskräfte zu haben, um das Arbeitsvolumen zu bewältigen. Letztendlich muss die Arbeit ja irgendwie erledigt werden.
Wie teuer kommt Sie das Gesamtpaket der IG Metall?
Wir reden etwa über 60 Prozent der Beschäftigten, die nach der vorliegenden Forderung anspruchsberechtigt wären. Da geht es zusätzlich zur Lohnforderung um ganz erhebliche Summen, die erst einmal erwirtschaftet werden müssten.
Wegen der guten Geschäfte fordert die Gewerkschaft sechs Prozent mehr Lohn. Was wäre für Daimler noch bezahlbar?
Die Forderung der Gewerkschaft geht an der Realität vorbei und ist nicht nachvollziehbar. Es gibt eine klare Entschlossenheit auf Unternehmensseite, zu diesen Konditionen nicht zum Abschluss zu kommen. Dieses Mal sind Grenzen überschritten worden, wo wir deutlich etwas entgegensetzen werden. Es gibt keine Begründung für eine höhere Forderung als in der letzten Tarifrunde, weil die Rahmenbedingungen gleich sind. Zudem haben wir in den letzten Jahren immer echte Reallohngewinne gehabt – auch weil die echte Inflation stets weit unter der Zielinflationsrate der Europäischen Zentralbank lag, die die IG Metall immer wieder zur Begründung ihrer Forderung heranzieht. Und zusätzlich beteiligen wir unsere Mitarbeiter, wie andere Unternehmen auch, schon lange über eine Ergebnisbeteiligung am wirtschaftlichen Erfolg.
Würde Daimler vom neuen Arbeitskampfkonzept der IG Metall mit Ganztagesstreiks besonders getroffen?
Die Tagesstreiks sind eine deutliche Verschärfung. Wir gehen mal davon aus, dass die Gewerkschaft sich nicht wie in der Vergangenheit vorwiegend bei uns austobt. Diese Erwartung haben wir der IG Metall zumindest klar signalisiert, und wir würden uns dagegen auch entsprechend positionieren. Nur Daimler bestreiken und mit Stern ins Fernsehen, ist kein Nachweis für Unterstützung in der Breite. Je mehr Streiks wir bei uns haben, umso stärker wird sich das negativ auf unser Unternehmensergebnis und damit die Ergebnisbeteiligung der Beschäftigten auswirken. Der Betriebsrat und unsere Mitarbeiter haben es selbst in der Hand, ob sie sich zum Vehikel machen lassen oder an einem fairen Abschluss interessiert sind.

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Kriminell: Dass diese Autoklitsche unseren Ministerpräsidenten belatschert, sich für Dieseldreck auszusprechen, ist eine Sache. Dass sie jetzt aber ganz offen den Arbeitnehmern drohen, ihr Streikrecht nicht wahrzunehmen, ist schlicht verfassungswidrig und damit kriminell. Ich hoffe, dass die Justiz hier endlich einmal einen Schlusstrich zieht.

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