„Das Geheimnis der Hebamme“ Der Ritter und das rechtlose Mädchen

Von Ulla Hanselmann 

Die ARD hat das Historienepos „Das Geheimnis der Hebamme“ mit der charismatischen Ruby O. Fee verfilmt. Sabine Ebert lieferte mit ihrem gleichnamigen Roman-Bestseller die Vorlage.

Heilerin, Seherin: Ruby O. Fee ist das Gesicht des Historienepos. Foto: ARD
Heilerin, Seherin: Ruby O. Fee ist das Gesicht des Historienepos.Foto: ARD

Stuttgart - Der Wilde Westen liegt im Osten: Im 12. Jahrhundert machen sich rund 200 000 Siedler aus dem deutschen Westen auf, um in den spärlich bewohnten Gebieten östlich von Saale und Elbe ein neues, besseres Leben zu finden. Mit Sack und Pack, Kind und Kegel, Kühen und Ziegen begeben sie sich auf die beschwerliche, gefährliche Reise. Ihre überladenen Holzkarren versinken im Schlamm; die Toten, die es bei brutalen Überfällen auf ihren Zug zu beklagen gilt, werden am Wegesrand begraben; die Raststunden am nächtlichen Lagerfeuer bringen nur kurze Momente der Erholung.

Die ersten Szenen der Mittelalter-Saga „Das Geheimnis der Hebamme“ erinnern stark an die Frontier-Trecks im amerikanischen Wilden Westen – mit dem deutschen Hochmittelalter bringt man sie nicht unbedingt in Verbindung. In dieser wenig erforschten Zeit hat Sabine Ebert ihren historischen „Hebammen“-Romanzyklus angesiedelt. Roland Suso Richter hat den Auftaktband verfilmt und der ARD damit das diesjährige Karfreitags-TV-Event geliefert.

Eine weitere Western-Parallele kommt noch hinzu: Die Siedler stoßen auf dem Land, das sie urbar machen wollen, auf Bleierz. Der folgende Run auf die Silbervorkommen ist in Sachsen das, was viel später in Kalifornien der Goldrausch sein wird. Als emotionaler Anker für den Zuschauer dient die Liebesgeschichte zwischen dem rechtlosen Mädchen Marthe (Ruby O. Fee) und dem Ritter Christian (Steve Windolf).

Naturheilerin, Hebamme, Seherin

Marthe ist eine Naturheilerin, Hebamme, Seherin; ihre Künste rücken sie gefährlich in die Nähe des Teufels, dennoch wird sie immer wieder gerufen, wenn Frauen in den Wehen und Kranke im Sterben liegen. Der Frau des Burggrafen ihres Dorfes kann sie nicht mehr helfen, aus Angst vor Bestrafung flieht sie und schließt sich einem Treck fränkischer Siedler an, die in der Mark Meißen eine neue Heimat suchen. Ihr Anführer Ritter Christian hält seine schützende Hand vor das so verstörend fremdartige und doch faszinierende Mädchen. In der Mark angekommen, gründen die Siedler das dem heutigen Freiberg nachempfundene Christiansdorf; der Ritter wird vom altväterlich-autoritären Markgrafen (Franz Xaver Kroetz) zum Lehensmann ernannt und kurz darauf in die Pflicht genommen, um unter Kaiser Barbarossa gegen Heinrich den Löwen zu kämpfen.

In Ritter Randolf (Sabin Tambrea) findet das moralisch integre Mannsbild Christian einen maliziösen Widersacher und Neider; unter dessen Druck muss Christian seine Dörfler beim Abbau des Silbers, das sie finden, schinden. Die feudale Ordnung steht damit nicht nur der lange Zeit unausgesprochenen Liebe zwischen Christian und Marthe, sondern auch dem Traum der Siedler von einem freien, selbst­bestimmten Leben im Weg.

Was in der Vorlage von der erfolgreichen Romanautorin als Sozialpanorama einer vom Lehenswesen geprägten Ständegesellschaft angelegt ist, in der die Menschen die Hierarchien überwinden und ein Stück vom Glück ergattern wollen, gerät in dem dreistündigen TV-Epos zu einem wilden Genre-Mix aus Western, Märchen, Liebes-Melodram; eine gute Portion Mystery ist auch dabei und ganz viel Sozialrealismus à la Charles Dickens.

Mühsal, Schmerz und Schaffenskraft: für eine authentische Ausstattung (Jana Karen) ist viel Aufwand betrieben worden; gedreht wurde aus Kostengründen in der Nähe von Prag, unter anderem in einem Freilichtmuseum, das um einige Holzbauten zum Dorf erweitert wurde. Roland Suso Richter erzeugt ein fast dokumentarisches Alltagsbild und erteilt Kostümprunk und dramatisch aufgeputschten Degengefechten, wie sie typisch für das Rittergenre sind, eine Absage. Durch Wechsel von Zooms und Totalen und einer stellenweise verwischten Optik entsteht eine visuelle Dichte, die in verfremdeten Schwarz-Weiß-Sequenzen gipfelt. Durch sie vermittelt sich Marthes übernatürliche Gabe, für die ihre Mutter mit dem Tod bestraft wurde – ein traumatisierendes Erlebnis, das sie fortan nahezu verstummen und ihre Kräfte verbergen lässt.

Die Sprache ist zuweilen ganz unmittelalterlich

Die Sorgfalt, die man bei Kulissen und Optik walten ließ, vermisst man bei der Figurenzeichnung und den Dialogen. Trotz Richters Arbeitsweise, die den Darstellern viel Freiheiten ließ, wirken die Charaktere ab und an wie in die Szenerie hineingestellt. Die mit nur kargen Redeanteilen ausgestattete Hauptdarstellerin, die anfangs wolfsmädchenartig durch den Wald huscht, fesselt durch ihre Aura, die auch unter ihren Dreck- und Lumpenschichten hervorscheint – sie ist das visuelle Zentrum des Films. Zum weiteren weiblichen Personal gehört die manipulativ ihre Interessen durchsetzende Markgräfin Hedwig (Susanne Wuest), die gegen ihren milden Gatten intrigiert.

Aus derlei Märchen-Stereotypen und den Gesetzmäßigkeiten der Feudal­hierarchie stricken die Drehbuchautoren Stefan Holtz und Florian Iwersen ihre simpel angelegten Konflikte. Und so kämpft der weiße Ritter gegen den schwarzen, das einfache, rechtlose Bauernvolk gegen Unterdrückung und Machtmissbrauch durch die höheren Stände, und die Heilerin wird, Aberglauben und ersten Anflügen von Hexenwahn zum Trotz, ein ums andere Mal zu Fiebernden, Gebärenden, Verwundeten gerufen.

Was die Illusion dieser Mittelalter-Mär zuweilen empfindlich stört, ist ein ganz unmittelalterlicher Sprachduktus: „Endlich ankommen!“hört man sich Ritter Christian aus dem Off erhoffen, während der Treck durch die Lande zieht; an anderer Stelle wird mit einem nachgeschobenen „ehrlich!“ Wahrhaftigkeit bekräftigt, und der böse Randolf tadelt spöttisch „Na, na, na!“

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