Das Seminar für freiheitliche Ordnung Eine schöne Vorstellung

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Wie sieht das richtige Verhältnis von Freiheit und Regeln aus? Wie könnte eine andere Wirtschaftsordnung aussehen? Das Seminar für freiheitliche Ordnung in Bad Boll sucht nach Antworten.

Bad Boll - Eckhard Behrens, Sohn eines preußischen Pferdezüchters, will dazu beitragen, dass sich ein Desaster wie das Dritte Reich nicht wiederholt. Es sind die 50er Jahre, als junge Intellektuelle wie er nach Rezepten für eine bessere Welt suchen. Behrens studiert Jura in Frankfurt am Main, seine Fakultät ist ein Hort des Ordoliberalismus. Ihn fasziniert die Idee, dass der Staat den Rahmen dafür schafft, dass sowohl ein ökonomischer Wettbewerb als auch soziale Gerechtigkeit garantiert sind. Behrens macht sich auf die Suche nach Gleichgesinnten und findet sie beim frisch gegründeten Seminar für freiheitliche Ordnung. Ende der 1960er, in den Hochzeiten des Vereins, treffen sich bis zu 200 Persönlichkeiten – Mediziner, Unternehmer, Verfassungsrichter – regelmäßig zum Gedankenaustausch in einer Pension am Ammersee.

Ein gutes halbes Jahrhundert später ist das Vorstandsmitglied Behrens froh, dass sich 16 Frauen und Männer für die zweitägige Tagung „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ angemeldet haben. Die Teilnehmer sitzen auf rot gepolsterten Stühlen in der ehemaligen katholischen Kirche von Bad Boll, die dem Verein seit 1985 als festes Zuhause dient. Den Neulingen, ein Musikerpaar aus Leinfelden und zwei Göppinger Waldorfschüler, erklärt Behrens zunächst die Grundlagen: Das Seminar für freiheitliche Ordnung orientiert sich an den Schriften des Anthroposophen Rudolf Steiner und des Ökonomen Silvio Gesell. Laut Steiner sollen sich Kultur, Recht und Wirtschaft in autonomen Systemen gegenseitig die Waage halten. Für Gesell war Geld ein Tauschmittel, das nicht gehortet werden darf. Weil die Forderungen der beiden Vordenker auch mehr als acht Jahrzehnte nach deren Tod unerfüllt sind, leben wir in einer entarteten Marktwirtschaft, in der Vermögende privilegiert sind und Besitzlose mitunter ausgebeutet werden.

Wie sieht richtiges Verhältnis von Freiheit und Regeln aus?

Wer solche Thesen vertritt, könnte eine rote Socke sein. Doch Behrens ist ein Mitglied der FDP, ein Feind der sozialistischen Planwirtschaft und ein Anhänger der klassischen Nationalökonomie. Diese Urvolkswirtschaftslehre geht davon aus, dass Kapital ausschließlich dazu verwendet wird, Waren zu produzieren. Wird es jedoch gespart oder mit ihm spekuliert, dient es nicht mehr der Allgemeinheit, sondern nur dem Einzelnen. Die Folgen sind Arbeitslosigkeit, Finanzkrisen und ein soziales Ungleichgewicht. „Hohe Einkommen beruhen heute selten auf unternehmerischer Genialität, sondern auf Erbschaften“, sagt Behrens. Eine Marktwirtschaft sei erst dann wirklich frei, wenn der Verdienst eines Menschen von dessen Arbeitsleistung und nicht von dessen Eigentum abhänge.

Ein Herr mit langer, grauer Gesichts- und Kopfbehaarung meldet sich. Reiner Cornelius ist Kunstmaler, Dichter und Schriftsteller, seine 88 Jahre Lebenserfahrung fasst er in zwei Sätzen zusammen: „Wir können Freiheit nicht gewähren in der Hoffnung, dass die Menschen damit vernünftig umgehen. Der Straßenverkehr würde auch nicht funktionieren, wenn sich nicht jeder an klare Regeln halten müsste.“

Aber wie sieht das richtige Verhältnis von Freiheit und Regeln aus? „Im Laufe dieser Tagung werden wir nach Antworten suchen“, sagt Behrens, „aber jetzt machen wir erst einmal eine Kaffeepause.“ Nebenan sind bereits Butterbrezeln und Bienenstich angerichtet. Wer will, kann für das Vesper ein paar Euro in eine Blechdose werfen. Dann geht’s weiter im Programm.