David Garrett in Stuttgart In farbiges Licht getauchte Jahreszeiten

Von Albrecht Gaub 

Der Geiger David Garrett begeistert mit seiner Klassik-Show die Besucher im Stuttgarter Beethovensaal. Regelmäßig wird er sogar an Attacca-Übergängen unterbrochen – so begeistert ist das Publikum.

Tourauftakt in Stuttgart: David Garrett am 10. Mai in der Liederhalle Foto: dpa
Tourauftakt in Stuttgart: David Garrett am 10. Mai in der LiederhalleFoto: dpa

Stuttgart - Beim Konzert des Geigers David Garrett am Samstag im ausverkauften Beethovensaal bekommt der Kritiker mit den Freikarten einen Zettel gereicht, überschrieben „Programm Klassik-Tournee 2014“. Nicht etwa das Hochglanz-Programmheft, das im Foyer für teures Geld verkauft wird. Der Veranstalter verbietet das Fotografieren, erlässt aber keine Regeln für den Beifall. David Garrett wird sogar an Attacca-Übergängen regelmäßig unterbrochen. Aber er ist mit dem Publikum auf Du und Du und lässt es gewähren.

Garrett stellt das begleitende Verbier Festival Chamber Orchestra vor und, allerdings erst nach der Pause, dessen Leiter Christoph Koncz. Er sagt die Werke an und erzählt Anekdoten aus seinem Leben. Wenn er von seinem Mentor, dem großen Geiger Itzhak Perlman spricht, mag man an den Pianisten und Dirigenten Justus Frantz und seine Geschichten von Leonard Bernstein denken.

Die Begriffe Belcanto und Virtuosität erklärt er. Den „Erlkönig“ nicht. Nur, dass das Arrangement von ihm sei. Auf dem Programm steht jedoch, es sei von Franck van der Heijden, wie auch die meisten anderen Arrangements, die Garrett vorträgt. Der Name von Franz Schubert als Komponisten des „Erlkönigs“ erscheint noch nicht einmal auf dem Zettel. Stattdessen ist Heinrich Wilhelm Ernst genannt, der Schuberts Lied für Solovioline transkribierte. Offenbar das Arrangement eines Arrangements.

Nach der Pause ändert sich der Ton der Veranstaltung

Mit der Crossover-Version vom CD-Album „Garrett vs. Paganini“ hat es nichts gemein. Das Orchester spielt ohne Garrett. Die Schubert-Ernst-Partitur wird fragmentiert, gekürzt und mit neu komponierten Abschnitten durchsetzt, die das Original dissonant verfremden – ein bisschen à la Alfred Schnittke. Das lässt aufhorchen.

Die übrigen Arrangements gehen in eine andere Richtung. Giuseppe Tartinis „Teufelstriller-Sonate“, Mozarts „Türkischer Marsch“ und diverses von Niccolò Paganini werden unter Aufbietung eines Konzertflügels nebst Schlagzeug mit einer filmisch-sentimentalen Einheitssauce übergossen.

Nach der Pause ändert sich der Ton der Veranstaltung. Zu farbiger Beleuchtung – Frühling grün, Sommer rot, Herbst gelb, Winter blau – erklingen Antonio Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ wie notiert. Christoph Koncz, in der ersten Hälfte am Pult, verfügt sich nunmehr mit Geige ins Orchester. Dass er vor jedem Konzert das zugehörige programmatische Gedicht vorträgt, ist sehr zu begrüßen.

Zugabe mit einer Geigerin aus dem Orchester

Die Zugabe, im Duett mit einer Geigerin aus dem Orchester, wird dadurch kontrapunktiert, dass ein Zuhörer im hinteren Teil des Saals sein mutmaßliches Bootleg des Konzerts auf dem Handy abspielt.

David Garrett ist beileibe kein schlechter Geiger. Aber anders als im 19. Jahrhundert Paganini – oder heute der amerikanische Organist Cameron Carpenter – eröffnet er in seinem Spiel keine neuen Perspektiven, die seine Eskapaden entschuldigen und seinen Kultstatus künstlerisch rechtfertigen würden.

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4 Kommentare Kommentar schreiben

David Garrett Konzert: Ich möchte mich den Kommentaren zu der vernichtenden Kritik anschließen! Wo ist da erst einmal der Respekt vor so einem Menschen wie David? Er kann das nur so unglaublich göttlich spielen weil er dafür verdammt diszipliniert sein und hart arbeiten muss!!! Welche Eskapaden denn bitte überhaupt??? Ich lese zwar keine sogenannten Klatschzeitungen aber mir ist keine bekannt. Ich war auf dem Konzert in Berlin und es war traumhaft. Ich habe am Ende weinen müssen weil ich so gerührt war von der Musik. Da spüre ich wie nie wie wunderschön das Leben ist und was es für kostbare Schätze für uns bereit hält. Bitte seien Sie in Zukunft humaner mit ihrer Kritik oder schreiben Sie lieber nicht mehr über David Garrett, der seinen Erfolg mehr als verdient hat. Ich werde immer wieder zu seinen Konzerten gehen und auch meine drei Kinder mitnehmen, wenn sie größer sind! Martina Wendland

Garrett Konzert: Wenn ich die Kritik des Herrn Gaub lese dann kann ich nicht glauben, daß wir im selben Konzert waren. Ich bin kein großer Kenner der Klassik, aber das was mir hier geboten wurde hat mir bestens gefallen. David Garrett merkt man die Leidenschaft für die Musik an und die Hingabe an das was er macht - und wenn dann leider während der Attacca-Übergänge das Publikum klatscht, weil so viele Banausen da sitzen und nicht wissen, daß der Klassikkenner hier keinesfalls klatscht, dann, ja dann Herr Gaub brauchen wir Leute wie Sie, die uns sagen wo's lang geht! Dieser junge Mann bringt frischen Wind und Millionen seiner Fans lassen sich von ihm unterhalten und das zählt. Sie machen uns den Garrett nicht madig - Never!

Ihr Bericht über das Konzert: Sehr geehrter Herr Gaub, warum hat man Sie in ein Konzert gesandt, in welchem Sie den Sinn und Inhalt des Konzertes und die Genialität des Künstlers nicht verstanden haben. Man liest stetig, dass Sie Herrn Garrett nicht gut finden und es wundert mich, dass eine Zeitung Ihres Formates das so druckt. Ich schließe mich da dem Vor-Kommentar von Frau von Rey an. Schade, dass man nicht jemand anderen gesandt hat, dem es nicht wichtig ist, dass er einen 'Zettel' ausgehändigt bekommt.

David Garrett in Stuttgart: Lieber Herr Gaub, unwillkürlich hat mich Ihre "Kritik" an einen Restaurant-Tester erinnert, der ausführlich über die Tischdeko schreibt, ob die Gabeln und Messer an der richtigen Stelle liegen, über die Beschaffenheit der Gläser, die anwesenden Besucher, die Bedienung - der aber vor lauter Bestreben, etwas Negatives zu finden, vollkommen vergisst, über die Speisen zu berichten. Höchstens, wie sie angerichtet waren, aber nichts über den Geschmack, den Genuss! Mit Verlaub: mich interessiert es absolut nicht, an welcher Stelle der Dirigent vorgestellt wurde, ob die Programmpunkte Ihnen auf normalem Papier oder Hochglanz gereicht wurden, oder ob der Veranstalter Regeln fürs Klatschen (was´n Unsinn!) erläßt oder nicht! Was ich viel lieber erfahren hätte ist: hat Sie die Musik berührt, hat es der Solist geschafft, seine Leidenschaft für das was er tut auf Sie überspringen zu lassen, Sie zu faszinieren, Ihnen angenehme, vielleicht sogar unvergessliche Stunden zu bereiten? Darüber erfahre ich nichts aus Ihren Zeilen.

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