Demonstration gegen S 21 So viel Protest wie noch nie
Thomas Braun, Susanne Janssen, Erik Raidt, Wolfgang Schulz-Braunschmidt, Benjamin Schieler, Fotos: Steinert, Zweygarth, Weise, dpa, AP, 02.10.2010 16:26 Uhr
 Foto: dpa
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Stuttgart - Im Mittleren Schlossgarten ist am Freitagabend nach dem Kahlschlag alles wie immer – abgesehen davon, dass 25 Bäume fehlen. Die aufgebrachten Bürger drängen sich auf dem zertrampelten Rasen, es sind mehr als jemals zuvor. Die Polizei wird später die Zahl der Demonstranten mit rund 50.000 angeben, die Parkschützer haben dagegen 100.000 Teilnehmer gezählt. Ungeachtet der erheblichen Differenz steht fest: Es ist die bislang größte Demonstration gegen das Bahnprojekt Stuttgart 21.

Am Ferdinand-Leitner-Steg hat die Polizei ein Anti-Konflikt-Team im Einsatz. Es kommt zu Diskussionen zwischen Demonstranten und Beamten. "Ich habe den Glauben an diesen Staat verloren", sagt eine Frau, und ein gut gekleideter Mitvierziger zeigt stolz auf seinen K-21-Button am Revers: "So wie ich sehen die linken Chaoten aus, von denen Herr Mappus spricht."

Plötzlich Aufregung am Absperrgitter: begleitet von Fotografen und Kamerateams marschieren der Grünen-Bundesvorsitzende Cem Özdemir, Landtagsfraktionschef Winfried Kretschmann und zahlreiche weitere Mandatsträger der Ökopartei über den Platz, sprechen mit Demonstranten und gehen für die Medien in Pose. Fast verloren wirkt dagegen der SPD-Landesvorsitzende Nils Schmid, der nur wenige Meter entfernt vergeblich versucht, den Eiertanz der SPD bei Stuttgart 21 zu erklären. Ein Stück weiter wird ein Gottesdienst unter freiem Himmel abgehalten, die Menschen stehen im Kreis und singen gemeinsam: "Bewahre uns Gott."

S21-Gegner:"Das Schlimmste ist die Ohnmacht"


Die Kundgebung wird eröffnet mit einem Streichquartett, mit getragener Musik von Bach – das passt zur gedrückten Stimmung. Doch spätestens als der Protestveteran und SÖS-Stadtrat Gangolf Stocker die Bühne betritt, fassen die Menschen Mut. "Grube und Mappus halten unseren Protest nicht durch", ruft Stocker. Die Menge skandiert: "Mappus raus, Mappus raus." Anschließend ziehen die Massen durch die Stadt und demonstrieren friedlich.

Viele sind voller Wut wegen der Ereignisse der Nacht zuvor. Sie haben die Bilder noch im Kopf: Eine Minute nach Mitternacht bewegen sich die Polizisten auf ein für die Demonstranten nicht hörbares Kommando mehrere Meter auf sie zu. Wie von unsichtbarer Hand gesteuert gehen die Beamten den Protestierenden entgegen, die zu Tausenden hinter den Absperrgittern stehen. Aus gewaltigen Strahlern fallen Schneisen von Licht in den nachtschwarzen Park. Eben ist der 1. Oktober angebrochen – der erste Tag, an dem überhaupt Bäume im Schlossgarten gefällt werden dürfen. Die Demonstranten erleben, dass es der Staat ernst meint.

Ein junger Mann blickt auf die Einsatzhundertschaften, die eine menschliche Mauer bilden, und dann hinüber zu jenen Bäumen, die gefällt werden sollen. "Das Schlimmste", sagt er, bricht ab und zieht an seiner Zigarette, "das Schlimmste ist die Ohnmacht. Einfach das Gefühl zu haben, dass ich hier bin und gegen die Polizei nichts ausrichten kann." Noch stehen die Bäume, noch röhren nicht die Maschinen. "Aber die werden bald ernst machen", prophezeit der Mann.

Schlossgarten hat sich in ein Schlachtfeld verwandelt


Die Parklandschaft bietet zu diesem Zeitpunkt fast unwirklich anmutende Bilder des Friedens: In allen Rottönen flackern Hunderte von Grablichtern im Park, die von den Demonstranten in Kreisen um die bedrohten Bäume aufgebaut wurden. Unvermittelt wehen traurige und zugleich heitere Klänge von Posaunen und Akkordeons herüber. Doch die Balkanbeats sind nur ein Intermezzo vor dem nächsten Ausbruch von Wut und Enttäuschung.

Längst hat sich der Schlossgarten in ein gewaltiges Schlachtfeld verwandelt, in dem die Kamerateams verschiedener TV-Sender nach den richtigen Positionen suchen, um diese Botschaft in den Nachtjournalen zu verkünden: Beim Streit über das Milliardenprojekt Stuttgart 21 ist eine Stadt aus den Fugen geraten. Nachts um halb eins sind die Verletzten des Vortags versorgt. Der dramatischste Teil des Polizeieinsatzes ist beendet.

Kommentare (161)
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OKT
04
Jakutzi, 17:16 Uhr

Klare Worte

Danke Herr Schuster, Ihre klaren Worte kann man nur unterstreichen. Es muss ein Ende haben damit, die demokratiefeindlichen Drahtzieher unter den Gegner in den Kommentaren und Stellungnahmen zu schonen. Hier sind Hetzer und Rattenfänger am Werk, welche die Bürger beständig mit Gerüchten, Verdächtigungen, Lügen und persönlichen Diffamierungen aufhetzen. Diese Leute wollen nicht das beste für die Bahn, noch für Stuttgart noch für Deutschland. Diese Leute wollen eine anderes Deutschland...und wie dieses aussehen könnte erleben wir schon heute fast täglich: - grenzenlose Intoleranz und Unduldsamkeit gegenüber anders Denkenden - grenzenloser Egoismus auf Kosten der Jugend und künftiger Generationen - beständige Desinformation der Bevölkerung - rücksichtlose Diffamierung des politischen Gegners - Umdeutung aller gesellschaftlich integrierenden Werte - Bekämpfung bewährter und gesetzlich verbindlicher demokratischer Regeln - Bekämpfung des Unternehmertums und der freien Wirtschaft Man kann sich nur wundern, wie viele Stuttgarter diesen widerlichen Rattenfängern auf den Leim gehen? - Freilich drängt sich der Verdacht auf, dass die Stuttgarter wesentlich intelligenter sind, als die Drahtzieher im Hintergrund sich das vorstellen können und in klarer Mehrheit für das Projekt sind.

OKT
04
Edgar Müller, 15:14 Uhr

Stuttgart21

S21 ist meines Erachtens zu einem Symbol geworden. Einem Symbol dafür, dass es die Bürger einfach satt haben von den Regierenden und den Politikern der etablierten Parteien entmündigt zu werden. Es ist so, als würden wir nur alle vier Jahre für einen kurzen Augenblick Demokratie haben, wenn wir wählen dürfen. An diesem einen Wahlsonntag herrscht Demokratie, wenngleich die Auswahl gering ist. Und danach? Danach herrscht diktatorische Klientelpolitik. Unsere Regierenden bedienen schamlos die Mächtigen in Firmen und Verbände. Unsere Energieriesen und die Pharmaindustrie sind gute Beispiele. Telekom und Deutsche Bahn - einstige Staatsbetriebe, die uns gehörten - folgen in der Negativrangliste nicht mit großen Abstand. Und wir, die kleinen Leute, haben nur noch eins zu tun: Maul halten und zahlen. Es wird oben ohne Rücksicht auf Verluste, ohne Moral, einfach im Größenwahn der Macht gehandelt. Bei Stuttgart 21 geht es um mehr, als um Bäume oder einen Bahnhof. Es geht um unsere Demokratie. Alle Macht geht vom Volke aus! Seit längerm ist es leider anders, da demonstrieren uns die Politiker von CDU und FDP was sie unter Demokratie verstehen. Wird Zeit, dass die Machtverhältnisse wieder entsprechend unserem Grundgesetz hergestellt werden. Stuttgart21 ist erst der Auftakt zu einer Bürgerbewegung, die klarstellt, wer der Souverän ist.

OKT
03
Dr. Wolf Marder, 22:53 Uhr

marderbruessel@yahoo.de

"Das Schlimmste ist die Ohnmacht" sagt laut "Stuttgarter Zeitung" einer der Stuttgart 21-Gegner. Da kann man ihn beruhigen. Viel schlimmer ist die Einstellung, es sei "schlimm", wenn andere nicht tun, was ich für allein richtig halte. Das ist schlicht intolerant. Es ist doch um eine alltägliche Erfahrung, daß wir mit Entscheidungen leben müssen, die wir so selbst nie beschlossen hätten. Der zitierte Stutgart 21-Gegner wird sich zudem fragen lassen müssen, ob er nicht einfach ein schlechter Verlierer ist, der nicht einsehen will, daß sein verbrieftes Demonstationsrecht eine Sache ist, ob Bahn und Regierung eine einmal getroffene Entscheidung wieder umstossen, aber eine andere.

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