Der autistische Künstler Roland Kappel Das Leben ist eine Baustelle

Von Karin Kontny 

Roland Kappel hat eine Mission. Aus recycelten Fundstücken schafft der Autist eine Welt aus Baumaschinen und Gebäuden, in der alles eine eigenwillige Ordnung besitzt.

Kappel ist gut im Geschäft.  Für seine Arbeiten  zahlen Sammler bis zu 15 000 Euro.  Der 67-Jährige hatte   bereits Ausstellungen in England, Belgien und Schottland. 
Foto: Benjamin Ulmer Foto:  
Kappel ist gut im Geschäft. Für seine Arbeiten zahlen Sammler bis zu 15 000 Euro. Der 67-Jährige hatte bereits Ausstellungen in England, Belgien und Schottland. Foto: Benjamin Ulmer

Gammertingen - Gott braucht einen Stadtplaner. Roland Kappel ist sich da ganz sicher. Und darum übernimmt er diese Aufgabe. Jeden Tag. Schon um halb acht steht der 67-jährige darum unter der Woche am Fuße Mariabergs auf der Schwäbischen Alb an der Bushaltestelle. Die Tasche geschultert, der Blick unter den buschig-grauen Augenbrauen konzentriert. Dort, wo die Häuser sich wie Perlen einer Kette an den schmalen Straßen entlang aufreihen oder in der Landschaft verstreut sind, als wären sie aus einem Würfelbecher gekullert, ist die Verkehrsanbindung nicht die beste. Hat der Bus Verspätung, geht Roland Kappel lieber zu Fuß in die zweieinhalb Kilometer entfernte Nachbarstadt Gammertingen. Schimpft über den Fahrplan. Oder den Regenschauer, der unterwegs über ihm niedergeht und ihm trotz des schnell übergezogenen dunkelgrünes Cape vom Rand seiner Kapuze ins Gesicht tropft. Und schwört sich, dass er mit seiner „RK Baumission“ einiges ändern wird an der Situation hier oben auf der Alb.

Seit den 80er Jahren firmiert Roland Kappel als Chef der „RK Baumission“, einer Baufirma, deren einziger Angestellter er ist. „Baumis’on Roland Kappel“ lautet das Logo des Unternehmens, einem fiktiven Konzern, der in Kappels Atelier – im Keller seines Wohnhauses – zahlreiche Baustellen unterhält. Auf Holzplatten entwirft die RK Baumission einen Kosmos aus Baustellengeräten. Kräne und Bagger, aus Metallplatten oder Radioteilen. Geklebt, geschweißt, mit Schnüren zusammengehalten, von feinen Drähten durchzogen. Beweglich und teils funktionstüchtig. Als Miniatur oder groß wie ein Erwachsener. Dazwischen immer wieder Wohnhäuser, Geschäftshäuser, Kirchen, Hotels. Aus Beton, Gips, Holz, Styropor. Ein Panoptikum. Eine andere, vielleicht eine bessere Welt. Eine, in der Gott das Sagen hat und auch die von Kappel gestalteten Verkehrszeichen, die von Warn-, Verbots- und Hinweistafeln aus aller Welt inspiriert sind. Mal genau abgemalt, mal ironisch verfremdet.

Ein wichtiger Vertreter der „Outsider Art“

Mit diesem Gesamtwerk gilt der Künstler mittlerweile als einer der wichtigsten deutschen Vertreter der zeitgenössischen Art Brut, die auch als „Outsider Art“ bezeichnet wird. Kunst von Außenseitern, von Grenzgängern, von Menschen mit psychischer oder geistiger Behinderung, die in renommierten Galerien ihren Platz findet. Dabei ist sich Roland Kappel manchmal gar nicht so sicher, ob seine Baumission überhaupt in eine Galerie passt.

Seine Welt, das sind nun einmal eher Kirchen und Baustellen. Gerade eben war er wie immer werktags beim Frühgottesdienst in der Gammertinger Pfarrkirche St. Leodegar, nun will er weiter zur Baustelle am Rathaus. „Ich weiß nicht, ob das Kunst ist, was ich mache“, sagt er mit rauer Stimme auf dem Weg dorthin, die linke Hand in die ausgebeulten Tasche seiner grauen Strickjacke vergraben, in der rechten eine Zigarette. „Die Baumis’on, die Mission ist ja etwas, was dem Menschen hilft in der Not.“ So wie der Glaube.