Das zweite Vatikanische Konzil Als der Schleier sich hob

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Das Zweite Vatikanische Konzil markiert eine Zeitenwende in der Geschichte der katholischen Kirche. Heute mehren sich die Stimmen, die diese Öffnung zur Welt und zum Menschen rückgängig machen wollen. Paul Kreiner erklärt, was dahinter steckt.

Zweieinhalbtausend Bischöfe und Kardinäle trafen sich 1962 im Vatikan. Foto: dpa
Zweieinhalbtausend Bischöfe und Kardinäle trafen sich 1962 im Vatikan.Foto: dpa

Rom - Schwester Appiana war so ein Fall. Wir nannten sie die „Gartenschwester“, weil sie im Kloster am Ort zuständig war für Gemüse und Blumen, für Äpfel und Zwetschgen – und fürs Mästen der Klostersau (an dem wir Kinder uns nach Kräften beteiligten). Schwester Appiana stand eines Tages völlig verändert zwischen ihren Beeten. Sie strahlte übers ganze Gesicht und sagte: „Seit dem Konzil dürfen wir das.“ Es war das erste Mal, dass ich das Wort „Konzil“ hörte. Schlagartig fiel mir auf, was anders war: Die Frau trug einen neuen Schleier. Hatte der alte vom Gesicht nur offengelassen, was zum Leben unbedingt nötig war, lag nun auf einmal die Stirn frei, die Schläfen, das Kinn. Eine ganz neue Person tauchte da auf – und ich erschrak. Ich kannte die quirlige Pfälzerin nur braun-, ja fast schwarzgebrannt von der Arbeit im Freien. Die neuen Teile ihres Gesichts aber waren weiß, blass, fast totenbleich.

Es ist heute viel Nostalgie im Umlauf, Sehnsucht nach der „alten“, der „vorkonziliaren“ katholischen Kirche, nach ihrer lateinischen Messe vor allem. Auch im einschlägigen Feuilletonkatholizismus, stylish-konservativ geschart um den Schriftsteller Martin Mosebach und den „Spiegel“-Autor Matthias Matussek, tauchen Kindheitsgeschichten als Argument fürs „Zurück“ auf. Oft sind es Erinnerungen von Leuten, die einst der Mode nachgegeben haben, sich von der Kirche zu entfernen, und die sich alternd, genauso modisch, in einer Weise auf das alles zurückbesinnen, als wär’s ein Weihnachtszimmer: festlich geschmückter Baum, brennende Kerzen, Geschenke, Kinderseligkeit.

Schwester Appiana war keine Nostalgikerin. Und wir? Als sie ihren Schleier lüftete und uns ihr ganzes Gesicht zeigte, verstanden wir alle neu, wie sie vorher ausgesehen hatte – sie und die „alte“ Kirche.

Die Schwärmerei der Nachgeborenen

Auffällig ist heute die Schwärmerei, mit der viele Jüngere zu Zuständen zurückwollen, die sie gar nicht kennen. Die Vor-Zeit des Zweiten Vatikanischen Konzils und das Konzil selbst, das vor fünfzig Jahren eröffnet wurde, sind aus der Lebenswirklichkeit verschwunden. Wie gewaltig damals der Zeitensprung war hin zu dem, was in der katholischen Kirche, im Verhältnis zu Konfessionen und Religionen, zwischen Kirche und Welt, Kirche und Demokratie heute als bare Selbstverständlichkeit gilt – das ist kaum mehr zu verstehen. In der Kirchenkrise von heute ist für manche das Konzil gar schuld an allem. Als hätte es nicht gesellschaftliche Umwälzungen gegeben, deren Erosionswirkung weit stärker war als jene, die von einigen heute fast vergessenen Papieren ausging.

Zeitungen haben wir als Volksschüler damals nicht gelesen. Aber sie quollen über von dem Ereignis. Das Zweite Vatikanische Konzil war, lange vor Johannes Paul II., die erste Mediensensation der katholischen Kirche: 2540 Bischöfe in Rom versammelt, so viele wie nie zuvor, 1200 Journalisten um sie herum. Erstmals waren Männer anderer Hautfarbe als veritable Bischöfe, später gar als Kardinäle dabei; die Fernsehbilder machten den Katholiken klar, dass sie – bisher europäisch geprägt und an andere Völker höchstens im Rahmen der Spendenaktionen „für arme Heidenkinder“ denkend – tatsächlich Mitglieder einer Weltkirche waren. Und in der Mitte stand ein Papst, Johannes XXIII., der schon in seiner rundlichen Person, seiner Herzlichkeit all das Gravitätische, Unnahbare, Entrückte aufhob, hinter dem sich die Kirchenhierarchie vor ihm verschanzt hatte: „Ich bin euer Bruder.“

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