Denkmal der NS-Zeit Das Hotel Silber im Stimmengewirr
Thomas Borgmann, 30.03.2010 17:06 Uhr
Bis 1919 gab es das Hotel Silber, heute beherbergt das Haus Ministerien. Von 1936 bis 1945 hatte dort die Zentrale der Gestapo ihren Sitz. Foto: dpa
Bis 1919 gab es das Hotel Silber, heute beherbergt das Haus Ministerien. Von 1936 bis 1945 hatte dort die Zentrale der Gestapo ihren Sitz. Foto: dpa
""Für uns ist das Hearing zum Hotel Silber ein Schritt in die richtige Richtung.""
Roland Ostertag, Sprecher der Initiative Gedenkort

Stuttgart - Der Architekt Roland Ostertag hat im Stuttgarter Rathaus keinen guten Ruf. Der 78-Jährige, den man hinter vorgehaltener Hand als "ewigen Neinsager" und "selbst ernannten Tugendwächter in Sachen Stadtplanung" schmäht, lässt schon seit Jahren kein gutes Haar an der Kommunalpolitik: Ob es der Umgang ist mit den Resten der Lusthausruine, die Hängepartie um die Besitzverhältnisse der berühmten Weißenhofsiedlung, ob der Streit um Stuttgart 21, um den Generalbauplan oder, wie aktuell, um die Zukunft des Hotels Silber - Roland Ostertag belegt das alles mit seinem markigen Vokabular: Kulturschande, Schande für Stuttgart, Niveaulosigkeit, Geschichtsvergessenheit, Scheinheiligkeit, Unaufrichtigkeit.

Umso erstaunlicher, dass Roland Ostertag dieser Tage lobende Worte zum Thema Hotel Silber fand: "Die Ratsfraktionen schwenken auf unsere Linie ein, das ist erfreulich. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, ich bewerte das als einen Etappensieg für uns." Mit "uns" meint Ostertag die Initiative Gedenkort Hotel Silber, in der mittlerweile 16 verschiedene Gruppen, Vereine und Organisationen vereint sind, zuletzt sind ihr der DGB Nordwürttemberg und die Georg-Elser-Arbeitsgemeinschaft beigetreten. Der streitbare Architekt hat sich zum Sprecher all derer aufgeschwungen, die kategorisch fordern, die ehemalige Gestapozentrale an der Dorotheenstraße dürfe auf keinen Fall abgerissen werden, vielmehr müsse das Haus erhalten bleiben und darin ein neues Zentrum entstehen, in welchem die NS-Zeit in Stuttgart und Württemberg erforscht werde.

Was Roland Ostertag gefällt, das ist die Tatsache, dass OB Wolfgang Schuster und die Ratsfraktionen jetzt übereingekommen sind, noch vor der kommunalpolitischen Sommerpause ein Hearing zum Themenkomplex Hotel Silber zu veranstalten. Ostertag und seine Mitstreiter gehen fest davon aus, dass sie an diesem Hearing mitwirken können. "Unser erklärtes Ziel ist es, dass das Gebäude erhalten bleibt und nicht der Neuordnung am Karlsplatz zum Opfer fällt", so sagt er unmissverständlich. Und er fordert, dass nicht die Stadt, sondern eine "neutrale Stelle" diese fundierte Veranstaltung ausrichtet.

Abriss so gut wie beschlossen


Spätestens an diesem Punkt wird deutlich, wie vielfältig und schwer einschätzbar das politische Stimmengewirr um das Hotel Silber tatsächlich ist. Die Stoßrichtung des Oberbürgermeisters ist eindeutig: "Aus den Ergebnissen des Hearings wollen wir die Kriterien ableiten für einen Architektenwettbewerb, in dem es um die Gestaltung der Gedenkstätte geht", sagt Wolfgang Schuster. Für ihn, aber auch die breite Mehrheit aus Grünen, CDU, SPD, FDP und Freien Wählern im Gemeinderat ist der Abriss des Gebäudes Dorotheenstraße 10 quasi beschlossene Sache - so wie es auch in der Ausschreibung zu dem kürzlich entschiedenen Architektenwettbewerb für das Quartier am Karlsplatz geschrieben steht.

An dieser Stelle jedoch schwankt Roland Ostertag hin und her. Einerseits sagt er, die Initiative Gedenkort Hotel Silber werde "ohne Vorbedingungen" am Hearing teilnehmen, andererseits sagt er, "wenn von vornherein feststeht, dass das Haus abgerissen wird, müssen wir überlegen, ob wir teilnehmen". Entscheidung offen. Die CDU-Ratsfraktion wiederum möchte die Authentizität des Gebäudes wissenschaftlich geklärt wissen - für Roland Ostertag, der selbst die alten Bauakten studiert hat, ist diese Frage längst geklärt: "Die baulichen Veränderungen des Gestapokellers nach 1945 gehen zulasten der Stadt. Man kann ihn rekonstruieren."

Angst um den Ruf der Stadt


Die Sozialdemokraten im Gemeinderat und im Landtag fordern von den Bauherrn der neuen Ministerien, dem Land und dem Haus Breuninger, 2000 Quadratmeter für ein NS-Forschungszentrum vorzusehen. Das Land hat inoffiziell bereits abgewinkt. Die Grünen wiederum verlangen von der Stadt, rasch einen "konzeptionellen Arbeitskreis" einzuberufen - die Landeshauptstadt brauche "eine Topografie des Gedenkens", schließlich gebe es hier nicht allein das Hotel Silber, sondern eine ganze Reihe von Orten, an denen man die Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten quasi ablesen könne.

Viele Seiten haben sich des Themas Hotel Silber angenommen, aber Gemeinsamkeiten, die eine große Linie erkennen lassen, finden sich kaum. Alle Seiten befürchten, der Abriss des Hotels Silber könnte Stuttgart als eine Stadt erscheinen lassen, die das Dritte Reich kaltherzig verdrängt. Ein Ausweg aus diesem Dilemma ist gegenwärtig nicht in Sicht.
Kommentare (7)
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MRZ
31
J. Rebeis, 21:28 Uhr

Romand Ostertag

Gottseidank gibt es in dieser Stadt noch einige Charakterköpfe (neben Prof. Ostertag z.B. auch Gerhard Raff!), die schlicht und einfach die Wahrheit aussprechen und dokumentieren. Dafür ihm herzlichen Dank! Leider gehört in Stuttgart fast schon Mut dazu, dafür zu plädieren, dem Kommerz nicht alles zu opfern. "Kein Schwein" hat sich für das Hotel Silber interessiert? Abgesehen von der dumm-menschenverachtenden Form dieser Aussage(der Schreiber reiht sich hier offensichtlich ein!) muss gesagt werden: Die Masse hat sich sicher nicht dafür interessiert (wie auch, wenn die Gedenktafel IM INNEREN hängt? Von den älteren Stuttgartern weiß sicher jeder, was sich hinter dem Euphemismus "Hotel Silber" verbirgt! Für mich wäre es unvorstellbar, wenn die CDU und die SPD dabei mithelfen würden, die Kerkerstätte ihrer großen Widerstandskämpfer Bolz und Schumacher abzureißen!

MRZ
31
volker s., 09:56 Uhr

fünf

Herr Ostertag leidet anscheinend schwer daran, nichts mehr zu sagen zu haben. Zitat: "Die Ratsfraktionen schwenken auf unsere Linie ein, das ist erfreulich. Es ist ein Schritt in die richtige Richtung, ich bewerte das als einen Etappensieg für uns." Herr Ostertag, das ist doch wohl eine grobe Vereinfachung der Dinge und eine völlige Fehleinschätzung der Lage. Baut im Wilhelmspalais ein Dokumentationszentrum mit ein und geht dort auf das Hotel Silber ein. Das reicht. Völlig.

MRZ
31
Tonylein, 09:21 Uhr

Ostertag - Verbitterter Greis?

Diesem alten vergreisten und verbitterten ewigen Nein-Sager braucht doch eigentlich kein Mensch mehr zuzuhören. Irgendwie scheint er doch meistens selbst nicht zu wissen, für was er eigentlich ist - nur weis er immer, dass er "dagegen" ist. Und genau so ist es mit dem ehemaligen Polizeirevier der Stadtpolizei - Hauptsache dagegen. Und, es wird abgerissen - da können seine Fans ja in Zukunft Dienstags von 18 Uhr bis 18 Uhr 30 demonstrieren gehen, damit sie was zu tun haben! Jahrelang hat dieses Gebäude kein "Schwein" interessiert - jetz soll es abgerissen werden, und da schreien sie alle - und natürlich wollen sie es in den Ursprungszustand (Moment - nicht Ursprungszustand, sondern einen Zustand im Laufe der Geschichte, den es wenige Jahre lang hatte) zurückversetzen. Wenn Herr Ostertag genügend Geld hat, kann er ja z.B. eine Stiftung bilden, die sich in die Büro-Räume in dem neuen Gebäude dann einmietet und ihre Forschungen zum "Hotel Silber" betreibt. Aber wie gesagt, er und seine Fans sollen bitte ihr eigenes Geld dafür verschwenden - und nicht das Geld anderer Leute! Und wenn Herrn Ostertag so viel in Stuttgart nicht gefällt, dann soll er doch einfach wegziehen - und die Leute wo anders nerven!

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