Datenschutz Das Auto als fahrende Datenschleuder

Von Christiane Schulzki-Haddouti 

Das Auto wird zum mobilen Computer und kann auch Daten zur Fahrt online übermitteln. Die StZ hat bei deutschen Autobauern nachgefragt, wie sie mit den Daten umgehen. Im Grunde macht es jeder anders, eine standardisierte Prüfung fehlt noch.

Gleich mehrere Touchscreens in diesem Golf machen deutlich, wie viel Elektronik in einem Auto steckt. Foto: dpa
Gleich mehrere Touchscreens in diesem Golf machen deutlich, wie viel Elektronik in einem Auto steckt.Foto: dpa

Stuttgart - Noch 2014 war BMW der unumstrittene Vorreiter in Sachen Fahrzeugvernetzung. Doch inzwischen verfügen auch die Neuwagen von Daimler und Audi über zahlreiche Online-Funktionen. Opel geht mit seinem OnStar-System an den Start, und auch VW rüstet Schritt für Schritt mit digitalen Angeboten nach. Diese neuen Dienste und Funktionen können nur genutzt werden, wenn der Halter in die verschiedenen Datenübertragungen ausdrücklich eingewilligt hat. Je nach Hersteller kann er die Dienste komplett oder einzeln deaktivieren. Mit den Daten gehen die Unternehmen sehr unterschiedlich um; wir haben bei den Herstellern nachgefragt.

Bisher konnten die Hersteller relativ frei agieren. Das ändert sich spätestens dann, wenn es standardisierte Prüfverfahren für den Datenschutz gibt, die ein Auto durchlaufen muss, bevor es zugelassen wird. Noch gibt es das nicht, aber für Jürgen Bönninger ist es nur noch eine Frage der Zeit. Bönninger ist Geschäftsführer der Dresdner Firma FSD Fahrzeugsystemdaten, die zentral für Deutschland fahrzeugindividuelle Prüfvorgaben für die Hauptuntersuchung und Sicherheitsprüfung entwickelt. Einen ersten Schritt in diese Richtung unternahmen die Aufsichtsbehörden von Bund und Ländern im Oktober, als sie ein einheitliches Prüfmodell verabschiedeten.

Daten der Steuergeräte & Online-Werkstattservice

BMW, Daimler und Opel übermitteln bereits online die Daten der Steuergeräte an den sogenannten Backend-Server, der beim Hersteller steht. Hat der Kunde den Werkstattservice gebucht, leiten BMW und Daimler die Daten an die Vertragswerkstätten weiter. Bei bedenklichen Werten melden diese sich dann mit Diagnosen und ­Reparaturvorschlägen. Die Datenübertragung an freie Werkstätten ist nicht vorgesehen, was eine gewisse Bevormundung des Halters darstellt. Etwas anders funktioniert dies beim OnStar-System von Opel. Es wertet die Betriebsdaten monatlich aus und mailt diese dem Kunden. Der kann dann selbst eine Werkstatt wählen.

VW ermöglicht keine Online-Übertragung der Steuergerätedaten. Diese Daten können nur in der Werkstatt mit einem Diagnosetester ausgelesen werden. Eine Online-Übertragung bei Audi gibt es im neuen A4 und Q7. Ansonsten ist bei Audi der Datenzugriff nur durch den physischen Zugang zum Fahrzeug möglich. Die Funkfernbedienung für Türöffnung und Standheizung funktioniert nur aus der Nähe.

Audi unterscheidet zwischen verschiedenen Datenarten: Gesetzlich vorgeschriebene Daten wie die Abgaswerte und die für die Betriebssicherheit relevanten Daten werden nur von amtlich anerkannten Sachverständigen ausgelesen. Speichereinträge für Soll-Ist-Vergleiche und Kalibrierwerte, die für Reparaturen wichtig sind, setzt die Werkstatt nach der Diagnose zurück. Außerdem werden im Fahrzeugschlüssel Servicedaten, etwa zu Öl und Verschleißteilen, gespeichert. Diese werden nach allgemeinen und flexiblen Wartungsintervallen von der Werkstatt ausgelesen. Die Diagnosedaten können anonym an Audi weitergegeben werden.

Anonymisierte Weitergabe von Live-Traffic-Daten

Daten zur aktuellen Verkehrslage werden bei Audi, BMW, Daimler und Volkswagen anonymisiert an Verkehrsdatenanbieter weitergeleitet. Damit verbunden ist die Erhebung der Positionsdaten. Die Trennung der Positionsdaten von Daten, die das Fahrzeug eindeutig identifizieren, erfolgt in der Regel auf dem Backend-Server der Hersteller. Eine unabhängige Überprüfung dieser Anonymisierung etwa durch die Aufsichtsbehörden ist bis jetzt nicht bekannt. Der Fahrzeughalter kann bei allen Herstellern die Datenweiterleitung an die Verkehrsdienste jedoch untersagen.

SIM-Karte oder Kommunikationsmodul fest eingebaut

Das Infotainment- und Kommunikationssystem unterscheidet sich von Hersteller zu Hersteller. Wesentlich aus der Perspektive des Datenschutzes ist, wie das Kommunikationsmodul, über das die Daten übermittelt werden, im Fahrzeug verankert ist. Bei BMW, Daimler und Opel ist es fest in das Fahrzeug integriert. Der Halter muss sich daher auf die Aussage der Werkstatt oder des Händlers verlassen, dass das System deaktiviert wurde. Nur bei Audi kann der Fahrer die eigene SIM-Karte verwenden – und das System selbst deaktivieren, indem er sie aus dem Gerät nimmt. Bei Daimler ist es zudem möglich, einzelne Dienste, die über das Kommunikationsmodul ermöglicht werden, an- und auszuschalten. In den Komponenten wie dem Navigationsgerät, dem Musikspeicher oder im Telefonbuchspeicher kann der Nutzer seine Daten jederzeit wieder löschen.

Überdies kann es sein, dass für einzelnen Dienste noch einmal gesonderte Nutzereinwilligungen notwendig werden. So etwa für die Diktierdienste bei Audi und BMW. BMW nutzt hierfür den amerikanischen Anbieter Nuance, weswegen Spracheingaben sogar an US-amerikanische Server übertragen werden. Unter Umständen können deshalb auch US-Sicherheitsdienste Zugriff auf die Daten verlangen.

Ortung über das automatische Notrufsystem

Audi, BMW, Daimler und Opel bieten ein Notrufsystem an, das der Kunde noch bis 2018 ausschalten lassen kann. Ab dann ist es als eCall gesetzlich vorgeschrieben. Das System löst bei einem Unfall automatisch einen Notruf aus. In der Regel wird eine Sprachverbindung zu einem Rettungszentrum des Herstellers aufgebaut, außerdem werden Daten zur Position und Fahrtrichtung sowie zur Anzahl der Insassen übermittelt. Die Zahl der Insassen lässt sich beispielsweise von der Zahl der angelegten Sicherheitsgurte ableiten.

Opel bietet derzeit über die „Privat-Taste“ an, die kontinuierliche Versendung der Positionsdaten durch das Notrufsystem zu unterdrücken. Die Daten werden dann bei aktivierter Taste nur im Falle eines Unfalls übermittelt. Opel betont, dass das System auch bei nicht gedrückter Privat-Taste keine Streckenverläufe aufzeichnet.

Die Funktion: das Auto wiederfinden

BMW, Daimler, Opel und Volkswagen bieten eine Funktion an, über die sich das Auto orten lässt. Die „Wiederfinden“-Funktion wird jedoch unterschiedlich umgesetzt: Während BMW und Volkswagen die Ortung über einen Online-Zugriff ermöglichen, betont Mercedes, dass die Suche auf einen Radius von 1,5 Kilometer begrenzt ist. Außerdem werde immer nur die jeweils letzte Position gespeichert. OnStar von Opel bietet eine Ortung im Falle eines Diebstahls an, wobei sich nach einem Start des Wagens die Zündung deaktivieren lässt. Außerdem kann der Fahrer per App Hupe und Licht aktivieren, um etwa das Fahrzeug auf einem Parkplatz schneller zu finden.