Das Plochinger Krankenhaus soll geschlossen werden Der Finger will nicht amputiert werden

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Der Esslinger Landrat Heinz Eininger und der Klinikengeschäftsführer Franz Winkler stellen sich in Plochingen unbequemen Fragen von unbequemen Bürgern.

Die Belegschaft der Klinik demonstriert in der Plochinger Stadthalle Foto: Rudel
Die Belegschaft der Klinik demonstriert in der Plochinger Stadthalle Foto: Rudel

Plochingen - In der voll besetzten Stadthalle haben die Zuschauer am Dienstagabend einen Landrat erlebt, der sich nach teils heftigen Angriffen immer emotionaler für die Schließung des Plochinger Krankenhauses einsetzte. Heinz Einingers nicht weniger leidenschaftlicher Gegenspieler war der Bürgermeister Frank Buß. „Wenn es im Knie wehtut, dann darf der Finger nicht amputiert werden“, so stellte er bildhaft die Frage, ob eine geplante Strukturreform der Kreiskliniken, die eine Stärkung von Kirchheim und Nürtingen und eine Schließung von Plochingen vorsieht, nicht am Kern des Problems vorbeigehe. Nach Ansicht vieler lokaler Akteure und des Bürgermeisters, der im Aufsichtsrat der Kreiskliniken sitzt, dürfe das wirtschaftlich besser dastehende Plochinger Krankenhaus nicht für die schlechter laufenden anderen Häuser geopfert werden.

So bestimmte die Diskussion über die Zahlen weite Teile der etwa dreistündigen Veranstaltung. Der Kliniken-Geschäftsführer Franz Winkler musste Hohngelächter über sich ergehen lassen, als er sagte, das Plochinger Krankenhaus habe im Jahr 2010 eine Million Euro minus gemacht. Nicht besser erging es dem Landrat, als er sagte: „Es war nicht so, dass wir zuerst das Krankenhaus Plochingen schließen wollten und dann die passenden Gutachter dafür gesucht haben.“

Der Gutachter Jan Hacker von der Firma Econo Medic wurde immer wieder mit denselben kritischen Fragen konfrontiert. Viele Gemeinderäte gingen auf die Fallzahlen an, die in Kirchheim und Nürtingen steigen sollen, wenn Plochingen geschlossen wird. Sie glauben nicht, dass die prognostizierten Zahlen eintreffen werden, halten sie für viel zu hoch gegriffen, glauben auch nicht, dass Plochingen in einem solchen Umfang, wie von Franz Winkler dargestellt, im Minus stehe. Ein leitender Arzt in Plochingen versuchte eine Gegenrechnung anhand der ihm vorliegenden Fälle und verwies auf eine Stellungnahme von Arztkollegen, die ebenfalls die Einschätzung von Fallzahlen nicht teilen mochten.

Trotz des Misstrauens blieb der Gutachter Jan Hacker bei seinen Zahlen, denen er die demografische Entwicklung zugrunde legte, und die er selbst als konservativ bezeichnete. Selbst im schlimmsten angenommenen Fall, bei dem in den Krankenhäusern gar keine Zuwächse erzielt würden, sei eine Schließung von Plochingen billiger als der weitere Betrieb, sagte er.

Darüber hinaus rechnet Jan Hacker fest mit Zuwächsen. Nach seinen Zahlen lässt sich etwa ein Drittel aller Patienten im Kreis in den kreiseigenen Kliniken behandeln. Das zweite Drittel nutzt das Klinikum Esslingen und die kleineren Kliniken im Kreis. Ein Drittel wandert in andere Kreise. Diese Patienten müssten die Kreiskliniken zurückholen. Dazu müssten sie attraktiver sein. Die Plochinger bezweifeln die Behauptung, dass der Kreisklinikverbund attraktiver werde, wenn man das attraktivste Haus schließe.

Die niedergelassenen Ärzte waren fast die Einzigen, die ethische Argumente anführten. In die gleiche Richtung argumentierten auch einige Bürger. Ein sehbehinderter Mann sorgte sich um die Versorgung seiner schwer kranken Frau. Ein anderer wehrte sich dagegen, als Fallzahl bezeichnet zu werden: „Ich bin übrigens der, um den Sie buhlen, ein Patient.“

Aber auch einem niedergelassenen Arzt war die Diskussion über Fallzahlen und Behandlungspunkte zu viel. „Soll ich jetzt meinen Patienten keine Tabletten mehr verschreiben, nur damit Sie Ihre schweren Fälle haben?“, fragte er die Klinikgeschäftsleitung und bekräftigte: „Wir brauchen das Krankenhaus als Basisversorgung vor Ort.“ Das brachte ihm lang den anhaltenden Applaus des vorwiegend älteren Publikums ein, dem die Verbundenheit mit der 150 Jahre alten Institution anzumerken war.

Heftigen Gegenwind erfuhren Franz Winkler und Heinz Eininger von den Ärzten der näheren Umgebung von Plochingen. Sie kündigten an, keine Patienten in die Kreiskliniken mehr zu überweisen, sollte das Plochinger Krankenhaus tatsächlich geschlossen werden.