Degerloch Vom Zauber der Beständigkeit

Von Simone Bürkle 

Schon sein halbes Leben lang druckt Reinhard Bär einen einst von Hace Frey entworfenen Abreißkalender.

Wenn die Bögen aus der Druckmaschine kommen, prüft R. Bär, ob alles stimmt. Foto: Bürkle
Wenn die Bögen aus der Druckmaschine kommen, prüft R. Bär, ob alles stimmt.Foto: Bürkle

Degerloch - Reinhard Bärs Welt misst 30 mal 40 Zentimeter. Zumindest an drei Wochen im Jahr. In diesen drei Wochen im Herbst tut Bär etwas, das er sonst in seinem Arbeitsalltag nicht mehr tut: Er druckt einen Kalender. Und zwar nicht irgendeinen. „Sondern den Hace 1900“, sagt Bär. In seiner Stimme schwingt der Stolz auf das mit, was in diesen Tagen wieder unter seinen Händen entsteht.

Jenen Abreißkalender hat der 2003 verstorbene Stuttgarter Grafikdesigner Hubertus Carl „Hace“ Frey entworfen. Vor etwa 45 Jahren muss das gewesen sein, „genau lässt sich das nicht mehr nachvollziehen“, sagt Tobias Köngeter, Bärs Arbeitskollege bei Offizin Scheufele – der Druckerei im Degerlocher Gewerbegebiet Tränke, wo der Kalender entsteht.

Ursprünglich war der schlicht gehaltene Kalender als Werbegeschenk für das Möbelhaus Behr gedacht. Gedruckt auf billigem Papier, mit Kalenderblättern, auf denen sich außer der Datumszahl, dem Wochentag und dem Monat sonst nichts mehr befand. Kein Schnick und kein Schnack, einfach ein Kalender für den täglichen Gebrauch.

„Vor allem Liebhaber der Druckkunst schaffen sich so einen Kalender an“

So war es schon, als Reinhard Bär Mitte der 70er Jahre begann, den Kalender zu drucken, so ist es bis heute geblieben. Längst ist der Kalender vom Werbegeschenk zum Liebhaber-Objekt avanciert. Zwischen 60 und 90 Euro lassen ihn sich die Käufer kosten, je nachdem, ob er verschickt werden soll oder abgeholt wird in der Druckerei. Im Handel ist er nicht erhältlich. 600 Stück ist dieses Mal die Auflage, darunter sind gut 250 Exemplare für die Dauerabonnenten reserviert.

„Es sind vor allem Liebhaber der Druckkunst, die sich so einen Kalender anschaffen“, sagt Tobias Köngeter. Denn gleich geblieben ist über die Jahre auch die Art, wie der Kalender gemacht wird. Nicht im modernen Offsetdruck, bei dem flache Druckplatten zum Einsatz kommen, voll automatisiert in riesigen Maschinen. Sondern im alten Buch- oder Hochdruck. Reinhard Bär ist der Letzte in der Firma, der diese Handwerkskunst noch beherrscht.

Jene besondere Art des Druckens bedeutet eine Menge Arbeit: Bär muss die Druckstöcke, auch Klischees genannt, einzeln von Hand zusammensetzen und in einen Schließrahmen spannen. Der Rahmen wird anschließend in die historische Druckmaschine, einen sogenannten Heidelberger Zylinder, gegeben. Die Maschine bedruckt dann einen Bogen, aus dem später vier Kalenderblätter geschnitten werden.

Das ausgeklügelte System versteht keiner außer Bär

Hört sich einfach an, „ist es aber nicht“, sagt Bär. Denn das Setzen verlangt dem Drucker geistige Höchstleistung ab. Der Grund: Die Kalenderblätter werden nicht chronologisch gedruckt. Bär hat nämlich nur eine gewisse Zahl an Druckformen zur Verfügung. Also zum Beispiel elf Mal die Eins. Von den Wochentagen und Monaten hat er viel weniger. Also muss er diese Formen so auf die Bögen verteilen, dass er möglichst wenig Druckgänge braucht. „Zudem müssen die Sonn- und Feiertage rot, alle anderen Tage schwarz gedruckt werden“, sagt er. Heraus kommt zum Beispiel ein Bogen wie der, den er an diesem Vormittag aus der Maschine zieht: Auf den sind der 20. November, der 24. Dezember, der 30. August und der 17. Mai gedruckt. Zweimal ein Freitag, einmal ein Mittwoch, einmal ein Dienstag. Nächstes Jahr kann er diese Kombination nicht mehr verwenden – weil dann diese Daten auf andere Wochentage fallen. Macht jedes Jahr aufs Neue eine ungeheure Knobelei.

Inzwischen schafft Bär an einem halben Tag den Entwurf, der sicher stellt, dass kein Kalenderblatt fehlt oder doppelt gedruckt wird. Das ausgeklügelte System, um diese Arbeit zu erleichtern, hat er selbst erdacht. „Das versteht keiner, dazu hab ich ja 40 Jahre gebraucht“, sagt er lachend. Sind alle Bögen gedruckt und geschnitten, werden die Kalenderblätter mit Buchschrauben und einem Holzbrett geheftet. Auch das ist handgearbeitet: eine benachbarte Schreinerei sorgt dafür, dass jenes kleine Brett in vielen Arbeitsgängen perfekt geschliffen, gebeizt und poliert wird. Denn das Anfassen des Kalenders soll Spaß machen, sagt Tobias Köngeter: „Das Haptische ist für unsere Kunden sehr wichtig.“ Sie wollen die kleine Erhebung fühlen, die der Druck auf dem Papier hinterlässt, wollen die minimale Unschärfe sehen, die den Hochdruck vom perfekten Offsetdruck unterscheidet. „All das macht jeden Kalender zu einem Unikat“, sagt Reinhard Bär.

Was aus dem Kalender wird, wenn Bär in Rente geht, weiß der 61-Jährige nicht. „Ich würde gerne extra dafür in die Firma kommen, solange ich es noch kann“, sagt er. Denn jedes Mal, wenn Bär den fertigen Kalender in Händen hält, „freue ich mich schon auf den im nächsten Jahr“. Auch deswegen, weil der Kalender für ihn eine Konstante in einer schnelllebig gewordenen Zeit bedeutet. „Ich mag die Beständigkeit“, sagt er. Vielleicht wird Bär diese Beständigkeit fortsetzen. Nachmachen kann ihm diese Arbeit jedenfalls so schnell keiner.

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