Daimler-Vorstand Die unbiegsame Frau
Stefan Geiger, 15.02.2011 08:32 Uhr
Als Verfassungsrichterin war Christine Hohmann-Dennhardt unter anderem für das Familienrecht zuständig. Foto: AP
Als Verfassungsrichterin war Christine Hohmann-Dennhardt unter anderem für das Familienrecht zuständig. Foto: AP
Stuttgart - "Im Ganzen gesehen ist dem Kapital mit der Freiheit, in die es entlassen wurde, die Trumpfkarte der Macht über Staaten und Menschen in die Hände gespielt worden, mit der es nun seine Freiheit ausreizen kann... Dort, wo es durch Produktion und Dienstleistungen Gewinne erzielen will, ist es dank neuer Technologien auf immer weniger Arbeit angewiesen und kann sich zudem rund um den Erdball ungehemmt die Standorte auswählen, an denen Arbeit am billigsten angeboten wird. So können Unternehmen Nationalstaaten wie Menschen gegeneinander ausspielen, ihre Kosten damit senken und ihre Renditen in schwindelnde Höhen steigen lassen." Das schrieb Christine Hohmann-Dennhardt, damals noch Bundesverfassungsrichterin, am 4. Dezember 2006 in einem Beitrag für die Stuttgarter Zeitung. Wer das für links hält, mag auch Hohmann-Dennhardt für links halten. Andere halten es lediglich für realistisch.

Der Daimler-Konzern wird die 60-jährige Juristin jetzt in den Vorstand berufen, auf den Posten für "Compliance und Integrität". Das zeugt von Souveränität auf beiden Seiten. Die Berufung ist von manchen Beobachtern mit einem leisen, aber mokanten Lächeln quittiert worden, offiziell natürlich nicht mehr deshalb, weil Hohmann-Dennhardt eine Frau ist, wohl aber deshalb, weil sie eine "linke" Sozialdemokratin sei, die wenig von wirtschaftlichen Dingen verstehe.

Ein anderer Blickwinkel


Das ist schon deshalb nicht richtig, weil sich Hohmann-Dennhardt ein Berufsleben lang mit sozialpolitischen Themen beschäftigt hat. Sie war Lehrbeauftragte für Sozialrecht an der Universität Hamburg, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Arbeitsrecht an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in Frankfurt, Richterin an Sozialgerichten, Direktorin des Sozialgerichts Wiesbaden und Dezernentin für Soziales der Stadt Frankfurt. Und sie ist eine ausgewiesene Expertin auf diesem Gebiet. Sie kennt sich schon dadurch auch in wirtschaftlichen Dingen sehr gut aus, freilich mit einem anderen Blickwinkel, als er in Teilen der Wirtschaft üblich sein mag.

Vor allem aber ist Hohmann-Dennhardt eine qualifizierte, herausragende Juristin. Sie wäre sonst nicht Richterin des Bundesverfassungsgerichts geworden, wo sie seit 1999 dem Ersten Senat angehörte. Anfang des Monats ist sie dort ausgeschieden, nach zwölf Jahren, wie es das Gesetz vorschreibt. Unter den Richtern war sie eine der zupackenden und fleißigen. Sie war unter anderem für das Familienrecht zuständig. Hohmann-Dennhardt ist in der Sache entschieden, im Auftreten leise, zurückhaltend und distanziert; auf manche wirkt die Juristin kühl. In den Vordergrund gedrängt hat sie sich nie.

Kommentare (1)
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FEB
15
Glaubnix, 11:04 Uhr

Praxistest im Daimler-Vorstand

Nein: daran wird nicht Frau Hohmann-Dennhardt zu messen sein, sondern der Daimler-Vorstand.