Krimikolumne

Deon Meyer: „Fever“ Abstruser Schluss

Von Georg Patzer 

Streckenweise spannend geschrieben: Deon Meyers „Fever“ erzählt von einer Welt nach dem Fieber, das fast alle Menschen getötet hat.

Deon Meyer ist mit „Fever“ unter seinem gewohnten Niveau geblieben. Foto: Brenda Feldtman
Deon Meyer ist mit „Fever“ unter seinem gewohnten Niveau geblieben. Foto: Brenda Feldtman

Stuttgart - Zum ersten Mal musste er seinen Vater beschützen, als die beiden von einer Hundemeute angegriffen wurden. Sie waren grade dabei, ihr Auto vollzutanken, als der dreizehnjährige Nico eine Bewegung sah. Es gelang ihm, zum Auto zu kommen, aber sein Vater wurde von den Hunden eingekreist und angegriffen. Nico gelang es, einige von ihnen zu erschießen, den Rest zu vertreiben. Seit dem Tag wusste er, sagt er, dass er stärker als sein Vater ist.

Zwei Jahre vorher war „das Fieber“ ausgebrochen, eine rasant schnell tödlich verlaufende Krankheit, die nur etwa 10 Prozent der Menschheit überlebte. Seitdem fahren Willem Storm und sein Sohn Nico durch Südafrika, auf der Suche nach einem Platz, wo sie sicher überleben können, und dann nach einem Platz, wo sie eine neue Gemeinschaft aufbauen können. Sie finden einen Ort, von Bergen umrahmt, an dem es Wasser gibt. Schnell schließen sich andere Menschen an, die eine neue Welt aufbauen wollen. Und natürlich gibt es schnell auch Konflikte, es müssen Strukturen geschaffen werden, die alle zufriedenstellen, man muss sich verteidigen - denn es gibt auch brutale Räuberbanden, fast alle Überlebenden sind schon mal überfallen, ausgeraubt worden, viele auch vergewaltigt.

Gutes, schnelles Tempo

Das neue Buch von Deon Meyer, der vor allem mit Kriminalromanen aus Südafrika berühmt wurde, zeigt den Untergang unserer und die Entstehung einer neuen Welt. Es ist streckenweise sehr spannend geschrieben. Zeigt die Auseinandersetzungen in der neuen Gemeinde, die politischen Intrigen und Spannungen zwischen der religiösen Seite um den bigotten Pastor Nkosi und Willem Storm, dem vorsichtigen, liberalen, abwägenden Gründer von Amanzi. Vor allem aber die Kämpfe gegen die Banden haben ein gutes, schnelles Tempo.

Ansonsten und insgesamt aber ist es eher schludrig geschrieben. Die Charaktere sind holzschnittartig, hier die Guten, da die Bösen (oder die vom Pastor Verführten), und zwischendrin der einsame Wolf, der immer recht hat und die anderen beschützt, aber nicht viel redet. Nicos Vater, der in den ersten Seiten des Buchs dem ich-erzählenden Helden zärtlich die Haare strubbelt und ihn unterrichtet. Domingo, der immer düster guckt, sich politisch nicht einspannen lässt und die Verteidigungsarmee aufbaut. Nico, der natürlich der Nachfolger seines Vaters werden soll und der beste Soldat und hervorragender Schütze ist.

Die Entwicklungen sind allesamt vorhersehbar

Ach, es ist langweilig. Die Entwicklungen sind allesamt vorhersehbar, die Liebesgeschichten zwischen Domingo und Birdie Canaray und vor allem zwischen Nico und Sofia Bergman. Der Tod des Vaters, der alle paar Seiten immer wieder angekündigt wird, bis es einem richtig auf die Nerven geht. Die Überfälle, die Versuche, die Gegenseite zu überraschen. Die Suche nach Benzin, Waffen, Saatgut, technischen Ersatzteilen. Der Aufbau einer neuen Gemeinschaft, die anders sein soll als das vorherige Leben, demokratisch und gerecht - nur mit Mühe kommt auch eine Frau in die Leitungsgruppe, ebenso machomäßig geht es beim Militär zu. Na gut, das könnte noch ein Abbild unserer heutigen Gesellschaft sein . . . Frauen kommen in Meyers Roman zwar vor, und sie sind auch wichtig für die Gemeinschaft oder das Gefühlsleben der Helden, aber eine richtige literarische Hauptrolle spielen sie nirgendwo.

Und dann der völlig abstruse Schluss, wo plötzlich die totgeglaubte Mutter wieder auftaucht und sich als eine der Drahtzieherinnen des tödlichen, menschenausrottenden Fiebers entpuppt. Denn das Virus wurde gezielt eingesetzt, um die Menschheit großenteils auszurotten, damit die Erde wieder leben kann, und eine kleine Gruppe nahm sich das Recht heraus, das durchzuziehen und dann mit Hubschraubern herumzufliegen, paramilitärisch aufzutreten und sich am Schluss auf noch abgelegenere Inseln zurückzuziehen, damit das Projekt geheim bleibt. Statt beispielsweise eine Ordnungsmacht im Chaos zu sein oder selber etwas Neues anzufangen. Stilistisch und auch inhaltlich gesehen ist das Buch also eher Mittelmaß, ziemlich oberflächlich und weit unter dem Niveau, das man von Deon Meyer gewohnt ist.

Deon Meyer: Fever. Roman. Übersetzt von Stefanie Schäfer. Verlag Rütten & Loening, 700 S., 19,99 Euro