David Lynch wird 70 Laura Palmers kaputte Gemeinschaft

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Der Kinoregisseur David Lynch wird am Mittwoch siebzig Jahre alt. Die aktuelle TV-Revolution hin zum originellen Erzählen begann in den USA 1990 mit seiner Krimiserie „Twin Peaks“.

Der Mord an Laura Palmer (Sheryl Lee) lässt viele Lebenslügen im Örtchen Twin Peaks auffliegen. Foto: Mauritius
Der Mord an Laura Palmer (Sheryl Lee) lässt viele Lebenslügen im Örtchen Twin Peaks auffliegen. Foto: Mauritius

Stuttgart - Wälder sind zum Abholzen da, das ist eine sehr alte menschliche Profitstrategie. Im Nordwesten der USA, an der Grenze zu Kanada, ist so manches Vermögen mit Sägewerken gemacht worden. Und so konnte man zunächst für bloßes Lokalkolorit halten, dass im Titelvorspann von David Lynchs TV-Serie „Twin Peaks“, die in den USA 1990 auf die Bildschirme kam, eine betagte Sägewerksmaschinerie auftauchte. Rostrote Sägeräder wurden da Zahn um Zahn von Schleifmaschinen nachgeschärft.

Beim Wiedersehen der Serie drängt sich aber eine programmatische Deutung auf. Der Amerikaner David Lynch, der am 20. Januar siebzig Jahre alt wird, scheint mit dem Schleifen der Sägezähne ein historisches Vorhaben anzukündigen: er wird nun dem Autor und TV-Produzenten Mark Frost einen Pilotfilm und acht Folgen der ersten Staffel und 22 Folgen der zweiten Staffel lang zersägen, was man als gängiges US-Serienkrimiformat auf der ganzen Welt kannte. „Twin Peaks“ kann man als Beginn jener Entwicklung sehen, die aus der TV-Serie als Schnullermedium der Dösenden das aufregendste massenkompatible Erzählformat der Gegenwart gemacht hat.

Nachträglich ist man schlauer. Damals mochten auch Fans der Serie nicht ans Aufblühen einer neuen Serienkultur glauben. „Twin Peaks“ schien eher ein groteskes Phänomen zu sein, einmalige Eingeständnis des US-Fernsehens, was alles möglich wäre, wenn man originelle Köpfe dem Publikum einmal etwas zutrauen ließe.

Aufrechte Bürger, tüchtige Polizisten

Dabei fängt „Twin Peaks“ ziemlich gruselnormgerecht an. Ein Mann geht morgens zum Angeln aus dem Haus und entdeckt ein in Klarsichtfolie verschnürtes Paket am Ufer. Es enthält die Leiche der örtlichen Schulschönheit Laura Palmer. Die Untersuchung der Polizei wird ergeben, dass Laura vor ihrer Ermordung ein Martyrium erdulden musste.

Trotzdem könnte das Örtchen Twin Peaks eine brave Idylle sein, eine Gemeinschaft aufrechter Bürger, tüchtiger Polizisten und einer kleinen Handvoll Randfiguren, denen man Böses zutrauen könnte. Nur eine von ihnen würde sich im Lauf der Ermittlung als schuldig erweisen.

Damit wäre nach neunzig oder fünfundvierzig Minuten klar, dass es sich in diesem Gemeinwesen gut, sicher und richtig leben lässt, dass so ein Verbrechen die schreckliche Ausnahme bleibt. In der nächsten Folge der Serie hätte die Ortspolizei, liefe alles nach Schema X, erneut so einen Fall aufzuklären, der wieder als Ausnahme dastünde. Und egal, wie lange diese Serie liefe, es würde keinerlei Verbindung zwischen den Störungen der Idylle hergestellt.

Spuren von Leid und Gewalt

Ein paar Absonderlichkeiten jedoch streut Lynch früh ein. Mal filmt er eine Treppe, die Lauras besorgte Mutter herabläuft, als sie morgens deren Jugendzimmer leer vorfindet, von schräg unten und in fieser Beleuchtung, mal lässt er eine Figur in Kleinigkeiten ganz anders agieren, als wir das von Serienhelden gewohnt sind. Der Deputy Andy Brennan (Harry Goaz) etwa bricht in Tränen aus, als er mit Sheriff Harry S. Truman (Michael Ontkean) zusammen am Fundport Lauras Leiche inspiziert. Wir bekommen rasch mit, dass ihm das regelmäßig so geht, wenn er mit den Spuren von Leid und Gewalt konfrontiert wird.

Schon in der Pilotfolge fällt der FBI-Agent Dale Cooper (Kyle MacLachlan) als seltsamer Vogel auf, als smarter Kombinierer und blitzgescheiter Beobachter, der zugleich verschroben jungenhafte Züge trägt. Über Kleinigkeiten des Provinzlebens ist er mehr als freudig aufgeregt, über den Geschmack von Kaffee kann er plappern, als schnattere er unter der Wirkung ganz anderer Aufputschmittel einen Werbespot nach.