Datensammler Facebook und Co. Warum liegt Google so falsch?

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Wenn ich also erfahren will, warum ich diese blöden Flirtanzeigen sehe, muss ich wissen, in welche Schubladen Facebook und Google mich stecken. Facebook war ursprünglich ziemlich verschwiegen, was solche Auskünfte angeht. Dann machte die Bewegung „europe-v-facebook.org“ Druck, und seit einiger Zeit können Facebook-Nutzer alle Daten herunterladen, die dort über sie gespeichert sind – angeblich. Meine Datei ist 14,5 Megabyte groß. Ich sehe, dass ich mich am 30. März 2007 zum ersten Mal eingeloggt habe, sehe alle meine Posts, eine Liste meiner Freunde und die Seiten, bei denen ich „Gefällt mir“ angeklickt habe.

Zu anderen Fragen schweigt die Facebook-Akte: etwa anhand welcher Daten Facebook errechnet, welche Anzeigen ich zu sehen kriege. „europe-v-facebook.org“ empfiehlt mir, nachzuhaken – weiß aber, dass die Firma mit einem Formschreiben antwortet: Wenden Sie sich an die irische Datenschutzbehörde. Diese schreibt, dass aus ihrer Sicht alles in Ordnung sei. Mir bleiben eine Beschwerde bei der EU-Kommission oder eine Klage. In Brüssel liegen bereits 200 Beschwerden, „und da liegen sie gut“, sagt Max Schrems von „europe-v- facebook.org“. Eine Klage in Irland wiederum sei aufwendig und Facebook hat bessere Anwälte als ich mir leisten kann.

Immerhin: Ich finde in meinen Facebook-Daten eine 17-seitige Auflistung, „Ad Topics“ steht darüber. Es ist eine Liste mit Dingen, die mich nach Meinung von Facebook interessieren: „Gastronomie“, „Schwaben“, „Café Hawelka“ und „Tatort“ finden sich darin. Das ist nachvollziehbar: Ich mag mehrere Restaurants auf Facebook, bin gerne im Wiener Café Hawelka und habe meine Band danach benannt, außerdem schreibe ich für die StZ öfter Tatort-Rezensionen. Doch es ist ein Hinweis, nicht mehr. Von Flirtseiten lese ich nichts, die Liste hilft mir also wenig. Facebook verschweigt, ob es mich in größere Schubladen steckt – „interessiert an Flirtangeboten“ zum Beispiel.

Google liefert „Schätzangaben“

Auch bei Google finde ich eine Liste mit Themen, die mich angeblich interessieren. Ich klicke mich durch diverse Menüs und stoße unter „Anzeigeneinstellungen“ auf eine Liste mit 22 Kategorien. Da findet sich Überraschendes: Laut Google mag ich „ostasiatische Musik“, interessiere mich für „Reinigungsmittel“, „Baseball“, „Haarpflege“ und „Ego-Shooter“ – unter anderem. Nichts davon trifft zu.

 

 

Google-Auto, Google-Brille, Google-Suchmaschine – die wollen alles. Foto: dpa
Ein Anruf bei der Pressestelle. Warum liegt Google so falsch? Die Firma analysiert, welche Internetseiten ich suche und aufrufe, erklärt mir eine Sprecherin: „Es handelt sich immer um Schätzangaben.“ So gut sind Googles Algorithmen also nicht, denke ich mir – und erfahre, dass ich dem Konzern ziemlich verwässerte Daten liefere. Wenn so wie bei mir daheim mehrere Menschen denselben Browser auf demselben Rechner nutzen, kriegt Google keine brauchbaren Ergebnisse. Und es gibt noch andere technische Mittel gegen Datensammler.

 

 

 

Aber mir geht es ja um etwas anderes: Ich will wissen, wie die Daten, die ich in der einen oder anderen Form im Netz hinterlasse, verarbeitet werden. Die Google-Sprecherin kann oder will mir das nicht im Detail erklären. Auf seiner Website schreibt Google nichts dazu. Der Konzern schweigt, so wie Facebook, Amazon und alle anderen Datenauswerter. Sie schweigen mit höchstrichterlicher Unterstützung: Die Rechenformeln gelten hierzulande als Geschäftsgeheimnis; das hat der Bundesgerichtshof Anfang 2014 entschieden. Die Schufa muss niemanden erklären, wie sie die Glaubwürdigkeit einzelner Personen errechnet.

Warum man in welcher Schublade landet, ist nicht klar

Man muss sich das klarmachen: Jeder von uns wird von Rechnern in Schubladen gesteckt, aber keiner kann herausfinden, warum er in Schublade A landet und nicht in Schublade B. Dabei will, ja muss ich wissen, was mit meinen Daten gemacht wird. Wie soll ich sonst entscheiden, welche Daten ich preisgebe? Zumal die Schublade, also zum Beispiel der von der Schufa ermittelte „Scoring-Wert“, darüber entscheidet, wie viele Zinsen ich für einen Kredit bezahlen muss. Ob ich auf Rechnung bestellen kann. Oder, in Zukunft vielleicht, wie viel ich für ein Produkt bezahlen muss. Die Reise auf den Spuren meiner Daten endet, bevor sie angefangen hat: Als Normalbürger hat man keine Chance, zu erfahren, was mit den eigenen Daten passiert.

 

Auch Apple greift sich alle Daten, die zu bekommen sind. Foto: dpa

 

 

Was bleibt, sind Brosamen. Über die Website selbstauskunft.net verschicke ich Anfragen an mehr als dreißig in Deutschland ansässige Datensammler. Ich habe laut Bundesdatenschutzgesetz einen Anspruch, zu erfahren, was diese Firmen über mich gespeichert haben. Gerade zehn Unternehmen schreiben binnen eines Vierteljahres zurück. Die Mehrzahl teilt mir mit, dass „nur“ Dinge wie meine Anschrift vorlägen. Die Schufa und deren Konkurrent Accumio lassen wissen, dass ich ihren Berechnungen zufolge meine Rechnungen höchstwahrscheinlich begleiche. Accumio fügt hinzu, dass auch „persönliche Merkmale“ in dieses Urteil einfließen – wieder so ein AGB-Deutsch. Was genau gemeint ist, erfahre ich nicht. Das Telefon bei Accumio ist über Tage belegt, eine Mail bleibt unbeantwortet.

BGH-Urteile, wenig hilfreiche Texte auf den Internetseiten, nicht beantwortete Anfragen: Es wird viel getan, damit wir nicht erfahren, was mit unseren Daten geschieht. Viel lieber sprechen Unternehmen wie Google über verbesserte Algorithmen oder „kontextuale Anzeigen“. Was das ist, möchte ich von der Google-Sprecherin wissen. „Wenn Sie etwa eine E-Mail schreiben, dass Sie nach Thailand in den Urlaub fahren, erkennt das Programm die Aussage im selben Moment und Sie sehen Anzeigen von Reiseveranstaltern für Thailand“, sagte sie.

Internet-Verzicht ist keine Lösung

Ja, wirklich: Google wertet in Echtzeit aus, was ich im Netz mache – und zeigt mir entsprechende Werbung. Das mag heute noch nicht ganz perfekt klappen – Stichwort ostasiatische Musik. Und doch fühle ich mich durchleuchtet. Beunruhigt. Wenn ich die durchschaubare Flirtwerbung sehe, fühle ich mich (noch) nicht wirklich gläsern. Aber es geht hier um mehr als meine Befindlichkeit. „Konzerne verstoßen gegen Gesetze und der Staat lässt sie gewähren“, sagt Max Schrems von „europe-v-facebook.org“. Ich würde sagen: Es gibt die nötigen Gesetze noch nicht. Auf das Internet zu verzichten, ist für mich ausdrücklich keine Lösung.

Mein Smartphone verrät Google nicht, wo ich bin. Ich surfe mit demselben Browser wie meine Freundin und habe meinen Beziehungsstatus nirgendwo eingetragen. Es ist ein Aufstand im ganz Kleinen. Aber vielleicht glaubt Google ja gerade deshalb, ich interessierte mich für Ego-Shooter.


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