Debatte um Nachrichtenkanäle Beruhigend ist das alles nicht

Von René Martens 

Welcher Sender bietet welche Nachrichten an? Und brauchen wir überhaupt einen öffentlich-rechtlichen 24-Stunden-News-Kanal?

Übertragungswagen von N24 stehen am Gendarmenmarkt in Berlin. (Archivfoto) Foto: dpa
Übertragungswagen von N24 stehen am Gendarmenmarkt in Berlin. (Archivfoto) Foto: dpa

Stuttgart - Der von ARD und ZDF betriebene Sender Phoenix spielt in Mediendebatten normalerweise selten eine Rolle – doch in diesen Tagen kann er sich über mangelnde Erwähnungen nicht beklagen. Nach dem Terroranschlag von Nizza, dem gescheiterten Putschversuch in der Türkei und dem Neunfachmord von München mehren sich die Stimmen, dass eine zeitgemäße Berichterstattung nur vor einem öffentlich-rechtlichen Nachrichtenkanal zu leisten sei. Phoenix oder Tagesschau24 müssten ausgebaut werden zu einem 24-Stunden-Newskanal, meint der frühere ARD-Moderator Ulrich Deppendorf. Und der frühere Deutschlandradio-Intendant Ernst Elitz, heute vor allem als Kommentator der Bild-Zeitung auffällig, fordert, aus Phoenix, Tagesschau24 und ZDF Info müsse ein gemeinsamer Nachrichtenkanal werden.

„Es ehrt uns, dass wir in der Debatte so präsent sind, das zeigt, dass wir mit unserer Arbeit Erwartungen hervorgerufen haben“, sagt Michaela Kolster, Programmgeschäftsführerin von Phoenix. Der Sender, der im kommenden Jahr sein 20-jähriges Bestehen feiert, habe aber nicht den Auftrag erhalten, als Nachrichtenkanal zu agieren. Tatsächlich ist Phoenix im Rundfunkstaatsvertrag als „Ereignis- und Dokumentationskanal“ definiert.

Der Begriff Ereigniskanal lässt viele Interpretationen zu. Die Ereignisse, die Phoenix prägen, sind nicht zuletzt Parlamentsdebatten. Im vergangenen Jahr sendete man 325 Stunden live aus dem Bundestag. Zu den erfolgreichsten Sendungen gehörten bisher Live-Übertragungen der Schlichtungsverhandlungen zu Stuttgart 21 im Herbst 2010. In der Spitze erreichte man damit einen Marktanteil von 5,3 Prozent. Im Schnitt kommt Phoenix auf 1,1 Prozent.

Mundgeruch und Gebrauchtwagenjäger

Von den bisher bestehenden Info-Spartenkanälen bietet ZDF Info überhaupt keine Nachrichtensendungen an. Anders Tagesschau24, da ist der Name Programm. Das Tagesprogramm ist ähnlich strukturiert wie ein Inforadio, es besteht aus „Tagesschau“-Ausgaben, die auch im ersten Programm laufen, sowie aus Sendungen, die die beim NDR ansässige Redaktion von „ARD aktuell“ eigens für den Nischensender produziert. („Tagesschau in 100 Sekunden“). Abends und nachts laufen Wiederholungen von Magazinen und Dokumentationen anderer ARD-Kanäle. Tagesschau24 ist ein Sparprogramm, gerade mal 11,2 Millionen Euro beträgt der Etat – sogar das knapp ausgestattete Phoenix hat mit 35 Millionen Euro mehr als dreimal so viel zur Verfügung. Im Prinzip existiert Tagesschau24 nur, damit sich der innerhalb der ARD mächtige NDR mit einem eigenen Spartenkanal schmücken kann.

Die Privatsender N-TV und N24 sind ebenfalls keine Nachrichtenkanäle, sie füllen einen wesentlichen Teil ihres Programms mit Dokus, in dieser Woche etwa über „Gebrauchtwagenjäger“ (N-TV) oder Mundgeruch (N24). Ein Sonderfall ist das unmoderierte, auch in deutscher Sprache präsentierte Programm Euronews, an dem 21 europäische Sender beteiligt sind, überwiegend öffentlich-rechtliche. ARD und ZDF sind jedoch nicht darunter.

Unter anderem in Spanien, Italien und Polen gibt es dagegen reine Nachrichtensender, und es gibt auch relativ junge Erfolgsgeschichten, etwa die des französischen Privatsenders BFM TV. Die freie NDR-Journalistin Fabienne Hurst, hat für das „Jahrbuch Fernsehen 2016“, das in diesen Tagen erscheint, einen langen Essay über den 2005 gegründeten Sender verfasst, der „wie kein Nachrichtensender zuvor mit seiner Berichterstattung Aktualität neu definiert“ habe. „Der Sender gibt den politischen Ton an und ist dabei hemmungsloser als die Konkurrenz“, so Hurst. International sorgte BFM TV im Januar 2015 für Aufsehen, als Journalisten des Senders am Tag der Anschläge von Paris mit Terroristen telefonierten. Dass diese Art des Sensationsjournalismus den Befürwortern eines 24-Stunden-News-Senders vorschwebt – laut einer Forsa-Umfrage derzeit 41 Prozent der Bundesbürger –, ist nicht anzunehmen.

Wie geht man mit Twitter-Falschmeldungen um?

„Die nachrichtliche Berichterstattung bei ARD und ZDF ist bereits unglaublich umfangreich“, daher sei es fraglich, ob eine eigene Plattform für Nachrichten her müsse, sagt die Phoenix-Geschäftsführerin Kolster. Zumal ja immer wieder davon die Rede sei, dass „ohnehin heute jeder sein eigener Fernsehdirektor“ sei und sich auf seinem Mobilgerät sein Programm zusammenstelle.

Phoenix hat den Live-Anteil am Programm im Laufe dieses Jahres ausgebaut, vor allem die Berichterstattung aus dem Europäischen Parlament. „Wir schauen aber auch auf die Parlamente in Griechenland, Italien und Frankreich“, sagt Kolster. Ihr ist es wichtig, dass Phoenix dazu beiträgt, einen „Einblick in die europäische Politik zu geben“ und den „europäischen Gedanken zum Tragen bringen.“ Ab dem kommenden Jahr stellen ARD und ZDF Phoenix jeweils eine Million Euro mehr zur Verfügung – ein Teil dieses Geldes werde dazu dienen, die Live-Berichterstattung aus europäischen Parlamenten zu intensivieren, sagt Kolster.

Zumindest in einer Hinsicht ist die Diskussion über einen Nachrichtensender akademisch, denn die Medienpolitik ist ein zähes Geschäft. Die Idee des gemeinsamen Jugendkanals von ARD und ZDF etwa, der im Oktober endlich startet, ist ungefähr vier Jahr alt. Für einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtensender müsste der Rundfunkstaatsvertrag geändert werden, das heißt, es müssten sich erst einmal die Ministerpräsidenten verständigen, schließlich sämtliche Landtage zustimmen. Ehe ein reiner Newskanal an den Start gehen könnte, würden also mehrere Jahre vergehen. Bis dahin wird sich die Verbreitung und die Rezeption von Nachrichten auf eine Weise verändert haben, die man sich jetzt noch nicht vorzustellen vermag. Die aktuell dringlichen Probleme – etwa, wie man die Verbreitung von Twitter-Falschmeldungen minimiert – muss man anders lösen.

Ob ein 24-Stunden-News-Sender wünschenswert wäre, ist noch eine andere Frage. Natürlich könne man konstatieren, dass das Fehlen eines solchen Programms eine strukturelle Merkwürdigkeit der deutschem Medienlandschaft sei, sagt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister. Ein Nachrichtenkanal würde aber, auch, wenn ihn die Öffentlich-Rechtlichen betrieben, immer „zu einer Hysterisierung beitragen“ und etwa „aus jedem Amoklauf ein nationales Großereignis machen“. Hachmeisters Fazit: „Ein Nachrichtensender, der sagt: ‚Beruhigt euch, Leute!‘, wird nicht funktionieren.“