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Das Leben von August und Kathrin aus Waldenbuch hat 1940 ein jähes Ende gefunden. Sie gehörten zu jenen 10 654 Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, die bei der sogenannten "Aktion T 4" in Schloss Grafeneck bei Gomadingen im Auftrag des NS-Regimes getötet wurden. Heimatforscher Siegfried Schulz hat das Schicksal des 20-jährigen Mannes und der 63-jährigen Frau nachgezeichnet und schließt damit eine Lücke in der Waldenbucher Geschichtsschreibung. Am Volkstrauertag stellt er die Ergebnisse seiner Recherchen im Rahmen einer Veranstaltung des SPD-Ortsvereins vor.
In den Waldenbucher Chroniken suchte man nach dem Kapitel Euthanasie im Dritten Reich bisher vergebens. "Dass damals auch Menschen aus unserer Gemeinde wegen Krankheit und Behinderung umgebracht wurden, habe ich erst vor wenigen Jahren durch Zufall erfahren", erzählt Siegfried Schulz. Ein Waldenbucher Bürger hatte ihm berichtet, bei einer Gedenkveranstaltung seien die Namen zweier Opfer aus der Schönbuchstadt gefallen. Der Pfarrer und Studiendirektor im Ruhestand nahm die Spur sofort auf. Schließlich weiß der umtriebige Hobby-Historiker: "Vergessen hilft nicht. Wer die Geschichte nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen."
Vergessen werden August und Kathrin nun nicht mehr. Ihre Nachnamen macht Schulz aus Rücksicht auf die Angehörigen zwar nicht publik - doch letztlich sind sie auch verzichtbar. Viel wichtiger ist das Wissen um die Verbrechen, die ein Staat an Menschen ausgeführt hat, nur weil sie nicht der damals gängigen Norm entsprachen. Opfer, die kaum Fürsprecher fanden und keine Chance hatten, sich zu wehren.
Was der Heimatforscher zu berichten weiß, zeichnet das erschreckende Bild eines grausamen, politischen Regimes, das auch das kleine Städtchen im Schönbuch mit seinen Gräueltaten nicht verschonte. Dort, wo August und Kathrin starben, hat Schulz erste Hinweise auf die Lebensgeschichte der beiden Euthanasie-Opfer gefunden. Im Erinnerungsbuch der Gedenkstätte Grafeneck sind ihre Namen vermerkt.
Mit Hilfe von Unterlagen wie dem Jahresbericht des ehemaligen Anstaltsleiters oder den Krankenakten zeichnete sich ihr Schicksal immer deutlicher ab. "Der 20-jährige August war geistig behindert und von seiner Familie in der Heil- und Pflegeanstalt Stetten untergebracht worden", hat Schulz herausgefunden. Kathrin, die zuvor viele Jahrzehnte zuverlässig als Dienstmädchen gearbeitet hatte, wurde nach einem Selbstmordversuch in der Heilanstalt Weinsberg wegen Schizophrenie behandelt.
"Per Fragebogen sortierten die Nationalsozialisten damals in den Behinderteneinrichtungen jene Menschen aus, deren Leben von ihnen als unwürdig eingestuft wurde", berichtet Schulz. August und Kathrin waren 1940 bereits länger als fünf Jahre im Heim. "Damit galten sie automatisch als Todeskandidaten", sagt der Theologe. Am 8. Mai 1940 wurde Kathrin abgeholt und noch am gleichen Tag in Grafeneck vergast. Am 5. November 1940 ereilte August das gleiche Schicksal.
"Es ist wichtig, dass wir an diese Ereignisse erinnern und aus ihnen lernen", davon ist Siegfried Schulz überzeugt. Der Volkstrauertag sei dafür besonders geeignet: "Es gibt in diesem Zusammenhang vieles, was wir betrauern müssen." Die lokalen Aspekte sind jedoch nur ein Teil der Geschichte. Deshalb kommt am Sonntag im Haus der Begegnung auch der Leiter der heutigen Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle, zu Wort. Er gibt Einblicke in den politischen Gesamtzusammenhang und die Rolle von Schloss Grafeneck als einen der ersten Orte, an denen das NS-Regime die systematisch-industrielle Ermordung von Menschen praktizierte. Das Schicksal von August und Kathrin wird so 71 Jahre nach ihrem Tod wieder lebendig und kann als Mahnung für künftige Generationen dienen.
Der Waldenbuch Heimatforscher Siegfried Schulz präsentiert die Ergebnisse seiner Recherchen über das Schicksal von Euthanasie-Opfern aus der Schönbuchstadt im Rahmen einer Gedenkveranstaltung des SPD-Ortsvereins zum Volkstrauertag am Sonntag, 13. November, im Haus der Begegnung, Bahnhofstraße 8. Beginn ist um 18 Uhr. Der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck, Thomas Stöckle, ist ebenfalls zu Gast und spricht zum Thema "Vom Verlieren und (Wieder-)Finden der Geschichte. Euthanasie - Verbrechen im Nationalsozialismus und die Erinnerung an ihre Opfer".



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